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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 05.01.2017

PrognosenDie Zukunft gibt es gar nicht

Von Sascha Mamczak

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Eine Bewohnerin der chinesischen Stadt Tianjin versucht sich vor dem Smog zu schützen (picture alliance / dpa  / Chinafotopress)
Man muss wahrlich kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass wir auf schwierige Zeiten zugehen: Eine Bewohnerin der chinesischen Stadt Tianjin versucht sich vor dem Smog zu schützen. (picture alliance / dpa / Chinafotopress)

Die Zukunft ist nicht der Raum voller Möglichkeiten, als den ihn sich das technische Zeitalter immer vorgestellt hat, ist der Autor Sascha Mamczak überzeugt. Im Gegenteil: Wir hinterlassen künftigen Generationen einen heruntergewirtschafteten, ausgelaugten, überhitzten Planeten.

Das Jahr ist noch jung und wie immer sind die Medien voller Vorschauen auf die nähere und fernere Zukunft. Sie gewinnt dabei ein erstaunliches Eigenleben und erscheint als etwas, das wie eine Naturgewalt über uns hereinbricht. Dabei machen wir die Zukunft selber.

Wäre die Zukunft nicht unvermeidbar, man müsste sie eigentlich vermeiden. Insbesondere zu Beginn eines neuen Jahres, wenn beinahe alle Meinungsmacher des Landes ihr Zukunftsgebläse anwerfen und zu Protokoll geben, was das kommende Jahr, was die Zukunft wohl so bringen wird.

Aber so müßig dieses jährlich wiederkehrende Ritual auch sein mag - wir haben uns ja längst daran gewöhnt, dass sich die allermeisten Zukunftsprognosen nicht bewahrheiten - so erhellend ist es auch. Denn dabei zeigt sich, dass unser Zukunftsdenken etwas zutiefst Widersprüchliches hat.

Wir zahlen die Schulden unserer Vorgänger ab

Einerseits wissen wir natürlich, dass wir es sind, die die Zukunft erzeugen; schließlich fahren wir auf Straßen, die frühere Menschen gebaut haben, zahlen die Schulden ab, die frühere Menschen gemacht haben, und planen Endlager für den Müll, den frühere Menschen produziert haben. Andererseits haben wir die Zukunft zu einer Art höheren Macht erkoren, die mit ihren Wundern und Schrecken über uns kommen wird, egal was wir tun oder lassen.

Ein solches Auslagern von Verantwortlichkeit an erdachte Kollektivgeschöpfe ist nicht ungewöhnlich – wir reden ja auch von der Technik, der Globalisierung oder dem Kapitalismus, als hätten wir nichts damit zu tun.

Aber im Fall der Zukunft ist diese Selbstentmündigung ziemlich fatal: Denn die Zukunft wird erzeugt, Tag für Tag, und wir beziehungsweise unsere Kinder und Enkelkinder werden einmal in dieser heute erzeugten Zukunft leben müssen. Wenn wir jedoch über die Zukunft reden, als würde sie sich einfach unabhängig von uns ereignen, dann lagern wir die Zukunft in die Zukunft aus, dann leben wir in einer nie endenden Gegenwart.

Obsessiv reden wir darüber, was die Zukunft bringen wird

Genau das ist die kulturelle Situation, in der wir uns derzeit befinden. Geradezu obsessiv reden wir darüber, was die Zukunft bringen wird: autonome Autos, paketzustellende Drohnen, sprechende Kühlschränke und so weiter. Doch diese futuristischen Verheißungen eines sich an technischen Errungenschaften berauschenden Zeitalters, das nun schon so lange andauert, dass man sich kein anderes mehr vorstellen kann, sind nur ein ganz kleiner Teil der Zukunft.

Oder besser gesagt: Sie sind der Teil der Zukunft, über den wir reden wollen. Die Zukunft, über die wir nicht so gerne reden wollen, klingt ganz anders: Wetterextreme, Ressourcenknappheit, Flüchtlingsströme, Artensterben, Hungerkatastrophen.

Man muss wahrlich kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass wir auf schwierige Zeiten zugehen. Aber neben der bekannten Tatsache, dass wir bestimmte Aspekte der Realität gerne verdrängen, gibt es noch einen anderen Grund für unsere Zukunftsvergessenheit: Denn diese Zukunft ist nicht der Raum voller Möglichkeiten, als den ihn sich das technische Zeitalter immer vorgestellt hat – ein Raum, in dem bestimmt irgendjemand irgendetwas erfinden wird, das die Sorgen und Nöte der Menschheit auf magische Weise transzendiert. Ganz im Gegenteil: Diese Zukunft ist ein Raum mit viel weniger Möglichkeiten - ein Raum, in dem die Menschen, die darin einmal leben werden, ihr Leben vor allem damit zubringen werden, mit dem klarzukommen, was wir Heutige ihnen hinterlassen, während wir von autonomen Autos träumen: einen heruntergewirtschafteten, ausgelaugten, überhitzten Planeten.

Ist Ihnen das zu pessimistisch? Erwarten Sie zu Beginn eines neuen Jahres nicht etwas Optimismus, etwas Zuversicht?

Es gibt nur die Gegenwart, die sich noch nicht ereignet hat

Auch das ist ja ein wiederkehrendes Ritual in den Zukunftsausblicken der Meinungsmacher: der Hinweis, dass wir es schon irgendwie schaffen werden, dass wir die Zukunft schon irgendwie bewältigen werden. Aber hier geht es nicht um Optimismus oder Pessimismus. Sondern es geht um eine schlichte Einsicht: Dass es die Zukunft gar nicht gibt. Dass die Zukunft nicht mehr und nicht weniger als eine Gegenwart ist, die sich einfach noch nicht ereignet hat. Dass wir – Sie, ich – es sind, die diese künftige Gegenwart machen. Und dass wir – Sie, ich – es sind, die diese künftige Gegenwart, wenn sie uns nicht gefällt, vermeiden können.

Der Autor, Lektor, Herausgeber und Zukunftsdenker Sascha Mamczak (Bild: privat)Sascha Mamczak (Bild: privat)Sascha Mamczak, Jahrgang 1970, arbeitet als Autor, Lektor und Heraus­geber in München. Er hat das Buch "Die Zukunft – Eine Einführung" geschrieben und hält regelmäßig Vorträge zu Zukunftsthemen.

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