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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.03.2016

Mozart in der Kölner OperDon Giovanni – ein Schreibtischtäter?

Von Ulrike Gondorf

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Porträt in Öl von Mozart (picture alliance / dpa / Staatliche Museen zu Berlin)
Porträt von Mozart (picture alliance / dpa / Staatliche Museen zu Berlin)

Einen besessenen, dem Wahnsinn verfallenen "Don Giovanni" zeigt Emmanuelle Bastet in der Oper in Köln. Doch die Arbeit der jungen französischen Regisseurin gerät etwas platt. Reich und differenziert dagegen zeigt sich das - ebenfalls erstaunlich junge - Musikensemble unter dem neuen Generalmusikdirektor Francois-Xavier Roth.

Der sprichwörtliche Frauenheld und Verführer Don Juan lebt auf der Musikbühne unter dem Namen "Don Giovanni", seit Wolfgang Amadeus Mozart ihn 1787 so zum Titelhelden seiner Oper gemacht hat. Ein Höhepunkt des Repertoires: farbige Charaktere, anspruchsvolle Sängeraufgaben und eine unerschöpflich geniale Partitur machen das Werk zu einer der größten Herausforderungen. Am Wochenende hat sich die Oper Köln dieser Aufgabe gestellt, am Pult stand der neue Kölner GMD Francois-Xavier Roth.

Die Bühne ist schwarz und leer, wenn sich der Vorhang öffnet. In der Mitte ein großer Schreibtisch. Es schneit leise und unaufhörlich. Ein Feuerzeug flammt auf, ein Mann im Existenzialistenlook mit langem schwarzem Mantel und offenem Kragen, hüllt sich langsam in Rauch und greift nach der Whiskeyflasche.

Don Giovanni –ein Schreibtischtäter? Ein Verführer nur in seiner Fantasie oder seiner Erinnerung? Vielleicht ist es das, was die junge französische Regisseurin Emmanuelle Bastet bei ihrem Deutschlanddebut an der Kölner Oper über Don Giovanni erzählen will. Sie hält es aber nicht so recht durch, füllt die Bühne mehr und mehr mit hohen Gitterwänden und Metallkäfigen und jagt ihren fantastisch agilen Hauptdarsteller Jean-Sebastien Bou in luftige Höhen hinauf, die er katzenhaft gewandt erklimmt. Singend oder mit manischer Intensität die begehrten Frauen – und deren Männer – beobachtend. Dieser Giovanni geht nie von der Bühne ab, als vampyrhafter Voyeur heftet er sich an jede Regung seiner Opfer und saugt ihnen mit seinen Blicken das Leben heraus, das sie stellvertretend für ihn führen.

Starker Sängerdarsteller Jean-Sebastien Bou

Die vergitterte Welt um Giovanni herum wird immer enger, immer mehr zum Gefängnis, bis er sich zum Schluss an einer Stange seines Käfigs aufspießt. Da sind keine Übermächte im Spiel, nur eine Besessenheit, die sich in den Wahnsinn hinein steigert. Nicht falsch, aber vielleicht etwas platt, was Emmanuelle Bastet da über Mozarts Don Giovanni zu sagen hat. Der starke Sängerdarsteller Jean-Sebastien Bou kann die Spannung lange halten, aber am Ende nutzen sich die Bilder doch durch Wiederholung ab.

Wesentlich reicher und differenzierter ist der musikalische Ertrag des Abends. Die Kölner Oper hat ein erstaunliches junges Ensemble zu bieten. Flexible Stimmen, individuelle Farben, makellose Technik –mit diesen raren Qualitäten können ausnahmslos alle aufwarten. Jean-Sebastien Bou in der Titelrolle ist ganz außerordentlich. Er kann brillant auftrumpfen, schmelzend betören und steigert sich in der Schlussszene zu heldischem Format. Der zweite Star in diesem tollen Ensemble ist Vannina Santoni als Donna Anna: virtuos und koloratursicher, dabei ausdrucksstark und intensiv.

Francois-Xavier Roth am Pult des Gürzenich-Orchesters begeistert das Kölner Publikum. Der neue Kölner GMD geht präzise und analytisch und doch mit Herzblut zu Werke. Er fächert den  Orchesterklang auf, macht Nebenstimmen hörbar und akzentuiert die Farben: hier ein böser Hintergedanke in den Klarinetten, da ein sardonisches Gelächter im Fagott. Roth setzt markante rhythmische Akzente und wählt überwiegend straffe Tempi, so dass der Energiestrom nie abreißt. Ein musikalisch hochkompetenter Mozartabend – unter besseren akustischen Bedingungen, als sie die Ausweichspielstätte der Kölner Oper in einer alten Messehalle zu bieten hat, wäre er vielleicht sensationell gewesen. Aber die Kölner Katastrophengeschichte um die Sanierung des Theaterbaus am Offenbachplatz ist leider noch lange nicht zu Ende. 

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