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Religionen / Archiv | Beitrag vom 03.01.2016

Restaurierung großer KirchenDem Turm 700 Jahre Stabilität schenken

Von Mechthild Klein

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Die Münsterbaumeisterin Yvonne Faller steht auf einem Gerüst auf dem Münsterturm in Freiburg. (picture alliance / dpa / Rolf Haid)
Die Münsterbaumeisterin Yvonne Faller auf einem Gerüst auf dem Münsterturm in Freiburg (picture alliance / dpa / Rolf Haid)

Gerissene Steine, manchmal sogar Einsturzgefahr: Dombaumeister beheben Schäden an jahrhundertealten Kirchen wie dem Freiburger Münster oder der Hamburger St. Michaeliskirche. Einfach ist das nicht - auch wegen der Fehler von Vorgängern.

Feuerschutz, Klimaveränderung, moderne Licht- und Heizungsanlagen – diese modernen Anforderungen an ihre altehrwürdigen Bauwerke kennen die Dombaumeister alle. Doch wenn sich Steine aus dem Bauwerk lösen, warten meist noch komplexere Aufgaben auf diese Architekten, Bauingenieure oder Steinmetzmeister, die für einen großen Kirchbau zuständig sind.

Münsterbaumeisterin Yvonne Faller: "Die Herausforderung ist der erstmalige Eingriff in die Statik. Der Turm ist extrem filigran. Ein kühnes Ingenieur-Bauwerk des frühen Mittelalters. 1330 im Mittelalter als einziges Bauwerk auch fertiggestellt."

Die Rede ist vom Turm des Freiburger Münsters. Yvonne Faller ist Münsterbaumeisterin. Die Sanierung des gotischen Turmes beschäftigt sie seit Jahren. An anderen gotischen Kirchtürmen gibt es Streben oder Querverstärkungen – in Freiburg nicht. Deshalb kann man auch wunderbar durch den Turm durchschauen. Dieser 116 Meter hohe Turm ist seit sieben Jahrhunderten Wind, Regen und Blitzeinschlägen ausgesetzt. Den Turmhelm hält nur eine schmiedeeiserne Ringeisenkonstruktion zusammen, die damals in den Sandstein gelegt wurde.

"Wir haben jetzt vor sechs Jahren festgestellt, dass Ecksteine - Steine, an denen vertikale und horizontale Kräfte aufeinander treffen -, gerissen sind. Das nicht nur einmal, sondern an mehreren Stellen. Sprich: 14 von 64 Stellen. Das heißt, da wird die Überlastung von benachbarten Steinen immer größer und es besteht die Gefahr, dass es sehr schnell zu einem Kollaps kommen könnte."

Diese Schäden hatten Steinmetzen schon vor 115 Jahren gesehen. Man hat sie aber nur oberflächlich behoben und zugedeckt. Vielleicht in der Hoffnung, dass kommende Generationen mehr ausrichten können. Nach gründlicher Analyse ist heute klar: Man muss die tragenden Ecksteine austauschen - …

"wohlwissend, dass von oben bis zu 40 Tonnen Last drauf kommt. Ein Steinaustausch geht mit allen Vor- und Nacharbeiten vier Monate."

Klingt kompliziert und ist es auch, denn der Steinaustausch kann nur mit einer ausgeklügelten Abstütz-Methode erfolgen. Immerhin ist die Hoffnung da, dass ein derartig aufwendiges Verfahren dem Turm weitere 700 Jahre Stabilität schenken wird.

Kette von Folgeschäden

Heutige Baumeister kämpfen vielfach auch mit den fehlerhaften Sanierungen vom Anfang des 20. Jahrhunderts, erläutert der Architekt an der Hamburger St. Michaeliskirche, Joachim Reinig:

"Es gab hier vorher falsche Theorien, zum Beispiel über die Eisdruck-Theorie. Dass das Eis die Steine aufdrückt - das macht es auch im Winter",

… aber längst nicht in diesem Ausmaß. Auf der Suche nach den Ursachen für die Risse in der Fassade der Hamburger Barockkirche wurde schließlich der Mörtel analysiert.

"Wir haben erkannt, der Michel wurde mit Segeberger Kalk gebaut, aber der Segeberger Kalk hat hohe Gipsanteile. Das heißt, es war ein gipshaltiger Mörtel. Und der wirkt mit Wasser und schwemmt aus und er verträgt sich nicht mit Zement. Zement wurde eingesetzt im Wiederaufbau 1908."

Die Folge war, dass diese Mörtelschicht als Bindemittel zwischen den Steinen immer dünner wurde. Die Steine wurden dann zusammengedrückt, die Bauteile darüber zerbrachen. Am falschen Mörtel sind schon viele Sanierungen aus dem 20. Jahrhundert gescheitert. Die Mischung aus Mörtel mit Zement entpuppte sich erst Jahrzehnte später als völlig ungeeignet für die alten Kirchen.

"Mörtel wurde damit härter, dachte man, da wird er nicht so schnell ausgewaschen. Das Problem war aber auch, dass der Mörtel so hart war und so dicht, dass kein Wasseraustausch mehr stattgefunden hat. Das wichtigste an den Steinen ist - wenn sie nass werden und sie werden immer nass, egal was Sie machen -, sie müssen das Wasser wieder abgeben. Der Mörtel, der zementhaltige, lässt da kein Wasser mehr durch."

Das zog eine Kette von Folgeschäden nach sich; übrigens auch die Verwendung von Beton. Die Konsequenz, die heutige Dombaumeister daraus ziehen, ist daher nur logisch:

Joachim Reinig: "Erstmal sanieren wir handwerksgerecht. Das heißt, wir bleiben sozusagen in der Methodik der Zeit."

Yvonne Faller: "Wir haben anlässlich der Turmsanierung einen Mörtel entwickelt, der so war wie damals im Mittelalter. Und das ist heutzutage gar nicht so einfach."

Sauren Regen konnte sich vor 200 Jahren niemand vorstellen

Man setzt auf die alten Baumethoden. Möglichst wenig Chemie reinmischen, denn keiner weiß, wie sich moderne Baustoffe über die Jahrhunderte verhalten. Welche chemischen Reaktionen sie noch auslösen werden. Dass es einmal Sauren Regen geben würde, konnte sich vor 200 Jahren auch niemand vorstellen. Damit künftige Generation der Dombaumeister nicht im Dunkeln tappen, wie im 21. Jh. saniert wurde, wird heute viel genauer dokumentiert.

Joachim Reinig: "Wir haben zum Beispiel hier am Michel ein digitales Planarchiv aufgebaut, wo Pläne, Fotos, aber auch Beschreibungen und Materialangaben gespeichert sind, so dass die Sanierung künftig einfacher wird."

Als die Baumeister im Mittelalter anfingen zu bauen, war klar, dass weder sie noch ihre Gesellen die Fertigstellung jemals erleben würden. In dieser Tradition finden sich auch die heutigen Sanierer wieder.

Yvonne Faller: "Das macht was mit einem. Man lernt Geduld und man wird demütiger. Es ist tatsächlich so, dass man als Architekt in der normalen Lebensrealität wird man ja mit Zeit- und Kostenplänen konfrontiert, das scheint ja angeblich das Wichtigste zu sein. Und viele Dinge werden einfach schnell gemacht, weil Zeit ist Geld. Das lernt man am Münster, dass man sich das überhaupt nicht leisten kann. Ich bin auch angetreten bei der Turmsanierung, hab' gesagt: in fünf Jahren sind wir durch. Und dann plötzlich kam die Erkenntnis, dass wir da 'ne statische Konsolidierung machen müssen und das warf alles über den Haufen."

Mehr Informationen zur Kirchenrestaurierung und Dombaumeistern finden sie auf der Webseite der Europäischen Vereinigung der Dombaumeister, der Webseite des Münsterbauvereins Freiburg und der Hamburger St. Michaeliskirche.

 

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