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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.07.2012

Persönliche Annäherungen im Nahostkonflikt

Stéphane Hessel und Elias Sanbar: "Israel und Palästina - Recht auf Frieden und Recht auf Land"

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Stéphane Hessel, ehemaliger Resistance-Kämpfer und Publizist (picture alliance / dpa)
Stéphane Hessel, ehemaliger Resistance-Kämpfer und Publizist (picture alliance / dpa)

Der ehemalige KZ-Häftling Stéphane Hessel und der palästinensische UNESCO-Botschafter Elias Sanbar sind zwei honorige Persönlichkeiten mit sehr unterschiedlichen Biografien. Ihr Gespräch über den Nahostkonflikt ist von gegenseitgem Respekt geprägt - und einer erstaunlichen Nähe.

Es sprechen zwei honorige Persönlichkeiten miteinander, die auf unterschiedliche Weise in den Konflikt der beiden Völker involviert sind. Zum einen Stéphane Hessel, Sohn eines vor den Nazis geflohenen jüdischen Vaters, Mitglied der Résistance, ehemaliger KZ-Häftling, der nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Allgemeine Menschenrechtserklärung der UNO mit erarbeitet und Karriere als französischer Diplomat gemacht hat. Zum anderen Elias Sanbar: Palästinenser, geboren 1947 in Haifa, im libanesischen Exil aufgewachsen, Studium in Paris, Beirut und Princeton, Mitglied des palästinensischen Exilparlaments, Teilnehmer an der Friedenskonferenz in Madrid, seit 2006 Botschafter Palästinas bei der UNESCO.

Gegensätzlicher, meint man, können diese beiden Erfahrungs- und Lebenswelten, also Sichtweisen der israelisch-palästinensischen Problematik, nicht sein. Weit gefehlt. Entlang ihrer so unterschiedlichen Biografien und persönlichen Erlebnisse berichten beide Gesprächspartner in konziliantem Ton von der Entwicklung ihrer Position zur Israel-Palästina-Frage.

Hessel, der den Teilungsbeschluss der UNO 1947 begrüßt und die Gründung des Staates Israel für selbstverständlich gehalten hatte, gibt selbstkritisch zu, dass damals niemand bei der UNO in Begriffen wie "Palästina" oder "Palästinenser" gedacht habe. Man habe den Briten Land weggenommen, nicht den Palästinensern, die man als Araber angesehen habe. Entsprechend sei die Tragweite des Teilungsbeschlusses nicht erkannt und die Weigerung der Palästinenser, ihn anzuerkennen, nicht begriffen worden. Die folgende Umsiedlung der relativ kleinen Bevölkerungsgruppe - der man nicht den Status eines "Volkes" zuerkannte - sei gemessen an weitaus umfassenderen Bewegungen im Europa der Nachkriegszeit als "normal" und vernachlässigbar erschienen.

Sanbar beklagt genau darin den Beginn der Katastrophe für die Palästinenser: Indem man den Juden eine "Rückkehr" nach Palästina ermöglichte, seien die Palästinenser als Volk unsichtbar geworden, ihr Land wie ein scheinbar leerer, kolonialer Verwaltungsraum aufgeteilt worden. Er betont, dass nicht der Angriff arabischer Staaten nach der Staatsgründung Israels im Mai 1948 die palästinensische Katastrophe, die "Nakba", ausgelöst habe, sondern Vertreibung und Flucht der Palästinenser bereits zwischen dem Teilungsbeschluss im November 1947 und der Proklamierung des Staates Israel im Mai1948 stattgefunden haben. Von 1,4 Millionen Palästinensern lebten nach diesem halben Jahr nur noch 110.000 in dem Gebiet, das dann israelisches Staatsgebiet war. Erst mit Beginn des militanten Widerstandes nach dem Sechstagekrieg 1967 seien die Palästinenser als Volk wahrgenommen worden.

Hessel, der ehemalige Widerstandskämpfer gegen die deutsche Okkupation, und Sanbar, der sich dem bewaffneten Widerstand gegen die Israelis angeschlossen hatte, sind sich einig, dass Gewaltanwendung legitim ist, sofern "der Schwache keine andere Möglichkeit hat, sich gegen seine Unterdrückung zu wehren". Blindwütige Attentate auf Zivilisten hingegen lehnen beide ab.

Perspektivisch zweifeln sie nicht an der Notwendigkeit einer Verhandlungslösung, setzen dabei aber, nach den jüngsten Erfahrungen des "Arabischen Frühlings", vor allem auf die Völker selbst, die sich gegen ihre - aus wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen befangenen - Politiker emanzipieren müssten. Als Nachkommen von "Opfern" sehen Hessel und Sanbar es als ihre Pflicht an, eine Ethik zu entwickeln, die keine Sonderrechte fordert, keinen Überlegenheitsstatus reklamiert, sondern jede Form von Despotismus und Ungerechtigkeit zurückweist. Hessel verweist wiederholt auf die überragende Bedeutung des Völkerrechts. Ihm habe Israel seine Existenz zu verdanken. Es sei nicht akzeptabel, wenn gerade dieser Staat das Völkerrecht durch seine Politik missachte.

Das Überzeugende an diesem Gespräch ist die Engführung politischer Deutungen mit der eigenen Biografie. Hessel wie Sanbar sind sowohl Akteure der Politik als auch distanzierte, reflektierende Beobachter. Erstaunlich, wie nahe sie sich kommen. Gegenseitiger Respekt spricht aus ihren Sätzen, die Erfahrung politischer Pragmatiker und der unbedingte Wille, Menschen- und Völkerrecht als Grundlage von Verständigung und Entwicklung ernst zu nehmen - gerade in Zeiten, in denen die UNO wie ein harmloser, dressierbarer Papiertiger erscheint.

So ist das kleine Büchlein eine hervorragende Ergänzung zum Verständnis und Selbstverständnis des heute 94-jährigen Stéphane Hessel, ein Paradebeispiel für einen fruchtbaren jüdisch-palästinensischen Dialog sowie ein erhellender Beitrag zu den Aspekten Völkerrecht, Menschenrechtspolitik und Legitimität von Gewalt.

Besprochen von Carsten Hueck

Stéphane Hessel und Elias Sanbar: Israel und Palästina - Recht auf Frieden und Recht auf Land
Aus dem Französischen von Edmund Jacoby
Jacoby&Stuart Verlag, Berlin 2012
159 Seiten, 14 Euro


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