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Fazit | Beitrag vom 18.04.2017

Projektbüro für DiversitätMehr Vielfalt in der Berliner Kultur

Von Jochen Stöckmann

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Exil Ensemble des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin  (picture alliance/dpa/Foto: Rainer Jensen)
Das Exil Ensemble des Berliner Maxim-Gorki-Theaters am 5. April im Theaterstück "Winterreise". Das neu gegründete Exil Ensemble besteht aus Schauspielern aus Afghanistan, Syrien und Palästina. (picture alliance/dpa/Foto: Rainer Jensen)

Das Maxim-Gorki-Theater in Berlin macht es seit wenigen Jahren mit vor: Das Ensemble ist international besetzt, das Programm erreicht ein breites Publikum. Und so soll es weiter gehen. Kultursenator Klaus Lederer hat jetzt das bundesweit erste Projektbüro für "Diversity. Arts. Culture" vorgestellt.

Klaus Lederer ist Kultursenator in Berlin – und er hat als Vertreter der Partei "Die Linke" dafür gesorgt, dass im Koalitionsvertrag als ein Ziel der "vielfältige Kulturbetrieb" festgeschrieben wurde, also Diversität:

"Nun kann man Vielfalt nicht anordnen, sondern man muss versuchen, dafür zu sorgen, dass die Vielfalt in der Stadt in der Kultur adäquate Widerspiegelung findet."

Ein simpler Spiegel der Gesellschaft ist Kunst aber nicht, schon gar kein sklavisch getreues Abbild nach Proporz. Aber um ästhetische Erwägungen geht es nicht, zumindest nicht an diesem Premierenabend für das neue "Berliner Projektbüro für Diversitätsentwicklung". Dessen Programmleiterin, Bahareh Sharifi, hat vor einiger Zeit die "Logik des weißen, deutschen Kulturbetriebs" kritisiert, unter anderem darauf hingewiesen, dass schon seit vielen Jahren die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland sich durch den Begriff "Volksbühne" rassistisch diskriminiert sieht. (*) Dessen werden die Intendanten sich nicht bewusst gewesen sein, aber nicht auf ihre Intentionen, sondern auf die Empfindungen der Betroffenen kommt es an. Und darauf:

"Eben diese verschiedenen Diskriminierungsformen in der Interaktion miteinander zu identifizieren und darauf aufbauend Maßnahmen zu entwickeln. Und anvisiert sind Qualifizierungs- und Fortbildungsprogramme, aufbauend auf Evaluierung und Grundlagenforschung, aber auch im Austausch mit Marginalisierten und betroffenen Akteurinnen."

Vorreiter: das Ballhaus Naunynstrasse und das Gorki-Theater

Hinzu kommt "best practice", also positive Beispiele aus dem Kulturbetrieb. Die gibt es, die sind allseits bekannt: das Ballhaus Naunynstrasse, das Gorki-Theater. Aber sich daran ein Beispiel zu nehmen, hilft allein nicht weiter. Das Büro für Diversitätsentwicklung sorgt künftig für die nötige Expertise – samt dazugehörigem Kauderwelsch. Timo Köster, verantwortlich für die Steuerung:

"Zum einen geht es uns um Diversitätsentwicklung in den Kultureinrichtungen, also noch einmal so eine institutionelle Perspektive. Wir nennen das diversitätsorientierte Entwicklungsprozesse, früher hat man es vielleicht interkulturelle Öffnungsprozesse genannt. Also, es ist klar: es geht um die sogenannten drei Ps."

Personal, Programm und Publikum nehmen die Diversitätsförderer ins Visier. Das sind die drei Ansatzpunkte für einen "Transformationsprozess", den das Projektbüro initiieren soll. Was genau das Team zu tun hat, haben wiederum Experten erkundet, mit einer "Expertise über Handlungsoptionen zur Diversifizierung des Berliner Kultursektors". Drei Monate lang wurden Führungskräfte befragt, hinzu kam die Online- und Dokumentenrecherche. Dann kam Daniel Gyamerah zu dem Ergebnis:

"Der wichtigste Punkt, wie wir aus der internationalen Analyse auch herausgefunden haben: das Diversitätsentwicklung auf jeden Fall ein Leitungsthema ist. Das heißt, die Leitung muss das Thema richtig vorantreiben."

Projektbüro ist eine bundesweit einmalig Pioniereinrichtung

Das ist erst einmal keine für Berlin, diese Hauptstadt der Vielfalt, spezifische Erkenntnis. Da aber das Projektbüro eine bundesweit einmalig Pioniereinrichtung ist, sind Gyamerah und sein Partner, der Politologe (**) Kwesi Aikins, noch etwas in die Tiefe gegangen.

"Stellschrauben identifizieren, wo wir sagen können: wenn man da dran dreht, dann tut sich auch was. Wie kann man diese Aktivitäten verzahnen. Was sind da die wichtigen Akteure? Klar, das Parlament. Natürlich, der Kultursenator. Die Kulturverwaltung, die Hausleitungen, aber auch die freie Szene, die Bezirke, Künstlerinnen und Künstler."

In dieser Reihenfolge, wohlgemerkt. Also Politikbetrieb, wie gehabt. Diversität aber verlangt nach Gesellschaft, nach sozialer Bewegung. Signalisiert das Gegenteil einer Mechanik der Macht, die Kwesi Aikins analysiert hat:  

"Was wir Wirkungskaskade genannt haben, also genau das Zusammenbringen dieser Akteure. Weil wir nämlich festgestellt haben, dass es tatsächlich bestimmte Muster gibt. Und wir glauben, dass es da welche gibt, die man vermeiden sollte, die haben wir ´Dont’s` genannt. Und dass es welche gibt, die man unbedingt verfolgen sollte, das wären dann also die ´Do‘s`."

Wie sollen die Menschen erreicht werden?

So einfach, so technokratisch wird das wohl nichts mit der Diversität. Kultursenator Klaus Lederer nach der Präsentation der Expertise:

"Ich habe zwischendurch dann auch gedacht: einer der ersten Aspekte über die wir zu reden haben wäre: mit welcher Sprache wollen wir die Leute eigentlich gewinnen?"

Da wird Lederer im Vergleich zu den Diversitäts-Experten dann doch wieder zum Politiker, im besten, im kreativen Sinn:

"Wir wollen Kultur auf hohem qualitativen Niveau. Wir wollen Kunst auf hohem Niveau. Wir wollen nicht etwa eine Quote einführen."

Denn nicht Zahlen, auch nicht die Ansprüche von Communities oder gar Netzwerken waren der Ausgangspunkt der Diversitätspolitik, sondern eine ganz konkrete Befürchtung des Kulturpolitikers – die jede Kommune betrifft:

"Wenn wir verschiedene Formen künstlerischen Ausdrucks in unseren Kultureinrichtungen eigentlich nicht wiederfinden. Wenn wir diesen Teil unserer Stadtgesellschaft nicht im Fokus haben, wenn der brachliegt."

(*) Anmerkung der Redaktion: In ihrem Artikel schreibt Frau Sharifi wörtlich: "Who is the Volk in the Volksbühne" fragte bereits 2003 die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD), als sie gegen die rassistische Sprachverwendung der Volksbühne protestierte".  Frau Sharifi weist darauf hin, die Kritik der ISD habe sich dabei nicht auf den Begriff "Volk" sondern auf die Verwendung des "N-Wortes", das die Volksbühne damals in großen Lettern über ihrem Eingang aufgehängt hatte, bezogen. Der von der ISD verwendete Slogan "Who ist the Volk in the Volksbühne" (Wer ist das Volk in der Volksbühne) habe sich darauf bezogen, welches Bild der Gesellschaft in der Volksbühne (nicht) repräsentiert werde.

(**) Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes wurde Kwesi Aikins fälschlicherweise als Soziologe bezeichnet. Er ist Politologe.

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