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Montag, 20.11.2017

Kommentar | Beitrag vom 23.09.2017

Philosoph zur BundestagswahlWer taktisch wählt, handelt unverantwortlich

Von Dieter Thomä

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Eine Briefwählerin macht ein Kreuz auf einem Wahlzettel für die Bundestagswahl 2017.  (dpa / picture alliance / Sebastian Gollnow)
Eine Briefwählerin macht ein Kreuz auf einem Wahlzettel für die Bundestagswahl 2017. (dpa / picture alliance / Sebastian Gollnow)

Am Sonntag wird gewählt, und es gibt viele, die noch unentschieden sind und sich fragen: Soll man das Kreuz auf dem Wahlschein getreu seiner Überzeugung machen – oder strategisch vorgehen? Für den Philosophen Dieter Thomä liegt die Antwort auf der Hand: Wer taktisch wählt, handelt fahrlässig.

Die taktische Variante funktioniert ungefähr so: Man hat Sympathien für eine Partei X, genießt sie aber mit Vorsicht und denkt vom Ergebnis her: Auf die Bildung der Regierung kommt es an – und das heißt 2017: auf eine Koalition. So beginnt der Taktiker, mit den Parteien zu jonglieren wie mit Bällen. Sie werden zum Mittel zum Zweck. Das Herzblut wird verdünnt. Man spielt mit dem irgendwie aufregenden Gedanken, fremd zu gehen und sich doch treu zu bleiben. Damit die richtige Konstellation in den richtigen Proportionen zustande kommt, wählt der Taktiker statt der Partei X lieber die Partei Y.

Man kann versuchen, auf diesen Fall eine berühmte Unterscheidung Max Webers anzuwenden. Dem großen Soziologen zufolge gibt es in der Politik auf der einen Seite diejenigen, die unbedingt ihrer "Gesinnung" folgen, auf der anderen Seite solche, die ihre "Verantwortung" wahrnehmen und das heißt – ich zitiere – auf "die (voraussehbaren) Folgen (ihres) … Handelns" schauen.

Ein Gesinnungstäter ist der taktische Wähler keinesfalls. Da es ihm um Resultate geht, sieht es so aus, als stünde er auf der Seite der Verantwortungsethik. Aber hat er dieses Gütesiegel verdient? Dazu müsste er eben die "voraussehbaren Folgen" des eigenen Tuns kennen. Das aber gelingt ihm nun gar nicht. Vielmehr gerät der Taktiker in ein Dilemma, das die ökonomische Spieltheorie dankenswerterweise erkundet hat.

Der Wahlschein wird zum Wettschein

Ein taktischer Wähler entscheidet sich – wie gesagt – nicht für "seine" Partei, sondern für irgendeine andere – etwa um eine bestimmte Koalition zu forcieren oder zu verhindern. Das ist sein Spielzug. Ob die erwünschten Folgen eintreten, hängt davon ab, was die anderen tun. Der Wahlschein wird zum mickrigen Wettschein. Denkbar ist zum Beispiel, dass alle Anhänger einer Partei die gerade geschilderte Taktik einsetzen und über Bande spielen. Dann kommt ein Ergebnis heraus, dass doch keiner von ihnen sich gewünscht hat: Die Partei, die ein bisschen geschwächt werden sollte, bekommt am Ende keine einzige Stimme mehr.

Das vermeintlich clevere Ausrechnen, dass man das Eine tun muss, um das Andere zu erreichen, und dass die anderen vielleicht das Andere tun, um das Eine zu erreichen – oder umgekehrt! –, führt nirgendwohin. Das Chaos im Spiel ist perfekt. Wer taktisch wählt, handelt nicht verantwortlich, sondern stochert im Nebel.

Welche inneren Überzeugungen hat eine Person?

Noch etwas ganz anderes spricht gegen den Einsatz bloßer Taktik. Zu ihr gehört ja auch, dass einem die Inhalte, die die Parteien vertreten, eher gleichgültig sind. Das kann an der Profillosigkeit dieser Parteien liegen, aber auch an der eigenen Haltungslosigkeit. Sie ist Max Weber übrigens suspekt. Er schätzt durchaus denjenigen, der mit Luther sagt: "Ich kann nicht anders, hier stehe ich". Weber kommentiert: "Das ist etwas, was menschlich echt ist und ergreift."

Wer sich also nicht in taktischen Spielchen und innerem Wankelmut verlieren will, sollte gemäß seiner Überzeugung wählen. Auf diese Weise wird man auch gezwungen herauszufinden, welche tiefen inneren Überzeugungen man überhaupt hat.

Für mich ist die Sache also klar: Ich wähle aus Überzeugung. Wer es nicht tut, handelt fahrlässig.

Der Philoso(picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)Der Schweizer Philosoph Dieter Thomä von der Universität St. Gallen, (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)ph Dieter Thomä

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