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Studio 9 | Beitrag vom 17.08.2016

Protestaktion der SprachlehrerBaden gehen für mehr Geld

Von Alexander Budde

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Die Teilnehmer der Protestaktion des Aktionsbündnisses Deutsch als Fremdsprache am 17.8.2016 am Mittellandkanal in Hannover (Deutschlandradio / Alexander Budde)
Für bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung: Protestaktion des Aktionsbündnisses Deutsch als Fremdsprache am Mittellandkanal in Hannover. (Deutschlandradio / Alexander Budde)

Die Sprache ist der Schlüssel zur Integration: Aber die Arbeitsbedingungen und der Verdienst der freien Deutschlehrer für Flüchtling und Einwanderer sorgen für Unmut. In Hannover sind einige der Betroffenen ins Wasser gesprungen – damit die Integration nicht baden geht.

Hannover, der Mittellandkanal: Wo sonst Frachtkähne vergleichbar still vorbeigleiten, macht sich ein Dutzend Deutschlehrer lautstark Mut. Protestslogans prangen auf Plakaten, Gummireifen, Bademützen: "Altersarmut – Wir kom(m)en!" steht da.

Dann der beherzte Sprung ins blaue Ungewisse. Wildes Schnaufen, theatralische Hilferufe! Was soll das?

Zahl der Lehrkräfte reicht nicht aus

"Um auf die Gefahr aufmerksam zu machen, dass nicht ausreichend Lehrkräfte zur Verfügung stehen, dass wir besser bezahlt werden müssen – weil sonst die Integration baden geht!"

Sagt die freie Sprachlehrerin Ulrike Neige als sie zitternd und tropfend wieder am Ufer steht. Auch Artur Sieg spricht für das Aktionsbündnis DaF (Deutsch als Fremdsprache) Hannover:

"In den Bestimmungen für die Orientierungskurse steht zum Beispiel: Der Lehrer soll den deutschen Staat positiv darstellen. Das tun wir auch, aber im Kopf gibt es immer so einen Gedanken: Um dich kümmert sich der Staat nicht so gut! Wenn ich krank bin, kann ich zum Beispiel nur zuhause bleiben und bekomme kein Geld, nichts!"

Ortswechsel: Wir sind in einem Seminarraum des Bildungsvereins Hannover. Im Integrationskurs von Ulrike Neige geht es an diesem Morgen um eine Zumutung der deutschen Grammatik – Verben mit Dativ und Akkusativ!

Sprachschüler aus sieben Nationen

20 Stunden in der Woche unterrichtet Neige Deutsch für Erwachsene. Heute lauschen 15 Teilnehmer aus sieben Nationen, Flüchtlinge und Zugewanderte.

"Ich bin Pädagogin durch und durch; und was ich an diesem Beruf sehr mag, ist, dass ich Menschen auf den Weg bringe, ihr Leben alleine zu bewältigen, zu organisieren. Wo ich denke, das sind jenseits der Grammatik auch wichtige Aufgaben, die wir erfüllen."

Die Sprache ist der Schlüssel zur Integration – doch Anerkennung, Zuspruch, Ermutigung erfahren die Dozenten aus Deutsch- und Sprachkursen allenfalls in den Sonntagsreden der Politiker. Ulrike Neige arbeitet wie fast alle Integrationslehrer auf Honorarbasis; ihre Vorbereitungszeit wird nicht erstattet. Miserabel bezahlt hangelt sie sich mit Zeitverträgen von Kurs zu Kurs. Die Verträge mit den Bildungsträgern werden oft nur mit einer Laufzeit von wenigen Wochen abgeschlossen.

"Ich arbeite ungefähr seit 20 Jahren in dem Bereich. Ich werde für die Unterrichtsstunde bezahlt, das heißt also, wenn ich krank bin oder wenn ich Urlaub habe, bekomme ich kein Geld.

Der durchschnittliche Netto-Monatslohn ihrer Kolleginnen und Kollegen lag bislang bei 1300 Euro, sagt Neige. Dabei erfordert der Beruf ein Studium und eine zusätzliche Qualifikation.

"Altersarmut – Wir kom(m)en!": Ein Teilnehmer der Protestaktion des Aktionsbündnisses Deutsch als Fremdsprache am 17.8.2016 in Hannover (Deutschlandradio / Alexander Budde)"Altersarmut – Wir kom(m)en!": Ein Teilnehmer der Protestaktion in Hannover (Deutschlandradio / Alexander Budde)

Bundesweite Proteste der Sprachlehrer

Bundesweit formieren sich die Lehrer zum Protest. Erste Erfolge können sie verbuchen: So wurde die Pauschale, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) Bildungsträgern wie zum Beispiel Volkshochschulen zahlt, zuletzt von 3,10 Euro auf 3,90 Euro pro Teilnehmer und Unterrichtsstunde erhöht. Zwar sollen die Lehrer in Zukunft auf einen Brutto-Stundenlohn von 35 Euro kommen.

Doch das geht nur zu Lasten der Arbeitsbedingungen, erwartet der pädagogische Leiter des Bildungsvereins, Udo Husman.

"Wir müssen größere Gruppen zusammenstellen, also, es müssen mehr Teilnehmer in die Integrationskurse aufgenommen werden – das bringt uns erheblich in Schwierigkeiten, das bürokratisch zu organisieren."

Höhere Pauschale gefordert

"Die Integration geht baden", fürchten Deutschlehrer wie Ulrike Neige tatsächlich. Sie fordern bezahlten Urlaub und soziale Absicherung, vor allem aber eine weitere Erhöhung der Pauschale, die vom BAMF an die Bildungsträger bezahlt wird:

"Wenn wir uns selber kranken- und rentenversichern sollen von unseren Honoraren und auch ein angemessenes Geld dabei überbleiben soll, dann müssten wir ungefähr 60 Euro die Stunde bekommen. Viele Integrationslehrer wandern ab an die Schulen, in die Sprachlernklassen - da werden sie wie angestellte Lehrer bezahlt - sodass in unserem Bereich zu befürchten ist, wenn sich da nicht schnell was tut, dass nicht ausreichend qualifizierte Lehrkräfte zur Verfügung stehen."

"Die Würde des Menschen ist unantastbar", zitiert Artur Sieg die Verfassung. Protest, sagt der Lehrer für Deutsch, Politik und Geschichte seinen Schützlingen, gehört zur Freiheit dazu:

"Das klingt vielleicht pathetisch, aber wir sorgen für die Zukunft unseres Landes. Wir garantieren den sozialen Frieden. Deswegen sind wir der Meinung: die Ausgaben für die Integration auch die ganzen Trägerpauschalen, das sind keine Ausgaben, das sind Investitionen! Wir sind praktisch im Staatsdienst. Wir möchten so bezahlt und behandelt werden wie die Berufsschullehrer!"

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