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Studio 9 | Beitrag vom 07.10.2015

Neues Zuhause. Geschichten vom Ankommen"Ich fühle mich entwurzelt"

Von Svenja Pelzel

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Zohre Esmaeli (Deutschlandradio / Tobias Kurfer)
Zohre Esmaeli (Deutschlandradio / Tobias Kurfer)

Mit 13 Jahren kommt Zohre Esmaeli aus Afghanistan nach Deutschland. Sie spricht kaum Deutsch, in der Schule wird sie ausgegrenzt. Heute arbeitet sie als international gefragtes Model.

Zohre Esmaeli ist eine Schönheit: lange, schwarze Haare, schmale Figur, große, dunkel Augen, volle Lippen. Sie wirkt unglaublich zart und zerbrechlich. Doch dieser Eindruck trügt. Zohre Esmaeli ist stark, mutig und entschlossen. Gleich zwei Mal ist sie aus einem alten Leben geflohen. Beim ersten Mal ist sie 13. Gemeinsam mit ihrer Familie verlässt sie 1998 das von den Taliban geknechtete Afghanistan. Das Ziel: Deutschland.

"Es war ein superschönes Gefühl. Ich kann das so gut mitfühlen, wenn die Flüchtlinge in Deutschland ankommen und die sagen, wow, Germany. Ich hatte das gleiche Gefühl gehabt. Daher kann ich komplett mitfühlen, was diese ganzen Flüchtlinge hinter sich gelassen haben und in ein Land gekommen sind, die hier Freiheit bietet, Sicherheit bietet und auch eine Zukunft für sich bauen kann."

Doch die neue Zukunft, das Ankommen in einem neuen Leben, auf das Zohre und ihre Familie hoffen, beginnt damals sehr langsam.

"Also insgesamt waren wir zwei Jahren in Asylantenheimen und das waren auch so Container. Ich fand das gar nicht schlimm. Ich frage mich, warum die Menschen sich beschweren, dass die Flüchtlinge in so eine Unterkunft kommen. Ich denke, man ist als Flüchtling - aus der Flüchtlingssichtweise - man ist glücklich, dass man erst mal in Sicherheit ist. Und alles andere kann nach und nach kommen."

In der Schule wird die 13-Jährige von den deutschen Jugendlichen ausgegrenzt. Sie spricht kaum Deutsch, lacht selten, kann das Verhalten ihrer Mitschüler nicht verstehen und einordnen.

"Das Ankommen hat Jahre gedauert"

"Ja mit diesem Ankommen war es schon halt ein bisschen komplizierter als man denkt. Man denkt, man hat die Grenze überschritten nach Deutschland und dann ist man angekommen. Das ist nur ein geografisches Ankommen. Aber wie man mental und innerlich ankommt, das ist schon sehr unterschiedlich. Bei mir hat es schon so vier Jahre, genau, glaube ich, hat es gedauert, dass ich innerlich auch angekommen bin, dass ich die Sprache auch gut beherrschen konnte, dass ich auch irgendwie meine Seele ein bisschen angekommen ist."

Aber Zohre Esmaeli hat Glück. Sie lernt ein deutsches Rentnerpaar kennen, das früher eine Zeitlang in Kabul gelebt hat. Bald geht sie mehrmals pro Woche zu den beiden, macht dort ihre Hausaufgaben und übt Deutsch.

Zohre Esmaeli  (privat)Zohre Esmaeli (privat)

"Wir sind einfach in kaltes Wasser reingeschmissen worden, nicht weil die sich nicht um uns gekümmert haben - weil es da kein richtiges Konzept gab. Und damals mit 17 kamen mir die Gedanken, irgendwas stimmt mit diesem System nicht."

Denn während sie sich auf das neue Leben nach und nach einstellt, werden Vater und die älteren Brüder in Deutschland immer konservativer, verbieten dem Teenager irgendwann sogar das Fahrradfahren. Als Zohre Esmaeli mit 17 Jahren durch Zufall erfährt, dass ihre Familie sie verheiraten will, flüchtet sie ein zweites Mal. Sie versteckt sich bei einem deutschen Freund in Baden-Württemberg, lebt in ständiger Angst und Panik, geht kaum aus dem Haus, da die Brüder drohen, sie umzubringen. Doch irgendwann hat sie genug von diesem versteckt Leben. Für 1800 Euro lässt Zohre Esmaeli bei einem Profifotografen Bilder von sich machen, besorgt sich eine Arbeitserlaubnis, beginnt eine Karriere als Model. Ihrer Familie sagt sie kein Wort davon.

"Es war echt schwierig, wir hatten ein Jahr keinen Kontakt. Das war für mich meine schwierigste Zeit in meinem Leben, schwieriger als die Flucht, weil Familie ist für mich A und O. Aber heute ist es alles gut, die lieben mich mehr als vorher und ich glaube, die Liebe war der Sieger."

Gemeinsam eine neue Gesellschaft erfinden

Heute arbeitet Zohre Esmaeli als international gefragtes Model, wohnt in Berlin, hat einen deutschen Pass und sich vor kurzem von ihrem Mann getrennt.

"Meine neue Heimat hat mich auch zum Positiven verändert. Durch diese Demokratie, durch diese Meinungsfreiheit man kann, wenn man bewusst lebt, auch schnell ein inneres Wachstum entwickeln. Und dieses innere Wachstum in so einer Gesellschaft wie Deutschland oder wie im Westen ist einfacher als in einer Gesellschaft in Afghanistan."

Wenn sie nicht gerade irgendwo auf der Welt Modefotos macht, sitzt die 30-Jährige an ihrem Schreibtisch und arbeitet an einer neuen Idee: Zohre Esmaeli möchte verhindern, dass die jetzt ankommenden Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien das gleiche erleben wie sie. Kinder und Erwachsene sollen sich gemeinsam in die neue Gesellschaft einfinden. Dabei will ihnen Zohre Esmaeli helfen.

Sprecherin: Zohre Esmaeli, 30 Jahre, Model aus Afghanistan, seit 17 Jahren in Deutschland

Fühlen Sie sich inzwischen in Deutschland Zuhause?

"Ja ich fühle mich in Deutschland Zuhause. Es hat ein bisschen lange gedauert, aber ich lebe hier gerne."

Wie lange hat es gedauert anzukommen?

"Ja mit diesem Ankommen war es schon halt ein bisschen komplizierter als man denkt. Man denkt, man hat die Grenze überschritten nach Deutschland und dann ist man angekommen. Das ist nur ein geografisches Ankommen. Aber wie man mental und innerlich ankommt, das ist schon sehr unterschiedlich. Bei mir hat es schon so vier Jahre, genau, glaube ich, hat es gedauert, dass ich innerlich auch angekommen bin, dass ich die Sprache auch gut beherrschen konnte, dass ich auch irgendwie meine Seele ein bisschen angekommen ist."

Hat die neue Heimat Sie verändert?

"Auf jeden Fall, viele Veränderungen. Also ich liebe Veränderungen, ich liebe positive Veränderung und meine neue Heimat hat mich auch zum Positiven verändert, ja. Durch diese Demokratie, durch diese Meinungsfreiheit man kann, wenn man bewusst lebt, auch schnell ein inneres Wachstum entwickeln. Und dieses innere Wachstum in so einer Gesellschaft wie Deutschland oder wie im Westen ist einfacher als in einer Gesellschaft in Afghanistan."

Was ist Ihr Lieblingsort, wo ist der?

"Auch wenn ich mich in Deutschland sehr, sehr, sehr wohl fühle und wie Zuhause, ich fühle mich entwurzelt. Und ich hab keinen Lieblingsort. Egal, wo ich hingehe, fühle ich mich schon wie eine Reisende und kann auch sein, dass es mit meinem Job zu tun hat, dadurch, dass ich als Model arbeite, ich kann mich nicht an eine Stadt festbinden. Ich lebe gern in Deutschland, ich komme auch gerne in Deutschland, auch weil meine Familie und Freunde hier sind, auch das Land, wo mir viele Möglichkeiten gegeben haben. Aber ich habe jetzt keinen Lieblingsort, wo ich sage, ich möchte unbedingt da sein. Aber ich liebe Natur. Ich bin gerne im Wald, gehe gerne spazieren und ich glaube, überall, wo Natur gibt, ist mein Lieblingsort."

Wollen Sie hier alt werden?

"Das weiß ich nicht, aber ich wünsche mir. Ja. Das Leben ist immer anders gekommen, als man geplant hat und daher kann ich, möchte ich auch gar nicht so voraus denken, was auf mich zukommt."

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