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Studio 9 | Beitrag vom 20.11.2014

Projekt in BerlinBilderbuch-Kino zum Deutsch lernen

Eine Reportage aus der Hans-Fallada-Grundschule in Neukölln

Von Kemal Hür

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Roma, Familie, Flüchtlinge, Kinder, Berlin, Deutschland, Balkan, Asylbewerber (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)
In Berlin leben viele Roma-Kinder. Sie sollen durch das Bilderbuch-Kino besser Deutsch lernen. (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)

In Berlin-Neukölln lassen sich viele Familien aus Rumänien und Bulgarien nieder. Ihre Kinder können oft kein oder nur sehr wenig Deutsch. Eine Bürgerstiftung will das ändern - mit einem außergewöhnlichen pädagogischen Projekt.

"So, Bilderbuchkino! Wie funktioniert das? Ich habe ein Bilderbuch. Das ist dieses hier. Und wenn wir es uns alle zusammen angucken wollten, dann würde man kaum erkennen, was darauf zu sehen ist."

Deswegen projiziert Mathias Neumann  von der Bürgerstiftung Berlin die Bilder an die weiße Tafel. 20 Kinder sitzen in zwei Reihen und schauen sich das erste Bild an. Darauf zu sehen: Ein kleiner Hase, der auf der Nase eines riesigen Dinosauriers sitzt. Die Zeichnung ist einem Bilderbuch entnommen. Der Text ist nicht zu sehen. Die Kinder sollen das Bild selbst beschreiben. Am Anfang melden sich nur zwei Jungen. Sie sind mit 11 und 13 die ältesten und sprechen schon gut Deutsch. Nach und nach machen immer mehr Kinder mit.

"Wir gucken uns mal das Titelbild dieses Buches an. Und wir schauen, was ist auf diesem Titelbild zu sehen? – (eine Schülerin leise: ein Hase) Ein Hase. Was ist noch zu sehen? (Schüler murmeln leise etwas.) Ein Dinosaurier. Wer von den beiden ist wohl der Sieger?"

Während Mathias Neumann Spannung aufbaut und versucht, die Kinder zum Erzählen zu animieren, lauschen auch Erwachsene der Geschichte des Hasen. Denn das Bilderbuchkino für Roma-Kinder wird zum ersten Mal in der Hans-Fallada-Grundschule aufgeführt. Und deswegen ist Besuch da. In Neukölln wächst der Bedarf an Rumänisch stark an. An der Hans-Fallada-Schule stammt jedes fünfte Kind aus Rumänien; rumänischsprachige Mitarbeiterinnen helfen bereits bei der Sprachvermittlung. Das Bilderbuchkino will Schulleiter Carsten Paeprer als zusätzliche Ergänzung einsetzen.

"Die Situation, dass mal jemand von außen kommt, ist eine sehr bereichernde, weil meine Lehrkräfte sich auch mal zurücklehnen können und sehen, wie reagieren denn die Kinder darauf. Sonst sind sie immer in Aktion. Und so haben sie mal eine Situation: Mensch, so und so ist es. Da kann mal nochmal reflektieren, es für die eigene Arbeit natürlich auch übernehmen. Von daher ist es eine irre Bereicherung."

Die Methode stammt aus der Reformpädagogik

Inzwischen ist auf der Leinwand der Hase in der Geisterbahn angekommen. Eine bilderreiche Stelle, um Vokabeln zu üben.

"Was ist zu sehen? Womit wird Angst gemacht? – Skelett haben wir wieder. Was haben wir noch? – Schlange. – Fledermaus. – Noch was? – Eine Eule mit einem komischen Schwanz. Ein Mauseschwanz. – Ich sehe noch einen Knochen…"

Das Bilderbuchkino bietet die Bürgerstiftung Berlin seit 2006 an. Die Methode, Bilder an die Wand zu projizieren und Geschichten nachzuerzählen, stammt aus der Reformpädagogik der 70er-Jahre. Als Bilderbuchkino modernisiert, wird es berlinweit an 40 Grundschulen und Kitas angeboten.

Über die Zahl von Roma-Familien gibt es keine statistische Erhebung. In Neukölln sind 5.000 Personen aus Rumänien und Bulgarien gemeldet, davon 3000 Unternehmer, bzw. Gewerbeinhaber, sagt Franziska Giffey, Bezirksstadträtin für Bildung, die heute auch zu Gast in der Schule ist.

"Wenn Sie über 3.000 Gewerbeanmeldungen haben, dann hängt da meistens eine Familie mit dran. Deshalb gehen wir davon aus, dass wir über 10.000 Menschen allein aus Bulgarien und Rumänien hier haben. Davon natürlich auch ein Teil Roma-Familien, die eben aus dieser schwierigen Lage dort, auch aus Diskriminierung, aus wirtschaftlicher Not hierher kommen."

Die Bürgerstiftung Berlin wird das Bilderbuchkino zunächst ein Jahr lang in Neukölln anbieten und damit dem finanziell knappen Bezirk unter die Arme greifen. Der Bilderbuch-Geschichtenerzähler Mathias Neumann hat die Kinder in seinen Bann gezogen. Sie lernen neue deutsche Wörter, verfolgen die Abenteuer der Häsin Rosi, erzählen und spielen die Geschichte nach. Von der anfänglichen Zurückhaltung ist nichts mehr zu spüren.

"Der Hase wollte eigentlich noch das Monsterbuch zu Ende lesen, schläft aber ein. Und er träumt was. Das ist jetzt aber kein Alptraum mehr, sondern… Was ist das? – Das ist eine Hängematte. – Eine Hängematte. Sehr gut. Und das ist wirklich eine sehr schöne Vorstellung, dort jetzt zu landen. So, meine Lieben, das war’s. Das war die Geschichte."

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