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Dienstag, 21.11.2017

Zeitfragen | Beitrag vom 06.09.2017

RAF-Terror und seine WirkungDer lange Schatten des Deutschen Herbstes

Von Klaus Pokatzky

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Fahndungsposter, das RAF-Terroristen zeigt (imago )
Die Polizei fahndete in 20 Ländern nach den RAF-Terroristen. (imago )

Die Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers 1977 hat unser Autor Klaus Pokatzky als junger Erwachsener erlebt. Mit all den kontroversen Diskussionen, die über den RAF-Terror geführt wurden. Für ihn wirken die Eindrücke bis heute nach.

Als Bundespräsident Gustav Heinemann am 26. August 1972 die Olympischen Spiele in München eröffnete, war die Welt noch in Ordnung. Naja, die ganze Welt war natürlich nicht in Ordnung. Aber unsere alte Bundesrepublik schon. Jedenfalls weitgehend. Nicht in Ordnung war natürlich, was sich hinter dem sogenannten Eisernen Vorhang abspielte. Nicht in Ordnung war, wie westliche Polizeistaaten mit ihren politischen Gefangenen umgegangen sind.

Die Häftlinge in der Sowjetunion und der Tschechoslowakei, in Südafrika und Griechenland, die unsere Bochumer Amnesty-Gruppen betreut haben, wurden auf sehr ähnliche Weise gefoltert. Und was unsere alte Bundesrepublik anging, so hatten die Diktatoren in Spanien und Portugal, in Griechenland und Südafrika und später in Chile politische Freunde nicht nur rechts von den Unionsparteien. Und doch war die Bundesrepublik ein Land im Aufbruch in eine demokratischere, friedliche Zukunft.

Münchener Terror spielte in Bochumer Freundeskreis keine Rolle

Die Olympischen Spiele in München sollten das erste deutsche Nachkriegssommermärchen sein. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf der Terror des 5. und 6. September die Münchner Spiele. Bundespräsident Gustav Heinemann mit seinem Appell auf der Trauerfeier klingt aus heutiger Perspektive wie ein Rufer in der Wüste: "Im Namen der Bundesrepublik Deutschland appelliere ich an alle Völker dieser Welt: Helft mit, den Hass zu überwinden; helft mit, der Versöhnung den Weg zu bereiten."

Seine Münchner Rede habe ich in Bonn gehört; da war ich einen Tag vorher, an meinem 19. Geburtstag, zu meinem Zivildienst bei einer Anti-Apartheid-Organisation aufgebrochen. Wenn ich dann am Wochenende zu Hause in Bochum war und alte Kumpels wiedertraf, war der hitzige Wahlkampf das Thema: "Willy wählen". Das Terrorattentat in München spielte keine Rolle.

Aber die Terroristen der "Rote Armee Fraktion" Andreas Baader und Ulrike Meinhof, deren Freilassung in München ja auch gefordert worden waren, schon eher. Die hatten bei einigen wenigen Bochumer Kneipen-Diskutanten ihre nicht mal klammheimlichen Sympathisanten - weil die doch "das System" so grundsätzlich abschaffen wollten. Ich hatte nichts gegen das System. Ich fand das System sehr nett. Mich störte nur, wie wenig bei uns über die alten Nazis geredet wurde. Mich störte, dass nicht alle Parteien strikt gegen Menschenrechtsverletzungen in westlichen Ländern protestierten. Mich störte, mit welcher Feindschaft, ja manchmal unverhohlenem Hass, bei uns Wahlkampf geführt wurde. Aber gewählt wurde dann doch der Entspannungspolitiker und der Machtwechsel von 1969 bestätigt. Der Aufbruch zu mehr Demokratie. Den die aber nicht wollten ...

"Früherer SS-Mann - besonders gehasst in Prag"

Die Berichterstattung zur Entführung Hanns Martin Schleyers konnte ich nicht im deutschen Radio hören. Meinen Geburtstag am 5. September 1977 verbrachte ich in den USA. Drei Monate war ich da bei einem internationalen Journalistenprojekt. Die ersten vier Wochen an der "School of Journalism" der Indiana University in Bloomington/Indiana und unser Professor Floyd G. Arpan überbrachte uns die Nachricht des 5. September 1977: dass die Rote Armee Fraktion den deutschen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer entführt hatte.

Nach sechs quälenden Wochen wurde Hanns Martin Schleyer am 18. Oktober 1977 ermordet und die Stammheimer Häftlinge der "Roten Armee-Fraktion" begingen Selbstmord. Ich las den Nachruf in der "New York Times", dessen Überschrift ich heute noch vor Augen habe: "Früherer SS-Mann - besonders gehasst in Prag". Viele von den liberalen amerikanischen Journalistenkollegen und Professoren, die ich traf, hielten es keineswegs für ausgeschlossen, dass die Stammheimer Häftlinge umgebracht worden waren. Ich schon.

Was aus den alten Bochumer Kneipen-Sympathisanten von Baader und Meinhof geworden ist, weiß ich nicht. Bei meinen gelegentlichen Besuchen in der alten Heimat ging es beim Bier nun eher um merkwürdige kommunistisch-leninistische Parteien. Vermeintlich linker Terrorismus war keine Option mehr. Bald ging auch den merkwürdigen K-Parteien die Luft aus und es grünte in der politischen Landschaft.

In den 70ern wäre mehr Konsensdemokratie gut gewesen

Am Ende jenes Jahrzehnts, das so hoffnungsvoll begonnen hatte und dann vom Terror überschattet wurde, gab es noch diesen heftigen Wahlkampf mit hohem Unterhaltungswert: Helmut Schmidt, SPD, gegen Franz-Josef Strauß, CSU.

Heute jammern viele, dass unsere Wahlkämpfe so langweilig sind - und CDU und SPD sich kaum noch voneinander unterscheiden. Ich jammere nicht. In den 70ern hätte ich mir mehr von dieser Konsensdemokratie gewünscht. Und zu den Menschenrechten stehen alle Parteien im Bundestag, immerhin - jedenfalls die, die jetzt da sitzen.

"The games must go on" - mit diesen Worten verkündete IOC-Präsident Avery Brundage, dass die Olympischen Spiele 1972 trotz des Terrors weitergeführt werden. Doch der 5. September blieb der Tag, der einen langen Schatten in die Zukunft warf, bis heute.

(Onlinefassung: ske)

 

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