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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 10.08.2017

Reisen als ErkenntnisEntdecken statt klicken

Von Christian Schüle

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Blick auf Paris (picture alliance / dpa / Foto: Kevin Kurek)
Beim virtuellen Reisen bleibt das wirkliche Entdecken auf der Strecke. (picture alliance / dpa / Foto: Kevin Kurek)

Ein virtueller Stadtrundgang durch Paris, ein digitaler Museumsbesuch in London - per Mausklick können wir die ganze Welt erkunden. Doch das wirkliche Reisen haben wir dabei verlernt, meint Christian Schüle.

Reisen, um es gleich zu sagen, ist nicht Urlauben, wobei jede Art von Urlaub keineswegs abgewertet werden soll. Urlaub ist immer schon Angekommen-Sein, Reisen immer Auf-dem-Weg-Sein. Urlaub ist wichtig, ja, aber Reisen ist wichtiger denn je. Reisen ist politisch, weil es die Erfahrung des Fremden im Unvertrauten ermöglicht. Reisen verändert unsere Weltwahrnehmung und lehrt uns zu erkennen, dass wir nicht wissen, sondern stets nur glauben und vermuten.

Auf einmal stehen dieser Tage – auf eine nicht mehr für möglich gehaltene Weise –  Wissen, Wissenschaft und Wahrheit zur Disposition, fake news, alternative facts, Desinformationspropaganda und das, obwohl das Ausmaß des Wissenswerten permanent wächst. Wir wissen nicht mehr genau, was wir wissen können, was wahr, was falsch ist – wenn wir es denn je tatsächlich gewusst haben. Bilder täuschen, Statistiken sind selektiv, Manipulationen haben Vernunft und Vertrauen unterlaufen.

Umso wichtiger ist die Rückeroberung der Freiheit, sich selbst ins Bild zu setzen. Bildung heißt ja doch, sich inmitten der Inflation der Impulse ein Bild dessen zu machen, was der Fall ist. Selbst zu sehen, selbst zu erfahren, selbst zu denken, da globaler Handel, globaler Lifestyle, globale Migration bereits alltäglich sind; künftig unausweichlich sein werden, und der Mensch weitaus mehr Empathie und Kommunikationsfähigkeit als allein betriebswirtschaftliche Funktionalität und  algorithmische Programmiersprache benötigen wird.

Im Gegensatz zum Urlaub ist Reisen politisch

In diesen irren, manchmal hysterischen, aus den Fugen geratenen Zeiten, in denen sogar als Staatsräson das Fremde abgewertet und abgewiesen wird, ist Reisen von eminenter Wichtigkeit, um wieder zu erkennen, was uns abhanden gekommen zu sein scheint: die Erfahrung realer Wirklichkeit und eigener Zeit, die Kreativität der langen Weile, die Poesie des Zufalls: Die Gastfreundschaft aller Kulturen und die Herzlichkeit des Menschen als solchen.

Wir aber haben zu reisen verlernt. WIR – das sind die Reibungslosigkeit gewohnten Individualisten westlicher Wohlstandsgesellschaften, die kaum noch Gewissheiten haben. Deren Institutionen in der Krise sind. Deren Leitwerte Wachstum’ ‚Effizienz’, und ‚Optimierung’ heißen. Die im betäubenden Lärm der unausgesetzten Wort- und Bilderfluten nur noch überleben statt konstruktiv zu erleben. Die sich über die Jahre in einem auf Funktionalismus ausgerichteten Leben Ungeduld, Kurzatmigkeit und Hektik zugezogen haben wie eine chronische Krankheit. Wir sind allzu fertig beschriebene Subjekte, denen die Scham der Neugier fehlt. Mit dem Staunen aber beginnt bekanntlich die Erkenntnis.

Unbekanntes leibhaftig erleben und besser verstehen

Wir verlassen uns auf die koordinierte Arbeit programmierter Navigationssysteme und geben die eigene Suche auf. Wie viel mehr aber lernten wir über uns, wenn wir dem Unbekannten leibhaftig begegnen müssen, mit der ganzen Fülle der eigenen Existenzialität? Wir haben zu reisen verlernt, weil wir trotz permanenter Mobilität nicht mehr aufbrechen.

Wir hetzen durch das Leben und kommen nur noch an, ohne je aufgebrochen zu sein. Wer nicht auf-bricht oder weg-fährt oder hin-reist, muss sich nicht fragen, wo er her-kommt, weil er nicht danach gefragt wird. Wer nicht reist, verlernt zu staunen, er verlernt nicht sofort zu werten, er verlernt sich selbst zu beobachten, weil er sich selbst nicht in Frage stellt, um letztlich  zu begreifen, dass man – egal an welchem Ort – immer und überall angewiesen ist auf Ansprache, Aufnahme und Anerkennung, dass man überall und immer auch selbst ein Fremder ist.

Wir sollten dringend wieder reisen lernen, um jenseits von Google Earth und Instagram und wilder Mausklickerei das Staunen zu lernen. Nur mit der eigenen Erfahrung dessen, was in der Welt der Fall ist, beginnt das Staunen und mit dem Stauen die Erkenntnis.

Der Autor Christian Schüle. (imago / Sven Simon)Der Autor Christian Schüle. (imago / Sven Simon)Christian Schüle, 46, hat in München und Wien Philosophie, Soziologie und Politische Wissenschaft studiert, war Redakteur der ZEIT und lebt als freier Essayist, Schriftsteller und Publizist in Hamburg. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter den Roman "Das Ende unserer Tage" (Klett-Cotta) und zuletzt die Essays  "Heimat. Ein Phantomschmerz" (Droemer) sowie "Wir haben die Zeit. Denkanstöße für ein gutes Leben" (edition Körber-Stiftung). Seit 2015 ist er Lehrbeauftragter im Bereich Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin.                                                                             


 

 

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