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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.07.2010

Mit Betrug zum Doktortitel

Volker Rieble: "Das Wissenschaftsplagiat", Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt a. M. 2010, 120 Seiten

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Manch ein Wissenschaftler bedient sich leichtfertig an fremden Texten (Stock.XCHNG / Brad Martyna)
Manch ein Wissenschaftler bedient sich leichtfertig an fremden Texten (Stock.XCHNG / Brad Martyna)

Verschleiern, mauscheln, spicken: Der Münchner Jurist Volker Rieble geht mit dem deutschen Wissenschaftsbetrieb ins Gericht - und findet allerorten Fälle von Gedanken-Klau und wachsweichen Kontrollen.

"Diplom vom Ghostwriter", lautet der Titel der Anzeige. Ein gewerblicher Anbieter verspricht, Prüflinge von Stress und Ungemach zu befreien. "Keine Zeit, ausgepowert oder einfach nur keine Lust?" Gegen Geld liefert die Firma Diplom- und Magisterarbeiten. Nur bei der Universität einreichen dürfe man die Werke nicht, aus rechtlichen Gründen.

In seinem neuen Buch "Das Wissenschaftsplagiat" knöpft sich der Münchner Jurist Volker Rieble die Welt des akademischen Publizierens vor und findet Raub und Klau allerorten. Da spickt ein Student der Betriebswirtschaften seine Diplomarbeit mit Zitaten aus dem Internet. Dort bestreitet ein Doktorand seine Promotion mit der intensiven Hilfe einer Habilitationsschrift.

Professoren schlachten die Prüfungsarbeiten ihrer Schützlinge aus, lassen namenlose Assistenten für sich schreiben, präsentieren fremde Ideen als eigene oder zitieren sich fortwährend selbst. Beliebt sind Verschleierungstaktiken: Man zitiert ein bisschen – und gibt hernach weite Teile des anderes Textes als persönliche Leistung aus.

Volker Rieble zeigt sich gern als Hardliner. Als die Kündigungswelle gegen Arbeitnehmer rollte, die sich Bagatelldelikte hatten zuschulden kommen lassen, plädierte der Jurist öffentlich für ein hartes Durchgreifen. Auch sein neues Buch ist von einem gewissen Eifer getragen; rhetorische Fragen an den Leser und demonstrative Ironie inklusive.

Umschreibungen à la "ein bekannter Professor aus Köln" sind Volker Riebles Sache nicht. Deutlich nennt er Namen, Titel und Verlage, was seinem eigenen Verlag bereits eine einstweilige Verfügung eingetragen hat. Einige Passagen aus dem Buch dürfen in einer Neuauflage nicht mehr erscheinen.

Im Ton sachlicher wird der Autor immer dann, wenn er seine profunden juristischen Kenntnisse ausspielen kann. Nachvollziehbar legt Volker Rieble dar, warum das Urheberrecht dem Wissenschaftsplagiat keinen Einhalt gebieten kann: Gemeinfreie Texte liegen im Internet zuhauf, doch widerspräche es wissenschaftlichem Ethos, sich daraus unerwähnt zu bedienen.

Grandios versagen nach Einschätzung des Autors die Wissenschaftsinstitutionen: Universitäten und Fachverlage mauscheln sich aus Plagiatsfällen heraus. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft formuliert wachsweiche Regeln und unterstützt die im Internet so beliebte Freigabe von Texten – Stichwort "Open Access" und "Creative Commons". Das lehnt Rieble ab, denn wissenschaftliche Auseinandersetzung brauche persönliche, nicht kollektive Urheberschaften.

Der Schlussteil des Buches diskutiert rechtlich effektive Gegenmaßnahmen. Weder bei Verträgen mit Dienstherren oder Verlagen noch im Wettbewerbsrecht wird der Autor befriedigend fündig. Es bleibt die "wissenschaftsöffentliche Plagiats-Abwehr": Forscher sollten einander, so wie das Buch es vormacht, bei Plagiatsverdacht einer namentlichen Debatte aussetzen. So sinnvoll das sein mag, verströmt der Autor durch seinen Stil doch das etwas scharfe Odeur des Saubermanns. Er nimmt’s gewiss als Kompliment.

Besprochen Susanne Billig

Volker Rieble: Das Wissenschaftsplagiat. Vom Versagen eines Systems
Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt a. M. 2010
120 Seiten,14,80 Euro

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