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Sonntag, 17.12.2017

Kompressor | Beitrag vom 29.05.2017

Proteste gegen liberales TheaterPolnischer Kulturkampf

Paul Vorreiter im Gespräch mit Timo Grampes

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Gläubige Katholiken demonstrieren in Warschau, Polen, vor dem Powszechny Theater gegen die Aufführung des Stückes "Klatwa" (Fluch). (picture alliance / dpa / Jan A. Nicolas)
Bereits im März demonstrierten gläubige Katholiken in Warschau, Polen, vor dem Powszechny Theater gegen die Aufführung des Stückes "Klatwa" (Fluch). (picture alliance / dpa / Jan A. Nicolas)

Rechtsnationale Gruppen haben am Wochenende gegen das "teatr powszechny" in Warschau und sein kirchenkritisches Stück "Fluch" protestiert und drangen in das Gebäude ein. Das Theater lässt sich dennoch nicht einschüchtern.

Rosenkränze, Gebete und der Segen eines Kaplans zu Bannern mit rechtsradikalem Inhalt: So sah die Szenerie vor dem teatr powszechny in Warschau am Wochenende aus. Rechtsnationale Protestteilnehmer drangen in das Gebäude ein und versprühten eine übel riechende Flüssigkeit, um die Veranstaltung zu stören. Eine Person wurde leicht verletzt. Nach Ende der Aufführung mussten die Besucher über den Hinterausgang hinausgeführt werden.

Es ist nicht das erste Mal, dass das Theater rechtsradikalem Protest ausgesetzt ist. Und doch handele es sich um eine neue Eskalationsstufe, meint Theaterdirektor Paweł Łysak.

Protest gegen kirchenkritisches Stück

Stein des Anstoßes ist das Drama "klątwa", zu deutsch "Fluch", das bereits seit Februar augeführt wird. Ein kirchenkritisches Stück, das den Einfluss der katholischen Kirche auf weltlich denkende Menschen thematisiert und beleuchtet, wie sich die Gegenwartskunst zunehmend selbst zensiert, um gegen die neue politische Linie nicht zu verstoßen sowie religiöse Gefühle nicht zu verletzen.

In diesen sah sich eine Gruppe von hunderten Protestierenden verletzt, ein Bündnis aus rechtsnationalen Gruppen, unterstützt durch Kirchengemeinden, die zum Widerstand gegen das Theaterstück aufgerufen haben. Theaterdirektor Paweł Łysak will sich davon nicht einschüchtern lassen. "Das Drama wird weiter aufgeführt, bis es im Juni auch am Berliner Maxim-Gorki Theater zu sehen ist".

Leise Hoffnung

Łysak ist pessimistisch, dass sich generell an der Lage der liberalen und aufgeklärten Künstler in Polen etwas ändert, seit politisch ein neuer Wind weht. Ein wenig Rückendeckung erhofft er sich allerdings von den Stadtverwaltungen, die oftmals in der Hand der oppositionellen Bürgerplattform sind. Er verweist darauf, dass die meisten Theater in Polen auch nicht unter der Aufsicht des PiS-geführten Kulturminsteriums seien.

Zudem freut sich der Theaterdirektor auch über solidarische Stimmen. Zu der Aufführung am Samstag hatten sich auch Gegendemonstranten eingefunden. Einige Warschauer Theater, darunter das jüdische, hatten ihre Besucher dazu aufgerufen, gegen die Rechtsradikalen zu protestieren. "Die Aufgabe des Theaters ist es, zu spielen", unterstreicht Paweł Łysak.

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