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Interview | Beitrag vom 05.10.2017

Referendum der KurdenDer Iran und die Türkei nähern sich wieder an

Karin Kneissl im Gespräch mit Ute Welty

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Der iranische Präsident Rohani und der türkische Präsident Erdogan  (imago/Depo Photos)
Der iranische Präsident Rohani und der türkische Präsident Erdogan während eines Technologiegipfels im September in Astana, Kasachstan. (imago/Depo Photos)

Jahrelang herrschte Eiszeit zwischen Teheran und Ankara, vor allem, weil man in Bezug auf Syrien doch sehr unterschiedliche Schwerpunkte setzte. Jetzt gibt es wieder Annährungsversuche und die ehemalige österreichische Diplomatin und Nahost-Expertin Karin Kneissl überrascht das nicht.

Ute Welty: Aus Erzfeinden werden zwar nicht unbedingt Freunde, aber offenbar dann doch Verbündete: Als Anker der Stabilität in der Region verstehen sich offenbar der türkische und der iranische Präsident. Danach jedenfalls klang es beim Besuch Erdogans in Teheran. Jahrelang herrschte Eiszeit zwischen der Türkei und dem Iran, vor allem, weil man in Bezug auf Syrien doch sehr unterschiedliche Schwerpunkte setzte. Was Erdogan und Rohani offenbar jetzt verbindet, das ist der Unabhängigkeitskampf der Kurden im Nordirak, der auch die Situation der Kurden in der Türkei beeinflusst. Karin Kneissl ist Nahost-Expertin und Publizistin und beobachtet seit Langem das Verhältnis der Türkei zum Iran. Guten Morgen!

Karin Kneissl: Guten Morgen aus Wien!

Welty: Erdogan und Rohani haben jetzt so etwas wie einen deutlichen Schulterschluss präsentiert, der für viele überraschend kam. Für Sie auch?

Kneissl: Nicht wirklich. Die beiden hatten eigentlich immer wieder gute Gründe, miteinander zusammenzuarbeiten. Zum einen sind die beiden die wesentlichen nicht-arabischen Staaten in der Region, und es gab immer wieder Kooperationen, sei es im Energiebereich, beispielsweise auch während der ganz scharfen UNO-Sanktionen des Jahres 2012. Da hat die Türkei Erdgas aus dem Iran gekauft, hat es teilweise sogar physische in Gold bezahlt. Das waren Zeiten, in denen Iran an sich jeden Verbündeten benötigte, und man versteht sich als zwei alte Nationalstaaten, die eben andere Kooperationsgründe aufweisen als die arabischen Golfstaaten.

Gemeinsame Interessen 

Welty: Beide fürchten ja, dass die Kurden noch stärker als bisher für ihre Unabhängigkeit kämpfen. Welche Folgen hätte das für die Türkei und für den Iran?

Kneissl: Für die Türkei die viel dramatischeren Folgen. Also das kurdische Siedlungsgebiet, das auch in so einem kurdischen Staat historisch beansprucht wird, umfasst fast ein Drittel der heutigen Türkei. Also da geht es wirklich um eine Existenz des Staates der Türkei. Im Iran verhält sich die Lage etwas anders. Also der Iran ist an sich selbst fast 2500 Jahre Nationalstaat. Es gab immer Kurden, die sich in erster Linie als iranische Staatsbürger und in zweiter Linie als Kurden betrachtet haben. Das ist in der Türkei etwas anders gelagert. Also, der kurdische Nationalismus ist gerade jüngst wieder aufgeflackert aufgrund des offenen Krieges zwischen Ankara und den kurdischen Autonomiegebieten. Also, die Kurden der Türkei kämpfen mit ganz anderen Motiven für mehr Autonomie bis hin zur Staatlichkeit als es im Iran in den meisten Phasen der Geschichte des Irans der Fall war.

Welty: Was bedeutet die Annäherung konkret, zum Beispiel in Bezug auf eine militärische Kooperation?

NATO-Mitglied Türkei blickt auch nach Osten

Kneissl: Die ist teilweise schon vorhanden, beispielsweise wenn man das Bündnis der Shanghai Cooperation Organization. Das ist in erster Linie ein russisch-chinesisches Bündnis, sind aber auch viele Zentralasiaten dabei. Die Türkei ist Dialogpartner, aber wahrscheinlich unterwegs zum Vollmitglied, und das als NATO-Staat. Der Iran ist bereits beteiligt, und innerhalb der Shanghai Cooperation Organization werden auch gemeinsame Militärmanöver absolviert. Die Türkei blickt als NATO-Staat – muss man immer wieder im Hinterkopf behalten – immer stärker nach Osten: zuletzt beispielsweise Einkauf von Rüstungsgütern aus Russland, aber natürlich auch Zusammenarbeit mit dem Iran, wenn es beispielsweise um Guerillataktik geht. Da hat der Iran auch eine gewisse Erfahrung. Noch ist dieses Bündnis, würde ich sagen, von vielen Stolpersteinen überschattet, nämlich in erster Linie geht es um das Verhältnis der beiden in Syrien. Also da hat die Türkei eine ganz andere Position, hat an sich Milizen unterstützt, die gegen jene, die aus Teheran gelenkt wurden, kämpften und das teilweise noch tun. Also es ist nicht eine Allianz, die völlig reibungslos funktionieren wird. Gab‘s in der Vergangenheit, die hatte auch immer wieder ihre Bruchlinien, aber allein der Energiekorridor Iran–Türkei ist etwas ganz Wesentliches.

Welty: Glauben Sie denn, dass diese neuausgerufene Freundschaft zwischen Türkei und Iran von Dauer ist?

Iran innenpolitisch stabiler

Kneissl: Es gibt in der Politik immer wieder Gründe, warum man miteinander kooperiert, auch wenn es Unstimmigkeiten gibt, aber so wie sich die Lage, nicht nur im Nahen Osten, sondern fast global im Moment dreht, sieht man ja, wie rasch wohletablierte Bündnisse auch ihre größeren Brüche bis hin zum absoluten Ende erreichen. Also, nichts ist fix, ich würde sagen, der Iran sitzt auch in diesem Bündnis fast am längeren Ast. Also innenpolitisch ist der Iran stabiler als die Türkei, und die Türkei sucht eigentlich im Moment nach Märkten für ihre Produkte. Da ist der Iran für sie ganz wichtig, aber auch nach Rückhalt, um sich den Rücken frei zu halten in dieser Grundsatzentscheidung, die sich in der Türkei im Moment abspielt – Blick nach Westen, Blick nach Osten, wie umgehen mit Prinzipien wie Rechtsstaatlichkeit und so weiter, die in der Türkei in den letzten vier Jahren an sich vollends verschwunden sind. Also ich würde sagen, in dieser Kooperation hat Iran an sich das leichtere Spiel und kann wahrscheinlich manches besser vorgeben als die Türkei.

Welty: Türkei und Iran proben den Schulterschluss – dazu im "Studio 9"-Gespräch Karin Kneissl, Nahost-Expertin und Publizistin. Ich danke herzlich!

Kneissl: Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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