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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.07.2016

Oliver Nachtwey: "Die Abstiegsgesellschaft"Abwärts ins Prekariat

Von Carsten Hueck

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Auf einem Gehweg sitzt ein Mann in einer Decke. Vor ihm steht ein Becher. Ein Passant geht vorbei. (dpa / picture alliance / Paul Zinken)
Die Armut in Deutschland nimmt zu. (dpa / picture alliance / Paul Zinken)

In den 80ern ging es noch für fast alle Gesellschaftsschichten aufwärts. Das ist vorbei: Der Unterschied zwischen Arm und Reich nimmt zu, solidarische Bindungen schwinden. In "Die Abstiegsgesellschaft" zeichnet Oliver Nachtwey ein düsteres Bild gegenwärtiger Verhältnisse.

Europa ist mit Krisen konfrontiert – internationaler Terrorismus, Flüchtlinge, die konfrontative Politik Russland und die "Krisen" innerhalb der eigenen Länder. Ihnen widmet sich der Ökonom und Soziologe Oliver Nachtwey in seinem Buch "Die Abstiegsgesellschaft" und stellt dabei fest, dass bei aller Unterschiedlichkeit den Protestbewegungen wie "Podemos", den Pariser Gewerkschaften und "Pegida" eine gemeinsame Wahrnehmung zugrunde liegt: Soziale Versprechen, die bis zum Ende des 20. Jahrhunderts die modernen europäischen Gesellschaften zusammenhielten, besitzen keine Gültigkeit mehr.

Und die Strukturen des Erwerbslebens haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Karrieren sind weniger planbar, Aufstiegschancen beschränkt, soziale Sicherungssysteme porös geworden.

Verantwortlich dafür macht Oliver Nachtwey den infolge der Wirtschaftskrise der 1970er-Jahre entstandenen Postwachstumskapitalismus. Die Epoche zuvor nennt er soziale Moderne. In ihr fand eine fortschreitende Ent-Proletarisierung und Entfaltung des Wohlfahrtstaats statt: Einführung der Fünftagewoche, Tarifautonomie, Krankenversicherung, garantierte Renten und wachsende soziale Aufstiegschancen.

Der Soziologe Ulrich Beck konnte in den 1980er-Jahren noch vom "kollektiven Fahrstuhleffekt" sprechen - es ging aufwärts für Vertreter aller Schichten der Gesellschaft.

Entstehung eines hochqualifizierten Prekariats

Mittlerweile, so der Soziologe, könne davon keine Rede mehr sein. Die soziale Moderne sei längst erodiert und von der regressiven Moderne abgelöst worden. Letztere zeichne sich vor allem durch Vermögens- und Einkommensungleichheit, eine zunehmende Zahl einfacher und schlecht bezahlter Jobs, den Verlust sozialer und solidarischer Bindungen und das Entstehen eines auch hochqualifizierten Prekariats aus.

Zwar gäbe es in Deutschland mehr Studenten als je zuvor, doch sei Bildung keine Garantie mehr für ein sozial gesichertes Berufsleben. Schul- und Hochschullehrer erhielten vielfach nur Kurzzeitverträge, arbeitsrechtliche und sozialstaatliche Absicherungen würden beschnitten. Die Arbeitsmarktteilhabe von Frauen sei zwar generell gestiegen – aber vor allem im Billiglohnsektor.

Da Konzerne und Öffentlicher Dienst sich nach Wettbewerbsprinzipien organisierten, würden vielfach Leistungen ausgelagert und Leiharbeiter angestellt – tarifliche Sicherungen entfielen. Nachtweys Resümee lautet:

"Die europäischen Gesellschaften sind zwar gleichberechtigter, aber sozial wieder ungleicher geworden."

Schrumpfen der sozialen Sicherungssysteme

In fünf Kapiteln reflektiert der Autor die historische Entwicklung der Klassengesellschaft hin zum Sozialstaat, sowie dessen Verwandlung in das, was er Abstiegsgesellschaft nennt. Das alles ist nicht neu. Eindringlich aber weist Oliver Nachtwey daraufhin, dass mit dem Schrumpfen sozialer Sicherungssysteme die Gefahr gesellschaftlicher Polarisierung wachse und soziale Abstiegsprozesse auch das demokratische Gemeinwesen an sich bedrohten.

Im Aufbegehren der Rechten sieht er einen anti-liberalen Impuls, an dem der Linken kritisiert er das Fehlen einer "Idee von einer gelingenden Zukunft". Und auch wenn er keine Lösungsvorschläge anbietet, als kompakte Bestandsaufnahme gegenwärtiger Verhältnisse ist sein Buch dennoch bestens geeignet.

Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
263 Seiten, 18 Euro

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