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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.10.2013

Ohne Klassenkampf zählt es nicht

Lucien van der Walt/Michael Schmidt: "Schwarze Flamme", Editon Nautilus, Hamburg 2013, 560 Seiten

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Die Autoren wenden sich rigoros gegen den klassischen Kanon. Denker wie Leo Tolstoi schließen sie als Anarchisten aus. (AP Archiv)
Die Autoren wenden sich rigoros gegen den klassischen Kanon. Denker wie Leo Tolstoi schließen sie als Anarchisten aus. (AP Archiv)

Tief in der sozialistischen Tradition möchten die Autoren Lucien van der Walt und Michael Schmidt den Anarchismus verankern. Ihr Versuch, damit ein neues Standardwerk zur Geschichte des Anarchismus zu schreiben, scheitert allerdings an einseitigen und oberflächlichen Analysen.

Dass Anarchismus kein Synonym für Chaos ist, muss heute zum Glück nur noch selten erklärt werden. Lucien van der Walt und Michael Schmidt gehen aber noch viel weiter: Auch "Keine Macht für Niemand" ist in ihren Augen kein hinreichender Slogan für das, was sie unter Anarchismus verstehen. Ihr Buch "Schwarze Flamme" wurde vom Verlag vollmundig als "Standardwerk anarchistischer Geschichtsschreibung" angekündigt. Das legt die Latte hoch.

Zumindest in puncto Originalität können sie diesen Anspruch einlösen. Von Anfang an wenden sie sich rigoros gegen den klassischen Kanon des Anarchismus. Die Ablehnung des Staates, von Staatlichkeit und Staatsmacht, bei gleichzeitiger Betonung der individuellen Freiheit ergibt für sie keine kongruente Definition des Anarchismus. Denn dann, so argumentieren sie, müssten viele Theoretiker mit widersprüchlichsten Ansätzen, ob Wirtschaftsliberale, radikale Christen oder Taoisten, auch zum Anarchismus gezählt werden. Deshalb schließen sie Denker, die gemeinhin als Anarchisten kategorisiert werden, wie William Goodwin, Max Stirner, Benjamin Tucker und Leo Tolstoi, von vorneherein aus. Sie sind nach Auffassung der beiden Autoren keine Anarchisten.

Anti-Etatismus ist nicht der Grundkonsens. Nur "revolutionärer Anarchismus" ist Anarchismus, so ihre These. Sie wollen den Anarchismus tief und fest in der sozialistischen Tradition verankern. Ohne Antikapitalismus kein Anarchismus: In Ihren eigen Worten klingt das so: "Der Klassenkampfanarchismus … in unseren Augen ist es der einzige Anarchismus". Und in diesem Duktus sind in diesem Buch leider viele Seiten geschrieben. Die Autoren sind stets bemüht zu zeigen, dass das, wofür sie den Begriff "broad anarchist traditon" erfunden haben, eine theoretisch kohärente und historisch einheitliche Bewegung ist. Was nicht passt, wird ausgeschlossen.

Anarchistische Ideenwelten erschließen sich nicht

Im Versuch, diese Beweisführung wasserdicht zu bekommen, erfährt man leider zu wenig darüber, was die Ideen und Ziele des Anarchismus nach ihrer Vorstellung konkret bedeuten. Dabei wären diese spannend: größtmögliche Demokratie, Selbstverwaltung, Ablehnung von Hierarchie, Gegenmacht, Gleichheit der Geschlechter, Bekenntnis zur individuellen Freiheit. Oder zusammengefasst, eine egalitäre, nichtstaatliche, sozialistische Ordnung, in der die individuelle Freiheit das höchste Gut ist. Sie gebrauchen diese Begriffe allerdings nur als bloße Schlagworte. Auch die in ihren Augen stilbildenden Anarchisten werden den Lesern nie nahegebracht, so dass man sich deren Ideenwelt erschließen könnte. Sie werden nur fürs Argument verwurstet.

Sozialgeschichtlich wollen die Autoren zeigen, dass der Anarchismus nicht, wie häufig behauptet, Randerscheinung der Linken und der Arbeiterbewegung war, dass dieses Urteil vielmehr einem "eurozentrischen Blick" geschuldet sei. Sehr plausibel und in beeindruckender Kenntnis der globalen Anarchiegeschichte verweisen sie auf sozialistische Bewegungen in Afrika, Asien und Süd- und Mittelamerika, in denen der Anarchismus eine einflussreiche Rolle spielte. Leider unterfüttern sie diese These nie mit einer stimmigen historischen Beschreibung. Wie so vieles in diesem Buch bleibt auch dies nur eine Behauptung. Das Buch ist immer programmatisch, nie anschaulich. An keiner Stelle gelingt es, die Leser in die Ideenwelt des Anarchismus eintauchen zu lassen. Oder etwa in die Realität der anarchistischen Kreise und Bünde in der, wie sie schreiben, "Blütezeit" des Anarchismus zwischen 1890 und 1920. Wie wurde damals gelebt, geträumt, gekämpft? Welche Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen gab es? Von all dem erfahren die Leser nichts.

Überhaupt der Umgang mit Geschichte: Bakunin und Kropotkin werden fleißig und kundig zur Analyse herangezogen, ohne zu kontextualisieren, dass ihre Texte in einem agrarisch geprägten, zaristischen Russland geschrieben wurden und sich deshalb nicht auf eine Zeit mit Werkverträgen im Dienstleistungssektor übertragen lassen. Parasiten- und Krankheitsmetaphern werden völlig unkritisch zitiert und benutzt.

In ihrem unbedingten Willen, eine kohärente, einheitliche Tradition vorzuführen, einen neuen Kanon zu etablieren, mit Klassenkampf- und Pamphletvokabeln eine "broad anarchist tradition" zu schnitzen, enden sie eher in einem Anachronismus als beim Anarchismus.

Sehr bedauerlich: Es wäre gut, ein aktuelles Standardwerk zur Geschichte des Anarchismus in die Hand zu bekommen. Aber danach wird man leider weiter Ausschau halten müssen.

Besprochen von Philipp Schnee

Lucien van der Walt/Michael Schmidt: Schwarze Flamme. Revolutionäre Klassenpolitik im Anarchismus und Syndikalismus
Aus dem Englischen von Andreas Förster und Holger Marcks
Editon Nautilus, Hamburg 2013
560 Seiten, 39,90 Euro

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