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Kompressor | Beitrag vom 24.05.2016

MitkuschelzentraleKuscheln mit Fremden gegen Einsamkeit

Von Bastian Brandau

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Teilnehmer beim Kuscheln während einer Kuschelparty (imago/momentphoto/Killig)
Teilnehmer beim Kuscheln während einer Kuschelparty (imago/momentphoto/Killig)

Einfach nur kuscheln – unter diesem Motto vermittelt die Mitkuschelzentrale Menschen, die sich nach körperlicher Nähe sehnen, ohne sexuelle Interessen zu verfolgen. Dem Mitgründer Sebastian Nichele aus Leipzig kam die Idee nach einer schmerzhaften Trennung. Inzwischen sind mehrere Tausend registriert.

Eine Wiese im Leipziger Süden: Kinder tollen herum, eine Frau sammelt Flaschen. Ab und zu fährt die Straßenbahn vorbei. Drei Männer und zwei Frauen, zwischen Ende 20 und Anfang 40 haben es sich auf Decken bequem gemacht. Sie haben sich sternförmig zusammengelegt. Die Köpfe berühren sich, bei manchen auch die Schultern. Einige schließen die Augen, andere schauen sich träumerisch die Wolken an. Alle genießen sichtbar die körperliche Nähe.

"Also wir können auch gerne, also wenn wir aneinander liegen, in Reihe liegen."
"Aber dann liegen zwei außen, die kommen zu kurz."
"Ja, aber dass wir das wechseln."
"Ich würd mich opfern fürs außen, damit ihr die Erfahrung auch habt."
"Du sollst dich nicht immer opfern."
"Wir können ja wechseln, das würde ich vorschlagen, dass jeder mal jeden berührt."
"Stimmt."

Die Kuschelnden bilden nun eine Reihe, einige auf der Seite, andere auf dem Rücken. Sie halten sich im Arm, lehnen sich aneinander an. Es kehrt Ruhe ein. Minutenlang.

"Ich finde es krass, wie schnell Nähe entstehen kann. Ich meine, wir haben uns alle noch nie gesehen."

Voller Energie nach der Kuschelparty

Sebastian Nichele hat die Mitkuschelzentrale gegründet. Der großgewachsene Leipziger hatte nach einer Trennung das Bedürfnis nach körperlicher Nähe. Und als er kein dementsprechendes Angebot vorfand, gründete er es einfach selbst. Über seine Plattform können sich Menschen zum Kuscheln verabreden. Aber Sebastian wollte besser verstehen, wie andere Menschen am liebsten kuscheln, deswegen hat er an diesem Abend erstmals ein Treffen in Leipzig arrangiert.  

"Es braucht dann manchmal so einen kleinen Auslöser - und auf einmal gleich eine ganz andere Stimmung und Nähe, Vertrautheit, die entsteht. Das ist echt stark."

"Weil wir auch festgestellt haben, heute kuscheln wir gar nicht mehr."
"Ich wollte eigentlich nicht kuscheln."

Tina bringt Erfahrung von organisierten Kuschelpartys mit. Die gibt es in vielen Städten. Angeleitet, halbwegs anonym trifft man sich dort für drei bis fünf Stunden in einem geschützten Raum, erlebt körperliche Nähe. Und geht voller Energie wieder nach Hause, sagt Tina. Sie hat den Impuls gegeben, sich zum Stern zusammenzulegen:

"Also nachdem für mich klar war, dass ich mir das Kuscheln vorstellen kann mit allen, die da waren, hab ich sofort Lust bekommen und habe den Stern nur vorgeschlagen, weil ich ja nicht weiß, wie die anderen da so offen sind, um sozusagen die kleinstmögliche Form zu haben. Ich hab dann sofort, als ich im Stern lag, gemerkt: Eigentlich will ich mehr, weil ich gemerkt hab, der Sebastian fühlt sich gut an und ich konnte mir das auch gut vorstellen, dass die anderen auch offen sind und hab dann relativ bald gesagt, ich würd gern ein bisschen näher kommen."

Über's Kuscheln zu sprechen, fällt vielen schwer

Erst reden und dann einfach Kuscheln: An diesem Abend hat das schon mal funktioniert. Alle habe sich wohlgefühlt, dass sei das Wichtigste, sagt Mitkuschelzentrale-Gründer Sebastian Nichele.

"Es war ja auch nicht unbedingt die Absicht, heute Abend zu kuscheln, sondern dass sich Leute einfach mal austauschen können, die mit dem Thema beschäftigt sind. Dass wir jetzt echt hier noch gekuschelt haben, hat total gut getan. Der ganze Stress, die ganze Aufregung, ob das klappt, ist jetzt irgendwie weg. Fühl mich jetzt besser als vorher."

Das Treffen hat ihn sichtbar inspiriert, die Online-Plattform, an der etwa 20 Menschen mitarbeiten, weiter auszubauen. Denn offenbar scheuen sich viele Menschen davor, sich zu zweit zum Kuscheln zu treffen, wie es Idee der Mitkuschelzentrale ist. Aufrufen auf der Plattform folgen einige Kommentare, dann verläuft die Suche nach einem Kuschelpartner offenbar meist im Sand. Liegt es am Medium Facebook? Oder ist die Scheu, jemanden anonym zu treffen, bei vielen einfach zu groß?

Das Treffen und der Austausch haben ihm neue Ideen gebracht, sagt Nichele. Wie solche Treffen in Zukunft aussehen können, ob eine Wiese ein geeigneter Ort ist. Was die Mitkuschelzentale tun kann, um Menschen zum Kuscheln zusammenzubringen.

"Also dafür, dass das alles ein nicht-kommerzielles So-nebenbei-Projekt ist, finde ich das schon mal ganz krass, was dadurch entstanden ist. Also das ist schon stark, dass sich viele Leute in jedem Fall übers Kuscheln Gedanken machen, und für sich die Frage mal beantworten können, ob das was für sie ist."

An diesem Abend haben hier alle diese Frage mit Ja beantwortet. Über's Kuscheln zu sprechen ist aber nach wie vor ein Problem für viele, sagt Tina. Sie hat ihre Zurückhaltung inzwischen aber abgelegt.

"Weil ich einfach merke, wie gut das tut und wie schön das ist und weil ich eigentlich auch merke, dass die, die skeptisch sind, trotzdem alle auch eine Sehnsucht haben. Also die Sehnsucht zum Kuscheln ist einfach da."

Mehr zum Thema:

"Mal eben geknuddelt werden"
(Deutschlandradio Kultur, Kompass, 5.4.2005)

Fazit

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