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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 23.02.2018

Pfarrer gegen Neo-Nazis Laut sein gegen rechts

Von Christian Röther

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Pfarrer Wilfried Manneke (l.) demonstriert 2011 in Eschede bei Celle gegen ein Treffen von Neonazis. (dpa / picture-alliance)
Pfarrer Wilfried Manneke (l.) demonstriert 2011 in Eschede bei Celle gegen ein Treffen von Neonazis. (dpa / picture-alliance)

Drohbriefe, ein Molotow-Cocktail, tote Tiere vor der Kirchentür - weil Pfarrer Wilfried Manneke sich gegen Rechtsradikalismus engagiert, wird er oft bedroht. Die meisten in seiner Gemeinde schweigen. Manche sagen: "Die Rechtsextremen tun doch keinem was."

"Der Molotow-Cocktail ist hier im Eingangsbereich runtergegangen, und zwar gleich neben dem Küchenfenster. Ob der Täter die Bierflasche, gefüllt mit einer brennbaren Flüssigkeit, durchs Fenster werfen wollte, weiß ich nicht. Wenn ihm das gelungen wäre, dann hätte es böse ausgesehen."

Wilfried Manneke steht von seinem Pfarrhaus in einem Wohngebiet in Unterlüß, ein kleiner Ort in der Lüneburger Heide. Die Hauswand ist schon lange wieder neu verputzt und weiß gestrichen. Der Brandanschlag liegt über fünf Jahre zurück. Doch wenn Wilfried Manneke morgens aus dem Haus geht, schaut er sich erst mal um. Wieder ein Drohbrief an der Laterne oder ein Hakenkreuz am Baum?

"Das liegt erst ein paar Monate zurück: An einem Samstagmorgen entdeckte unsere Küsterin eine tote Ratte an der Türklinke. Ob die tote Ratte nur hier angehängt worden ist wegen meines Engagements gegen Rechtsextremismus oder weil hier unter dem Vordach immer wieder Flüchtlinge stehen, das weiß ich nicht. Aber auf jeden Fall war das schon ein starkes Signal."

Von Südafrika nach Unterlüß

Wilfried Manneke setzt sich ein für Flüchtlinge und gegen Neo-Nazis – und das schon seit über 20 Jahren. Mitte der 90er kam der evangelische Pfarrer nach Unterlüß, in die Friedenskirche. Damals hatte der Ort viereinhalbtausend Einwohner, heute sind es rund eintausend weniger. Nach wie vor größter Arbeitgeber: das Rüstungsunternehmen Rheinmetall. Vor Unterlüß war Wilfried Manneke Auslandspfarrer in Südafrika – 13 Jahre lang. Die Konflikte dort zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarben haben ihn geprägt.

"Meine Zeit in Südafrika hat mich sensibel gemacht für Themen wie Rassismus oder Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Und als ich ҅95 dann hierher in die Lüneburger Heide kam und eben mitbekam, dass Neo-Nazis hier so aktiv sind, habe ich mich damals sofort auch einem Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus angeschlossen."

Vier sogenannte Kameradschaften von Neo-Nazis gibt es im Umkreis von 40 Kilometern, erzählt Wilfried Manneke. Es scheint, als kenne der Pfarrer jeden aktiven Rechtsextremisten der Region mit vollem Namen.

"Also Neo-Nazis sind sehr missionarisch. Die versuchen besonders, junge Leute in ihre Reihen zu ziehen. Und das habe ich auch selber hier vor Ort erlebt. Über zehn Jungs, die ich gerade zuvor konfirmiert hatte, sind also in Neo-Nazi-Kameradschaften gezogen worden. Das hat schließlich dazu geführt, dass ich jetzt auch im Konfirmandenunterricht das Thema Rechtsextremismus anspreche und versuche, so die Konfirmandinnen und Konfirmanden aufzuklären über den Rechtsextremismus."

Gegen die Ideologie der Ungleichheit

Wilfried Manneke klärt nicht nur auf. Er beobachtet, archiviert, klagt an, organisiert, demonstriert. Wenn es nötig ist, jeden Tag. Wie 2009, als Neo-Nazis ein leerstehendes Hotel besetzt hatten, nur wenige Kilometer von seiner Kirche entfernt. Falls die Rechten mal wieder irgendwo in der Region auftauchen, wird eine Telefonkette in Gang gesetzt und dann geht es los zum Protest. Auf Wilfried Mannekes Schreibtisch deshalb immer griffbereit – zwischen USB-Sticks und einem kleinen Porträt von Martin Luther: eine Trillerpfeife. Laut sein gegen rechts – und das aus christlicher Überzeugung.

"Rechtsextremismus basiert auf der Ideologie der Ungleichheit. Neonazis teilen Menschen nach Hautfarbe auf, nach Gesundheit und anderen Kriterien und das ist für uns Christen unakzeptabel. Wir glauben, dass vor Gott und vor dem Gesetz alle Menschen gleich sind, unabhängig von Hautfarbe, Religion oder Kultur oder geschichtlichem Hintergrund."

Weil Wilfried Manneke für diese Überzeugung einsteht, hat es nicht nur den Brandanschlag auf das Pfarrhaus gegeben. Sein Auto wurde beschädigt, Unbekannte brüllten nachts Parolen vor dem Haus, etwa "Juden raus!" Dazu Hetze und Drohungen im Internet. Wenn der Pfarrer all das aufzählt, wirkt er überraschend entspannt, unerschrocken.

"Ja, das wusste ich ja auch schon vorher. Also wer sich Rechtsextremen in den Weg stellt, der muss mit Anfeindungen rechnen."

Rückhalt und Schweigen

Trotz all der Anfeindungen und Angriffe: Der 63-Jährige spürt den Rückhalt der Kirche – auch wenn er in seiner Gemeinde gelegentlich kritisiert wird.

"Es gibt eine ganze Menge Gemeindeglieder, die mein Engagement auch sehr unterstützten, die sogar aktiv mitmachen. Und es gibt natürlich auch welche, die sagen, lass die doch zufrieden, die Rechtsextremen, die tun doch keinem was. Da muss man dann natürlich Überzeugungsarbeit leisten. Aber der größte Teil äußert sich gar nicht dazu."

Doch Nazi-Aktivitäten totschweigen, das kommt für Wilfried Manneke nicht in Frage. Er ist einer der Sprecher des "Netzwerks Südheide gegen Rechtsextremismus", bei dem auch Gewerkschaften und Parteien mitmachen. Außerdem ist der Pfarrer bei kirchlichen Initiativen gegen Rechts dabei, etwa der "Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus".

"Natürlich hoffen wir auch, dass durch unseren Protest auch Neo-Nazis umgestimmt werden. Mindestens ein Fall fällt mir dazu ein, das ist Johannes Kneifel, der 1999 zusammen mit einem Mitstreiter einen Obdachlosen in Eschede erschlagen hat, der sich nach seinem Gefängnisaufenthalt ganz gewandelt hat und heute als Pastor in Sachsen arbeitet."

Über den Rechtspopulismus der AfD aufklären

Im Vergleich zu den 90er Jahren, als Wilfried Manneke in Unterlüß angefangen hat, ist die Neo-Nazi-Szene kleiner geworden – vielleicht auch sein Verdienst. Was aber nicht heißt, dass von den Neo-Nazis keine Gefahren mehr ausgehen. Gelöst ist das Problem für den Pfarrer auf keinen Fall. Denn es gibt einen neuen rechten Gegner: die AfD.

"Wir klären auf jeden Fall auch auf über die AfD. Zum Beispiel haben wir vor, jetzt vor der Bundestagswahl in der Innenstadt von Celle über Rechtspopulismus zu informieren."

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