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Samstag, 20.01.2018

Buchkritik | Beitrag vom 28.12.2017

Nadeem Aslam: "Die goldene Legende" Ein Buch über Menschlichkeit

Von Johannes Kaiser

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"Die Goldene Legende" (Deutsche Verlags-Anstalt/picture alliance/dpa/Foto: Stringer)
Buchvoer "Die Goldene Legende" von Nadeem Aslam (Deutsche Verlags-Anstalt/picture alliance/dpa/Foto: Stringer)

Der pakistanisch-britische Schriftsteller Nadeem Aslam hat sich bereits in vier Romanen mit religiösem Fanatismus in England und Pakistan auseinandergesetzt. Auch in "Die Goldene Legende" beschäftigt er sich mit Hass, Gewalt und der Liebe zueinander.

Zur falschen Zeit am falschen Ort – das kostet den pakistanischen Architekten Massud das Leben. Bei einem Mordanschlag auf einen weißen Amerikaner im Zentrum der fiktiven Millionenstadt Zamara werden nicht nur die beiden Attentäter erschossen, sondern auch der unbeteiligte Massud.

Ein dramatischer Anfang für einen Roman und doch symptomatisch für die derzeitige Situation in Pakistan. Nadeem Aslam zeichnet ein düsteres Bild des dortigen Lebens. Der Schrecken beginnt schon auf den ersten Seiten. Radikale Fundamentalisten erschießen einen Richter für ein Urteil, das sie ablehnen, versuchen in der Stadt ihre Version des Islam gewaltsam durchzusetzen, bedrohen alle Andersgläubigen. Vom Minarett der örtlichen Moschee werden Geheimisse der Stadtbewohner verkündet – mit tödlichen Folgen für die Betroffenen. Vorsätzlich werden Konflikte zwischen Moslems und Christen geschürt.

Ein Ergebnis "kultureller Schizophrenie"

Nadeem Aslam hat sich bereits in vier Romanen mit religiösem Fanatismus in England und Pakistan auseinandergesetzt. Das ist sicherlich auch ein Ergebnis der, wie er es nennt, "kulturellen Schizophrenie", in der er aufwuchs. Sein Vater, Schriftsteller und Kommunist, stammte aus dem liberalen Bürgertum, liebte Musik, Literatur, Malerei, Filmkunst. Seine Mutter kam aus einer orthodox islamischen Familie, die dies als unislamisch absolut ablehnte.

Eben diese Konflikte bestimmen auch seinen jüngsten Roman "Die goldene Legende". Wie der Schriftsteller die wiederholten Übergriffe und Angriffe, den Zynismus der selbstgerechten Gotteskrieger beschreibt, die Religionshass schüren, lügen, betrügen, stehlen, ist schwer erträglich und doch dem pakistanischen Alltag entnommen. Während die Fundamentalisten eher gesichtslos bleiben, gilt Nadeem Aslams spürbare Zuneigung seinen drei Hauptprotagonisten, die er uns lebhaft so nahebringt, dass wir sie zu kennen glauben: die Witwe Nargis, die versucht, Angst, Hass und religiöse Vorurteile zu bekämpfen.

Die Menschlichkeit der drei Protagonisten

Sie nimmt Helen, die Tochter des christlichen Nachbarn Lily, bei sich auf und kümmerten sich um ihre Ausbildung, nachdem deren Mutter von einem Moslem ermordet worden war. Hellens Anwesenheit hilft Nargis, über den ungeheuren Verlust ihres Mannes hinwegzukommen. Und dann gibt es noch Imran, einen jungen Kashmiri, der für die Freiheit seines Volkes kämpfen wollte, aber das sinnlose Töten Unschuldiger und die Doppelmoral der Islamisten ablehnt und aussteigt. Er ist auf der Flucht vor seinen Genossen und findet letztlich bei Nargis Unterschlupf, verliebt sich in Helen – auch dies eine verbotene Liebe.

Es ist die Menschlichkeit eben dieser drei Protagonisten, ihre Verweigerung des religiösen Hasses, die den Roman bei all seiner geschilderten Grausamkeiten zu einem Hohelied auf die Liebe, das Leben und unsere Mitmenschen macht. Nadeem Aslam ist ein Roman gelungen, der uns zeigt, dass man auch in den schlimmsten Zeiten die Hoffnung nicht fahren lassen soll.

Nadeem Aslam: Die Goldene Legende
Aus dem Englischen von Bernhard Robben 
Deutsche Verlags-Anstalt, 2017
416 Seiten, 25,00 Euro

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