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Kompressor | Beitrag vom 11.04.2018

Nach Kritik an "Apu"Die Simpsons waren auch schon mal klüger

Von Stefan Mesch

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Apu und sein Neffe Jay aus der Serie "Die Simpsons". (imago)
Apu und sein Neffe Jay. (imago)

Weil er Vorurteile über indischstämmige Menschen präge, haben viele ein Problem mit dem Charakter Apu aus "Die Simpsons". Der Filmemacher Hari Kondabolu kritisierte das im vergangenen Jahr mit einem filmischen Essay - auf den die Macher der Serie nun ungewohnt patzig reagierten.

Seit seiner Kindheit wird Comedian Hari Kondabolu mit "Apu" angesprochen. Menschen machen sich über den Akzent seiner Eltern lustig. Viele kennen nur eine einzige indischstämmige Person: den servilen, gutmütigen Supermarktbetreiber aus 29 Staffeln "Die Simpsons".

Im 50-minütigen Film-Essay "The Problem with Apu" fragte Kondabolu im November 2017: Ist die Figur, gesprochen von einem Weißen, ein Minstrel-Klischee? Wie könnte man Apu weiter entwickeln? Lacht man mit der Figur - oder über sie, und damit über Menschen of Color? Das "Problem mit Apu" sei, sagt Kondabolu, dass diese lausige, dürftige, gedankenlos geschriebene Figur ihn daran erinnere, wer erzählen darf. Wer Figuren ins TV bringt. Bei wem Macht und Deutungshoheit liegen.

Dazu die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal: "Ich kann mich noch daran erinnern, wie aufgeregt wir waren, wenn wir mal ein braunes Gesicht im Fernsehen gesehen haben, das nur vage aus der selben Region kam. Denn das Problem ist ja, wenn du dich selbst nie in der Welt gespiegelt siehst, fällt es dir auch schwer, dich im Spiegel zu erkennen. In den 80er-Jahren habe ich ja nicht in den Spiegel geschaut und ein braunes Mädchen gesehen, sondern eine Weiße, die irgendwie komisch aussah."

"Political Correctness" als das wahre Problem?

In "No good read goes unpunished", der aktuellsten Episode (Staffel 29, Folge 633), greift die Serie diese Kritik auf – doch vermischt sie sie mit der Debatte um Rassismus und Sexismus in Kinderbuch-Klassikern wie "Pippi Langstrumpf".

Marge kauft antiquarisch das Lieblingsbuch ihrer Kindheit, angelehnt an Frances Hodgson Burnetts "Der geheime Garten" von 1911, um es Lisa vorzulesen. Erst bei Formulierungen wie "Diener, wie alle Südamerikanerinnen von Natur aus unterwürfig" merkt Marge, dass sie die Werte im Buch nicht an ihre achtjährige Tochter vermitteln will. Sie schreibt den Klassiker um. Bis er komplett spannungs- und witzlos wird.

"Etwas, das vor Jahrzehnten beklatscht wurde und als unproblematisch galt, ist jetzt politisch inkorrekt. Was kann man tun?", fragt Lisa. "Mit manchen Dingen beschäftigt man sich eben erst später", resigniert Marge. "Wenn überhaupt!", zwinkert Lisa. Die Kamera zeigt ein Foto von Apu, signiert mit "Don't have a Cow": "Kriegt euch wieder ein!"

Früher wehrte Lisa sich gegen das Establishment

Im Herbst 2017 entgegneten einige, "Die Simpsons" seien eben Satire: Man mache sich über alle Bevölkerungsgruppen lustig. Kondabolus Idee, Apu reicher und damit einflussreicher zu machen, die Figur zu empowern und ihm neue, witzige Konflikte zu eröffnen, steht im Raum. Die Handvoll indischstämmiger Figuren im US-TV ("Big Bang Theory"; Serien von Mindy Kaling und Aziz Ansari) stagniert. Menschen of Color sind unterrepräsentiert – als Figuren und hinter den Kulissen.

Mit dem patzigen, humorlosen und aggressiv kurz gedachten Dialog zwischen Marge und Lisa tat sich die Serie keinen Gefallen. In früheren Folgen wehrte sich Lisa gegen das Establishment. Jetzt klingt sie selbst wie die überwiegend weißen, saturierten (und in Harvard ausgebildeten) "Simpsons"-Produzenten, die mit Apu viel Geld verdienen. Ob man ein Kinderbuch von 1911 anpasst oder umschreibt, ist eine Debatte wert. Zur Frage, warum noch 2018 über servile Figuren of Color gelacht wird und warum die Mehrheitsgesellschaft Angst hat, dass Sichtbarkeit von Minderheiten den Weißen etwas wegnimmt, könnte eine Figur wie Lisa klügere Dinge sagen. Und witzigere!

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