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Länderreport | Beitrag vom 06.02.2018

Nazi-Bunker vom LerchenbergHitlers gut getarntes Erbe

Von Judith Zacher

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Während der NS-Diktatur errichtet: Eine Ruine auf dem Lerchenberg-Gelände.  (Judith Zacher)
Während der NS-Diktatur errichtet: Eine Ruine auf dem Lerchenberg-Gelände. (Judith Zacher)

Ein bewaldetes Gelände im Landkreis Dillingen: Das NS-Regime ließ auf dem Lerchenberg Bunker für sein Raketenprogramm bauen. Dann kamen die US-Armee, Flüchtlinge, die Bundeswehr – und schließlich Handwerker und Bastler. Die müssen jetzt raus, weil das Areal den Besitzer wechselt.

Ein großes Metalltor versperrt die Zufahrt zu dem mit einem hohen Stacheldrahtzaun umgebenen Gelände. Thomas Ohnheiser und sein Vater Helmut haben einen Schlüssel, sie sind seit Jahren Mieter – Mieter eines ehemaligen Munitions-Bunkers. Die beiden Unternehmer haben dort eine Flüssigkeit gelagert, die sie für die Autoindustrie erfunden haben. Einen Zusatz für Dieselmotoren.

"Ich brauchte das als Lagerplatz, gut weil auch am Wochenende niemand was stört, man kann am Sonntag was tun, ohne dass jemand sich aufregt, egal wie viel Lärm sie machen."

Thomas Ohnheiser in seinem gemieteten Bunker auf dem Lerchenberg-Gelände. (Judith Zacher)Thomas Ohnheiser in seinem gemieteten Bunker (Judith Zacher)

Große Backsteingebäude zwischen den Bäumen

Genau das ist wohl auch der Grund, warum sich die Nationalsozialisten ausgerechnet dieses Gebiet für den Bau eines geheimen Werks aussuchen. Der Lerchenberg ist ein dicht bewaldeter Hügel. Klammheimlich, in Handarbeit, schaffen Ende der 30er-Jahre Arbeiter das Material her, für große Backsteingebäude. Auf kleinen Wegen, zwischen den Bäumen schieben sie ihre schweren Schubkarren durch.

Das Gelände wird streng bewacht, erinnert sich der heute 83 Jahre alte Rudolf Gaul:

"Als ich ein Bub war, da hat man da zum Bauen angefangen, da hat man mobilisiert hat man gesagt, Hitler hat da schon auf den Krieg hin – und da hat man die Häuser gebaut."

Einer von den Arbeitern hat in seinem Elternhaus übernachtet, ein Schlafgänger war das, sagt Rudolf Gaul:

"Der war halt da als Arbeiter droben, da hat man viel mit der Hand machen müssen, da ist nichts abgeholzt worden.

Breitere Wege, gar Straßen, wären zu auffällig gewesen. Man sollte die Gebäude nicht sehen - auch nicht von oben. Deshalb wurden die Dächer bepflanzt, mit Sträuchern – zur Tarnung. Neben Bunkern, und den Fabrikationshäusern wird auch ein Wasserturm gebaut – man wollte autark sein, bei der Arbeit, da oben. Rohre hat man verlegt, zum Transport der Flüssigkeit, die im "Paraxol Werk Welden" – so nannte man es schließlich, produziert wurde.

Eine Flüssigkeit, die zur Herstellung von Raketentreibstoff verwendet wurde. 200 Menschen lebten damals im Wald, in eigenen Wohngebäuden, zwischen den Betonbehältern mit der Flüssigkeit für die Sprengstoffindustrie.

Der Gemeindearchivar erklärt die Trümmer

Dieter Meissl: "Schauens die Erhebung – gehen wir hin und schauen es uns an! Das waren extern große Behältnisse, in denen man Flüssigkeiten drinnen lagern konnte."

Dieter Meissle, der Archivar der Gemeinde Zusamaltheim, zeigt auf die großen, moosüberwachsenen Betonbrocken zwischen den hohen Bäumen. Die Trümmer sind alles, was von den riesigen Bunkern noch übrig ist – die Amerikaner haben sie gesprengt, als sie nach dem Krieg das Chemiewerk entdeckten. Auf einen der teils übermannsgroßen Steinbrocken hat jemand ein Hakenkreuz geschmiert.

Das allerdings stammt eher aus der jüngeren Vergangenheit, in der sich hier auch ein schreckliches Verbrechen ereignet hat. 1979 hat das die Bürger rund um den Lerchenberg erschüttert. Ein Automechaniker aus der Gegend hat damals zwei junge Anhalterinnen mitgenommen und entführt:

"Und hat dann die Mädchen von der Autobahn da raufzogen weil er wusste, dass er sie da unterbringen kann."

Archivar Dieter Meissle vor Brocken des gesprengten Paraxol Bunkers im Wald, außerhalb des eingezäunten Lerchenberg-Geländes (Judith Zacher)Archivar Dieter Meissle vor Brocken des gesprengten Paraxol Bunkers im Wald, außerhalb des eingezäunten Lerchenberg-Geländes (Judith Zacher)

Ort eines schrecklichen Verbrechens

Eine junge Frau hat er ermordet – eine vergewaltigt und gefesselt, in dem ehemaligen Bunker. Doch sie konnte entkommen, ist den Berg runtergerannt, nach Hegnenbach:

"Die ist bei Nacht gelaufen, da war's Mond, so hat es geheißen bei uns. Da hat sie den Ausstieg gesehen bei Nacht und ist rauskommen von dem Loch und durch den Wald und hat die Lichter gesehen.

Ihren Peiniger hat man kurz darauf festgenommen – an seinem auffälligen Auto, einem amerikanischen Geländewagen, hat man ihn erkannt.

Darüber redete man, in den Dörfern und der Umgebung des Lerchenbergs   – kaum aber darüber, was sich Jahrzehnte vorher hier abgespielt hat. Nach Kriegsende entdeckten die Amerikaner das Gebiet:

"Gleich als der Ami da war, da haben die den ganzen Lerchenberg besetzt."

Dort fanden sie ein völlig intaktes Werk vor. Das wurde dann Stück für Stück abgebaut – die Teile sollten als Reparationszahlungen nach Russland gebracht werden-

"Erst nach einem Jahr oder zwei ist das abgebaut worden. Das ist alles ausgebaut worden und verpackt, als Reparationszahlung ist die Lerchenberg Chemiefabrik an die Russen gegangen, des hat niemand gewusst ob das angekommen ist oder nicht."

Baumaterial für die Dorfbevölkerung

Aber auch die Dorfbevölkerung bediente sich hier – vor allem Ziegelsteine waren gefragt, die sind heute noch in den Orten verbaut.

"Da war ich zufällig, da war ich ein Bub mit elf Jahren, da bin ich da reingekommen zu diesen Amis, da hat man das Leichenhaus gebaut in Emersacker, da haben sie Bunker gesprengt gehabt, die haben so gute Steine gehabt, so Klinkerstein, das geholt, ich war da als Bub dabei."

Die Bauern aus den Dörfern haben den Amerikanern Heu und Stroh für ihre Pferde gebracht, und Rudolf Gauls Tochter Karin erinnert sich:

"Mutter hat immer erzählt, die ist 39 geboren, dass die Hegnenbacher immer raufgefahren sind und Schweinefutter holen durften, die Amerikaner waren total nett, mit den kleinen Kindern, die haben Kaugummi bekommen, ganz freundlich und nett."

Als die Amerikaner den Wald wieder verlassen, ziehen Vertriebene ein. Sie leben in Holzbaracken, froh, überhaupt untergekommen zu sein.

Unterkunft für Heimatvertriebene

Eine von ihnen war Hermine Proksche, Handarbeitslehrerin aus Zwickau- sie kam im Dezember 1948 mit ihrer Familie ins Lager und wird in einem Bericht zitiert:

"Es war ein wunderschöner sonniger Tag ohne Schnee. Das Lager war mitten im Wald. Wir bekamen in Haus 21 im ersten Stock ein Zimmer mit 12 Quadratmetern ... Für sechs Personen war das Zimmer schon sehr klein. Auf jeder Seite waren zwei Stockbetten, ... Aber wir waren sehr zufrieden."

Kleingewerke siedeln sich an, die Flüchtlinge betreiben eine Schreinerei, ein Färberei oder auch eine Gerberei. 1949 feiern sie sogar ein Volksfest auf dem Lerchenberg.

Doch der Lerchenberg sollte noch einmal strengstens bewacht werden – ab 1961 war das, da übernahm die Bundeswehr das Gelände – das zweite geheime Kapitel in der Geschichte des Lerchenbergs beginnt. Auch jetzt wird hier Munition gelagert.

Zeitzeuge Rudolf Gaul (Judith Zacher)Zeitzeuge Rudolf Gaul erinnert sich. (Judith Zacher)

Rudolf Gaul fand hier Arbeit:

"Ich war Elektriker, aber da oben nicht nur Elektriker, da musste ich fürs Wasser und alles was handwerklich ist, schauen, Aufzüge warten, Heizung, Notstromaggregat, hat man alles machen müssen."

Über das, was hinter dem hohen Zaun geschah, musste er absolutes Stillschweigen bewahren:

"Wir waren vereidigt, hat man nix sagen dürfen, das war geheim da, hab nicht sagen können, da sind Raketen drinnen – das war verboten."

Geheime Aktivitäten der Bundeswehr

Die Bundeswehr baute weitere Bunker und Straßen auf dem Gelände. Und wieder – wusste kaum jemand etwas davon. Zumindest nicht – vor Ort.

Helmut Ohnheiser: "Aber, wenn sie noch vor der Wende in die ehemalige DDR gefahren sind, von hier in der Gegend, zwei Mal passiert, wurde ich jedes Mal nach dem Lerchenberg gefragt – die haben das gewusst."

Sagt Helmut Ohnheiser, der nach dem Abzug der Bundeswehr 1994 einen der kleineren Bunker gemietet hat. Fährt man heute dorthin, durch den dunklen Wald, tauchen immer wieder die Ruinen auf – hohe, schmale Gebäude aus rotem Stein – die Fenster schwarz und hohl, Zeugen einer düsteren Vergangenheit. Noch unwirklicher scheint das, wenn man weiß, was in den vergangenen Jahren hier für ein buntes Treiben war:

"Als man da oben mal mit dem Motorrad durchfahren konnte, mit Autos, Autos ohne Auspuff, Hauptsache laut und schnell, noch besser, wenn oben Schnee lag, noch spannender weil viele andere da waren, die mit allen möglichen Fahrzeugen rumgefahren sind da oben. Amerikanische, japanische Autos, Mofas ... Oft im Sommer am Samstagnachmittag war da Halli Galli."

Verkauf des Geländes an einen Bauunternehmer

Seine Jugend hat Thomas Ohnheiser hier verbracht, mit seinen Freunden. Autoschrauber treffen sich hier, um ungestört werkeln zu können. Überall stehen Autowracks, ein Wohnmobil, alte Schlitten, Motorteile. Ein Steinmetz hat hier sein Lager, auch ein Schreiner hat hier gearbeitet.

Doch seit einigen Wochen packen alle zusammen – weil das Gelände verkauft wird, müssen sie raus, sagt Thomas Ohnheiser.

Er zieht an einer langen Kette, das Metalltor zu seinem gemieteten Bunker geht auf. Ein muffiger Geruch strömt einem entgegen. Ein paar Kisten und Behälter stehen hier noch - Das wird jetzt alles leergeräumt. Was der neue Besitzer, ein Bauunternehmer, mit dem Gelände anfangen will, ist noch geheim – fest steht: Es beginnt dann ein neues Kapitel in der Geschichte des Lerchenbergs.

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