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Buchkritik | Beitrag vom 21.04.2018

Philip Kerr: "Kalter Frieden"Raffiniertes Spiel mit Lüge und Verstellung

Von Joachim Scholl

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"Kalter Frieden" von Philip Kerr (Verlag Wunderlich/picture alliance/dpa/Foto: Franck Fernandes)
Buchcover: "Kalter Frieden" von Philip Kerr (Verlag Wunderlich/picture alliance/dpa/Foto: Franck Fernandes)

"Kalter Frieden" ist der elfte Band von Philip Kerrs Krimi-Reihe um den Detektiv Bernie Gunther. Es ist 1956 und Gunther führt ein friedvolles Dasein in Frankreich - bis eine attraktive Amerikanerin auftaucht, der er eigentlich nur das Bridgespielen beibringen soll.

Gleich vorab die gute Nachricht für alle deutschen Philip-Kerr-Fans, die auch tief betroffen vom überraschenden Tod ihres Lieblings-Autors waren: Dieser neue Roman ist nicht der finale Schlag des alten Helden! Noch zwei weitere Abenteuer wird es geben, den letzten Roman hat Philip Kerr wenige Wochen vor seinem Ende abschließen können, die deutschen Übersetzungen sind in Arbeit! "Kalter Frieden" ist der elfte Band von Kerrs wohl populärster Krimi-Reihe um den deutschen Detektiv und früheren Kriminalkommissar Bernie Gunther, der in den 1930er-Jahren in Berlin ermittelt, bis ihn die politische Entwicklung, Nazi-Terror und Weltkrieg außer Landes treiben. 

Kartenspiel mit einer attraktive Amerikanerin

Inzwischen ist es 1956 geworden, Bernie Gunther lebt inkognito an der französischen Riviera, arbeitet als Concierge in Saint-Jean-Cap-Ferrat in der Nähe von Nizza. Sein bescheidenes, friedvolles Dasein wird jäh von einer überaus attraktiven Amerikanerin unterbrochen, die Bernie um einen interessanten Gefallen bittet: Sie habe gehört, dass er Bridge-Spieler sei, ob er ihr wohl das komplexe englische Kartenspiel beibringen könne? Auf diese Weise sucht die Dame, die sich als Biografin ausgibt, Kontakt zu einem weltberühmten Mann, dem Schriftsteller William Somerset Maugham, der am Ort in einer luxuriösen Villa seinen Lebensabend verbringt.

Maugham ist bereits über 80 Jahre alt, schwerreich und will am liebsten nur noch Bridge spielen. Doch mit jener Amerikanerin kommt seine Vergangenheit mit Macht zurück – die Zeit als Spion des britischen Geheimdienstes MI6 während des Ersten Weltkriegs, vor allem aber seine exzessiven homosexuellen Eskapaden, die der Schriftsteller viele Jahrzehnte erfolgreich vor der Öffentlichkeit verbergen konnte. Plötzlich taucht ein einschlägiges Foto einer orgiastischen Pool-Party auf, zur Amerikanerin gesellen sich sinistre deutsche Gesichter, und ohne es zu wollen, wird Bernie Gunther in einen Strudel von Erpressung, Intrigen und Verrat hineingezogen – ein Komplott, hinter dem die Stasi der DDR sowie alte Nazi-Schergen stecken, jetzt muss Bernie mit vollem Einsatz ins Spiel…

Zeitgeschichte wird glänzend mit Krimi-Plot verbunden

Wie in all den früheren Romanen um Bernie Gunther versteht es Philip Kerr wiederum glänzend, reale Zeitgeschichte und Personen, historische Ereignisse und Fakten in einem rasanten, spannenden Krimi-Plot zu integrieren. Dieses Mal wird die Geschichte durch die Figur des Somerset Maugham auch zu einem ausgesprochen literarischen Leckerbissen: Die Dialoge zwischen dem legendären Schriftsteller und Bernie über Kunst und Fiktion hätte Philip Kerr wohl sicherlich selbst gern geführt, man spürt das Vergnügen in jeder Zeile. Ist Literatur nicht wie verwandt mit der Spionage, als exquisit-raffiniertes Spiel mit Lüge und Verstellung? In der Tat, wenngleich weniger tödlich in der Konsequenz. Bernie Gunther überlebt dieses Abenteuer nur knapp – 2019, so sein Autor, soll er wiederkommen. Gottseidank!

Philip Kerr: "Kalter Frieden"
Wunderlich Verlag, Reinbeck, 2018
400 Seiten, 22,95 Euro 

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