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Montag, 18.12.2017

Länderreport | Beitrag vom 06.12.2017

Norddeutschland ist lässigerSoll ich Dich siezen oder darf ich Sie duzen?

Von Detlev Gröning

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Im Norden besonders lässig: Ein Teenager in Hamburg. (imago/Westend61)
Im Norden sind die Menschen besonders lässig: Ein Teenager in Hamburg. (imago/Westend61)

Laut einer Studie wird in norddeutschen Schulen viel geduzt, im Süden der Republik wird häufiger gesiezt. Warum es diese regionalen Unterschiede gibt und warum sie schnell zu Verwirrungen führen können, fragt sich Detlev Gröning in seiner Glosse.

"Elisabeth, kannst Du mir noch mal sagen, was wir morgen zum Zeichenunterricht mitbringen sollen?"

In meinen kühnsten Fantasien könnte ich mir nicht ausdenken, wie unser Fräulein Röhrig auf diese Ansprache reagiert hätte. Wahrscheinlich mit einem Strafaufsatz nach Schulschluss zum Unterschied zwischen "Sie" und "Du". So, und jetzt sitze ich hier in der leeren Klasse und lese in einer Studie, dass vertrautes Duzen von unten nach oben inzwischen bis zur vierten Grundschulklasse nicht ungewöhnlich sein soll. Besonders in Norddeutschland.

Mein vorläufig letztes "Du" gegenüber Lehr- und Aufsichtspersonal habe ich an Hannelotte im Kindergarten adressiert. Nee, Moment: Tante Hannelotte, so viel Zeit musste sein. Entweder "Sie" oder "Tante" - so wollte es der Kinder-Knigge.

"Je Norden desto Du"

Im späteren Eiertanz der angemessenen Anrede machte einer meiner Lehrer auf der Zielgeraden des neunten Bildungswegs den schönsten Ausfallschritt:

"Ich darf doch Detlev zu Ihnen sagen? - Sie dürfen mich dafür Herr Mensing nennen."

Das hat Stil und klingt doch gleich ganz anders als "Frau Möller, hast Du mal den Stornoschlüssel?"

Wenn ich dem betagten Pädagogen in unserer Kleinstadt begegne, gilt dieses Reglement bis heute, allein schon weil es nach der Etikette dem Älteren vorbehalten ist, das Verhältnis auf neue sprachliche Grundlagen zu stellen.

Generell gilt, so hat die Studie herausgefunden: "Je Norden desto Du." Darum steht die skandinavische Nachbarschaft im Ruf der vertrauten Gemütlichkeit; selbst in der Reizüberflutung eines Einrichtungshauses am Sonnabendvormittag, wenn einem der Möbel-Schwede per Hinweisschild den Arm um die Schultern legt:

"Hier kannst Du Deine Vorhangstoffe selber zuschneiden, und im Restaurant kriegst Du lecker Köttbullar."

Das schafft eine gewisse Lockerheit gegenüber der Verkäuferin: "Hey, kannst Du mir sagen, wo ich Bürostühle finde?" Genauso gut hätte ich sie bitten können, sich nackt an einer Gardinenstange herunterzuschrauben. Doch im Sekundenbruchteil hatte sie ihren entgleisten Gesichtsausdruck wieder in die Spur gebracht: "Sie müssen hinter den Lampen links." - Ich danke Sie, ich bitte Ihnen ...

Duzen als Gruppendisziplin

Noch skurriler wird es, wenn das Duzen zur Gruppendisziplin gehört. Mit einem SPD-Parteibuch kann man unserem Bundespräsidenten ja ganz anders entgegentreten: Frank-Walter, wie geht's Dir?

Natürlich gibt es auch unbehagliche Annäherungen, etwa wenn man Vorgesetzte duzen muss, die man am liebsten in der dritten Person anreden möchte: Hat er sonst noch ein Begehren? Aber dafür fehlt die Zeit; es klingelt gleich und Fräulein Röhrig will meinen Aufsatz sehen.

Ich werde nicht viel dazu sagen, außer eines: Hoffentlich gefällt er Dir!

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