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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 17.03.2017

NS-Mord-Aktion "Reinhardt"Nach der Ankunft erschlagen, erschossen, vergast

Von Bernd Ulrich

Belzec in Polen (picture alliance / dpa / Foto: epa pap Trembecki)
Einweihung der Gedenkstätte im Juni 2004 für die mehr als 500.000 Holocaust-Opfer des ehemaligen deutschen Vernichtungslagers im ostpolnischen Belzec (picture alliance / dpa / Foto: epa pap Trembecki)

Vor 75 Jahren begann die systematische Ermordung von Juden und Roma durch die Nationalsozialisten. Der erste Deportationszug erreichte das Todeslager Belzec in der Nähe Lublins. Unter dem Codewort "Aktion Reinhardt" wurde später auch in Sobibor und Treblinka getötet.

"Aus dem Generalgouvernement werden jetzt, bei Lublin beginnend, die Juden nach dem Osten abgeschoben. Es wird hier ein ziemlich barbarisches und nicht näher zu beschreibendes Verfahren angewandt, und von den Juden selbst bleibt nicht mehr viel übrig."

Der fanatische Antisemit Joseph Goebbels war wie immer gut informiert. Trotz höchster Geheimhaltungsstufe, sein Tagebuch-Eintrag vom 27. März 1942 belegt es, wusste er von der "Aktion Reinhardt". Dieses geheime Codewort hatte die Mordaktion nach dem Vornamen des hohen SS-Offiziers Reinhard Heydrich erhalten. Er war zugleich Chef des Reichssicherheitshauptamtes sowie seit Ende September 1941 stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren. Im Frühjahr 1942 hatte der Polizei- und

SS-Offizier Odilo Globocnic die Leitung der "Aktion Reinhardt" übernommen. Für deren Durchführung waren mittlerweile, versteckt in den Wäldern Ostpolens, kleine Todeslager mit Gleisanschluss errichtet worden – und zwar in Belzec, Sobibor und Treblinka.

Unter den SS-Schergen galt Globocnic als besonders eifriger Massenmörder. Rudolf Höß, der einstige Kommandant von Auschwitz, berichtete über seinen SS-Kameraden:

"Während ich mich mit Eichmann immer herumschlug, um die Judentransporte nach Auschwitz abzubremsen, konnte Globocnic nicht genug bekommen, denn er wollte unbedingt mit seinen Vernichtungen und seinen erfassten Werten an der Spitze stehen."

Die Maschinerie des Tötens

Am 17. März 1942 traf auf einem nur der Tarnung dienenden Bahnhof beim neu errichteten Todeslager Belzec im Südosten des Distrikts Lublin der erste Deportationszug ein. In ihm befanden sich exakt 6.786 Juden, - Männer, Frauen, Kinder jeden Alters -, aller Würde schon im Lubliner Getto beraubt, aus dem heraus sie in die mit Stacheldraht verschlossenen Güter- und Viehwaggons für den Transport zusammengepfercht worden waren. Sie gehörten zu den über 430.000 Menschen, die nach Zählung der SS allein in Belzec bis Ende Dezember 1942 ermordet, das heißt, unmittelbar nach ihrer Ankunft erschlagen, erschossen und hauptsächlich in erstmals errichteten, stationären Gaskammern mit Motorabgasen um ihre Leben gebracht wurden.

Volkhardt Knigge, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald und Mittelbau-Dora, bringt es für die drei Todeslager der "Aktion Reinhardt" auf den Punkt:

"Diese Lager der 'Aktion Reinhardt' stehen wirklich für das krasse Töten. Dort kommen die Züge an, dort werden die Juden des sogenannten Generalgouvernements ermordet, aber auch etwa 50.000 Roma. Auch jüdische Deutsche werden dorthin transportiert. Dort steigt man aus dem Zug, wird in die Gaskammern getrieben, wird ermordet, wird verbrannt – das ist der Vorgang. Es ist eine reine Maschinerie des Tötens."

Vor allem das Mord-Personal, das in den Jahren 1940/41 bei der Tötung von über 70.000 geistig und körperlich Behinderten in Deutschland mitgeholfen hatte, kam in der "Aktion Reinhardt" zum Einsatz. So amtierte etwa der im Mord mit Kohlenmonoxid besonders erfahrene Kriminalpolizist und SS-Offizier Christian Wirth, tätig unter anderem in der Tötungsanstalt Hadamar, als erster Lagerkommandant in Belzec und wurde schließlich kurzzeitig "Inspekteur" aller drei Tötungslager. Die relativ wenigen SS-Männer konnten ihre Untaten nur mithilfe sogenannter Arbeitsjuden begehen. Es waren todgeweihte Menschen, die vor ihrer eigenen Ermordung mithelfen mussten, die Deportierten auszuplündern, ihre Leichen zu verscharren und später – aus Angst vor Entdeckung – die Toten wieder auszugraben und zu verbrennen.

Ihre Berichte, die sie weitergeben konnten, führten im August und im Oktober 1943 zu Aufständen in Treblinka und Sobibor.

Die Trawniki-Männer

Unverzichtbar waren aber vor allem die von der SS aus dem Heer der kriegsgefangenen Rotarmisten rekrutierten Männer, meist Ukrainer, Balten oder auch Wolgadeutsche, die nach dem Ort ihrer schnellen Ausbildung, südöstlich von Lublin gelegen, "Trawniki" genannt wurden. Die Historikerin Angelika Benz:

"In den Vernichtungslagern der 'Aktion Reinhardt' zumindest – also Belzec, Sobibor und Treblinka – haben die Trawnikis den größten Teil der Wachmannschaften gestellt. Immer eben bewacht und angeleitet von der SS, aber zahlenmäßig waren es immer einige Hundert Trawniki-Männer, und dann 20 bis 40 SS-Männer."

Erst durch den Prozess gegen Iwan Demjanjuk – einer von etwa 5.000 Trawniki-Männern – rückte zwischen 2009 und 2011 wieder ins Bewusstsein der Deutschen, was mit der Tarnbezeichnung "Aktion Reinhardt" nur unvollständig beschrieben ist: Über zwei Millionen Menschen wurden in eineinhalb Jahren ermordet.

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