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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.01.2016

Reihe "Schöne Paare": Ungewöhnliche KulturbeziehungenBaukunst für das Seelenheil

Von Jochen Stöckmann

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Zwei mit durchsichtiger Folie überzogene Krankenhausbetten stehen auf einem Krankenhausflur. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
Krankenhäuser bestehen zu mehr als 50 Prozent aus Technik, viel Spielraum für Ästhetik bleibt da nicht (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Kann Baukunst unsere psychische Gesundheit befördern? In den USA und Skandinavien liegt "Healing Architecture" bereits im Trend. In Berlin beginnt gerade eine für Deutschland noch ungewohnte Zusammenarbeit von Architekten und Psychiatern.

"Healing architecture", Architektur, die heilt – das ist ein Thema in den USA, ein Trend in skandinavischen Ländern. Aber hierzulande?

"Im Moment funktioniert es so: Man kommt rein, man meldet sich an – und dann sitzt man erst einmal in einem Wartezimmer. Oft ist dieses Wartezimmer dann nicht mehr als ein Stuhl im Flur."

Architekten wie Stefanie Matthys vom Fachgebiet "Bauten des Gesundheitswesens" der TU Berlin stehen noch ganz am Anfang, wenn es um wirklich "ästhetische", nämlich Wohlbefinden und Heilung fördernde Raumgestaltung für die Medizin geht.

Den Patienten aus seiner Isolation holen

Ärzte wie Bernhard Haslinger, Psychiater an der Berliner Charité, versuchen mit Eigeninitiativen wie Kunstausstellungen auf verwinkelten Fluren oder einem Konzert im zugigen Foyer seelischen Erkrankungen zu begegnen:

"Man kann niemanden aus seinem Rückzug herauszerren, aber man sollte ihn anregen dazu. Und ihm gleichzeitig das Gefühl geben, in einem sicheren Winkel erst einmal die Welt zu betrachten und sich dann langsam wieder vorzuwagen, wieder neugierig darauf zu werden."

Mit Unterstützung durch die Architektur konnten Psychiater, Pfleger und Patienten bislang kaum rechnen. Wie auch, wenn sich vom Großklinikum Aachen über Bettenburgen in Hannover bis hin zum zentralen Turm der Berliner Charité regelrechte Krankenhaus-Maschinen ausbreiten?

(Stefanie Matthys:) "Das sind im Grunde die Bauten, die wir heute kennen, aus den fünfziger bis siebziger Jahren: auf kompaktem Raum eine große Anzahl von Zimmern. Da spielten technische Neuerungen herein wie verbesserte Aufzugtechnik, sodass man eben so kompakt und hoch als Turm bauen konnte. Das sind weniger die Überlegungen gewesen: Wie bringe ich die Menschen so unter, dass sie sich dort wohl fühlen in diesem Raum?"

Der Garten sollte einem Verwaltungsgebäude weichen

Zumal rein funktionale, zunehmend auch betriebswirtschaftliche, sogenannte "gesundheitsökonomische" Überlegungen alles dominieren, vom Krankenhausbau bis zum Pflege-Alltag. Auch die anheimelnd neogotische Architektur der psychiatrischen Charité-Klinik ist davon nicht verschont geblieben. Das Backsteingebäude stammt zwar noch aus einer Epoche, die den "Irren" mit geschlossenen Anstalten jeden Bezug zur Außenwelt nahm. Doch haben jüngere Generationen von Psychiatern diese Barrieren längst beseitigt, bei dieser Öffnung aber auch auf die Bewahrung einer je individuellen Sphäre der Patienten geachtet:

"Wir haben hier große Gärten, die für die Patienten eben solche Rückzugsräume bieten. Es sollte eine Sanierung des Gebäudes stattfinden. Ursprünglich war geplant, dass stattdessen hier ein Verwaltungsgebäude entsteht. Und wir haben hier in der Klinik den Aufstand dagegen geprobt. Mein Beitrag war, einfach Leute einzuladen: guckt euch das Haus an, diskutiert das interdisziplinär, man kann es nicht aus nur einer Fachrichtung beschreiben. Und lernt es vor allem durch das Begehen dieses Hauses kennen."

Raumauslotung mit Sasha Waltz

Der Psychiater Haslinger hatte neben Philosophen, Architekten oder Krankenhausmanagern auch eine Künstlerin in die Klinik gebeten.

Sasha Waltz und ihre Tanzcompagnie führten in den Gängen, im Keller und im Park die Performance "Raumauslotung" vor.

"Eine Bewusstwerdung, eine Wahrnehmung oder eine Wiederwahrnehmung wie Räume wichtig sind für uns, wie sie wirken können. Wie sie beklemmend sein können, wie sie einen auffangen können, wie sie transparent sein können, wie sie einladend sein können."

Das waren, im Sommer, wunderbare Momente. Aber auf Dauer, nachhaltig, lassen sich diese positiven Gefühle eben nur durch Architekten im Raum verankern. In dem ganz neuen Fach "public health". Stephanie Matthys:

"Wir sagen nicht, ich begebe mich in einen Raum und dieser Raum heilt mich. Also, das ist Esoterik – und davon reden wir hier nicht. Wir reden hier von Architektur. Und das wird sich bestimmt nicht auf die Wahl des Farbtons oder die Wahl der Tapete und nicht einmal auf die Wahl der Möbel reduzieren."

Innere und äußere Grenzen des Raumes

Wie "feinfühlig", wie komplex Architekten für seine Disziplin planen müssten, skizziert der Psychiater. Bernhard Haslinger:

"Seine eigenen Räume zu finden, seine Grenzen wiederzufinden. Aber auch Kommunikationsräume, wo man gleichzeitig das Gefühl hat, man sitzt nicht auf dem Präsentierteller, kann aber trotzdem an Gemeinschaft teilhaben. Das ist sehr, sehr schwer. Ich kenne mich da auch nicht so gut aus – und es geht auch nicht darum, ein Kunstwerk der Architektur für eine psychiatrische Klinik zu erstellen. Sondern darum, dass man all dieses mitdenkt, was an inneren Grenzen in Gefahr ist in einem Menschen, wenn er in eine seelische Krise kommt."

Was bislang fehlte, das waren nicht nur Erfahrungswerte, sondern auch die wissenschaftlichen Grundlagen für dieses "Mitdenken" der Architekten:

(Stefanie Matthys:) "Neurologen oder Neurowissenschaftler, die wirklich die Wahrnehmung des Raumes, also: was passiert im Gehirn, wenn ich einen Raum betrete, erforschen. Das steckt natürlich noch in den Kinderschuhen – aber noch viel stärker steckt es in der Architektur in den Kinderschuhen."

Phantasie und Intuition statt Computerentwurf

Und allein damit ist es nicht getan: Der Entwurfsprozess – meist am Computer, immer seltener per Zeichnung oder vorm Modell – muss ergänzt werden durch Intuition, durch Einfühlung und auch Phantasie:

"Die Kunst des Architekten, umzusetzen, was man erst einmal abstrakt sich als Raummodell vorstellt. Krankenhäuser sind einfach hochtechnische Gebäude. Das Bauvolumen besteht zu über fünfzig Prozent aus Technik. Wo für mich dann die Intuition hereinkommt, das sind dann zum Beispiel die Übergänge zwischen Innen und Außen: Wie kann ich vielleicht mit Gärten oder Dachterrassen arbeiten?"

Diese Fragen wird die Architektin Stefanie Matthys in Zukunft öfter stellen – etwa an Bernhard Haslinger. Der Psychiater der Charité erhofft sich einiges von dieser Zusammenarbeit mit der Technischen Universität:

"Ein Masterstudiengang, der sich damit beschäftigt, eine ideale psychiatrische Klinik zu erstellen, das finde ich wunderbar. Das ist natürlich nur ein Traum, das bleibt eine Vision. Aber die haben Baupläne hier in der Charité bekommen, um darauf in engem Kontakt mit denjenigen, die sie dann auch brauchen, Modelle zu entwerfen. Die sollen dann betrachtet werden, die sollen sie anregen. Das ist gut, wenn sie neugierig aufeinander [sind]."

Reihe "Schöne Paare: Ungewöhnliche Kulturbeziehungen"
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Hören Sie vom 1. bis 5.Januar täglich einen Folge in "Fazit" ab 23.05 Uhr.
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