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Die Reportage | Beitrag vom 28.05.2017

MietenexplosionKleines Gewerbe in großen Städten ist bedroht

Von Ernst-Ludwig von Aster

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Eine Mutter mit Kleinkind geht an einem Buchladen mit gebrauchten Büchern in der Weserstraße in Berlin-Neukölln vorbei, aufgenommen 2012 (picture alliance / ZB / Jens Kalaene)
Buchladen mit gebrauchten Büchern in Berlin (picture alliance / ZB / Jens Kalaene)

Ein Teeladen, eine Buchhandlung, eine Bäckerei – sie alle bekamen zum Jahreswechsel die Kündigung, weil sie die geforderten Mieterhöhungen nicht zahlen können. Sechs Monate bleiben den drei Gewerbetreibenden aus Berlin – so lange läuft die Kündigungsfrist. Umziehen? Kämpfen? Oder kapitulieren?

Es ist Anfang des Jahres 2017. Sabine Landsberger sitzt vor ihrem Teeladen und blickt auf vier Schuttcontainer. Und einen Bauzaun. Am Haus nebenan quält sich ein Lastenaufzug an der Fassade empor. Er transportiert Material für einen Dachgeschossausbau.

"Und im Oktober, als die Modernisierungen des Hinterhauses angekündigt wurden, betrat ein junger, smarter Vertreter des Eigentümers dieses Hauses meinen Laden, der war mit Kunden an diesem Tag sogar voll, und der sagte: Guten Tag, er möchte sich vorstellen, er ist der und der und wir müssten mal über meine Miete reden."

Seit 20 Jahren verkauft Sabine Landsberger in ihrem kleinen Laden im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg Tee. Alles um sie herum hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten verändert, die Immobilienmakler haben den Kiez schon kurz nach der Wende entdeckt. Nur Sabine Landsberger und ihr Teeladen waren eine Konstante.

"Und dann bekam ich auf einmal einen Anruf von der Hausverwaltung. Und da sagte mir die Dame am Telefon: Wenn Sie sich jetzt nicht mit mir auf einen Termin einlassen, dann bin ich beauftragt, Ihnen die Kündigung zuzuschicken, zum 30.6. Da habe ich natürlich geheult, habe aber 'ja' gesagt."

Bei dem Termin kommt heraus, was zu erwarten war: Die Miete soll deutlich erhöht werden, aber der Teeladen kann so viel Geld nicht erwirtschaften, also muss Sabine Landsberger raus. Dass ihre Existenz damit ruiniert ist, ist zweitrangig. Und weil Gewerbemieten frei verhandelbar sind, kann sich Sabine Landsberger auch nicht wehren.

"Nun hat die Gentrifizierung auch uns erwischt"

Nur wenige Kilometer weiter in Kreuzberg steht die Existenz von Thorsten Willenbrock und seinem Kollegen auf dem Spiel. Der Buchhändler und die Teeladenbesitzerin kennen sich nicht, aber sie verbindet dasselbe Schicksal.

"Ich bin neunzehneinhalb Jahre dabei und die Buchhandlung besteht seit 20 Jahren".

180 Teesorten und 1000 Postkarten - Kleingewerbe im Prenzlauer Berg (Deutschlandradio / von Aster)180 Teesorten und 1000 Postkarten - Kleingewerbe im Prenzlauer Berg (Deutschlandradio / von Aster)

Nun soll sie raus, die Mieterhöhung kann Buchhändler Willenbrock nicht bezahlen. Er will verhandeln, aber fristgerecht liegt die Kündigung zum 31. Mai im Briefkasten.

"Der Schock, bei mir hat der sich so ausgewirkt, dass ich zwei Wochen lang nicht schlafen und essen konnte. Dann haben wir erfahren, dass es vielleicht schon einen potenziellen Nachmieter gibt, der vielleicht schon einen Mietvertrag unterschrieben hat."

Ein Brillenladen aus den Niederlanden sucht einen Showroom im Szeneviertel. Die beiden Buchhändler hängen zwei DIN-A 4-Blätter an die große Fenster-Front. "Nun hat die Gentrifizierung auch uns erwischt", schreiben sie darauf.

Café Filou: Kann weg

Auch Daniel Spülbeck ist Kreuzberger Kleinunternehmer, er betreibt seit 16 Jahren ein Café mit Bäckerei. Zum Jahresende kündigen ihm die britischen Immobilienbesitzer.

Er weiß, dass er juristisch keine Chance hat. Auch seine Kündigung ist fristgerecht. Der Gewerbemietvertrag läuft einfach aus. Der 45-Jährige weiß auch: In den umliegenden Straßen gibt es keine passenden oder bezahlbaren Räumlichkeiten.

"Es war klar: Es geht hier um unsere Existenz, es geht um unsere Familie, wir haben drei Töchter, zwei davon noch klein. Und wir konnten uns nicht vorstellen zum Amt zu gehen, Hartz IV zu beantragen."

Während im Prenzlauer Berg im Teeladen bereits Sonderverkäufe stattfinden, erwacht in Kreuzberg plötzlich ein alter Widerstandsgeist. Die Kündigungen sprechen sich wie ein Lauffeuer herum. Nachbarn, Alteingesessene und Sympathisanten der Gewerbetreibenden finden: Es reicht. In Kreuzberg sollen nicht die Kleinen verschwinden, damit die großen Ketten Einzug halten können. Der Stadtteil soll lebenswert bleiben. Wie zu alten Hausbesetzerzeiten in den 80-er Jahren werden Kiezversammlungen organisiert.

400 Kreuzberger diskutieren das Vorgehen und am Ende steht so etwas wie ein Protestplan: Druck machen rund um die bedrohten Geschäfte. Nachbarn mobilisieren, Kirchengemeinden. Flyer verteilen. Und zu einer Demonstration aufrufen. Vermieter und Nachmieter mit Postkarten, Anrufen, Facebooknachrichten nerven.

Baustelle vor dem Teeladen in Prenzlauer Berg (Deutschlandradio / von Aster)Baustelle vor dem Teeladen in Prenzlauer Berg (Deutschlandradio / von Aster)

Im Prenzlauer Berg verfolgt die Teeladenbesitzerin Sabine Landsberger das Treiben in Kreuzberg mit viel Sympathie. Sie fühlt sich mit ihrem Schicksal nicht mehr allein.

"Ich dachte immer, wenn einer aufhört, ja gut, dann hat er es nicht geschafft, dann kommt der Nächste wieder. Aber ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, dass manche vielleicht auch aufgehört haben, weil ihnen das gleiche passiert ist wie mir. Viele reden ja auch gar nicht drüber."

Dass nicht nur das Wohnen, sondern auch die ganze Stadtentwicklung dem Diktat des Geldes unterliegt, findet sie bitter.

"Ich habe gedacht, wenn ein Laden 20 Jahre zur Institution geworden ist, und ich bin bestimmt einer der ältesten Läden hier, die aus der damaligen Zeit noch in der Straße existieren, dann wissen das Hauseigentümer zu schätzen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ein Immobilienfonds nicht vergleichbar ist mit einem privaten Vermieter. Da gibt es nur ein Wort, das heißt Rendite."

Lautstarker Protest gegen Rausschmiss

In Kreuzberg gehen schließlich zweieinhalbtausend Menschen auf die Straße und protestieren friedlich gegen den Rausschmiss des Buchladens und des Cafés.

Inzwischen ist bekannt, wie die Vermieter heißen, wo sie wohnen. In den folgenden Tagen fliegen einige Steine gegen Schaufenster und an Brückenpfeilern stehen Parolen, die eindeutig sind. 

"An der Brücke, was ja echt ein exponierter Platz ist, da hingen Banner, wo drauf stand: 'Skinner, dein Geld stinkt', es waren, glaube ich, die ersten Banner, auf denen Skinner namentlich erwähnt worden ist."

Dem Cafébetreiber Spülbeck wird zwischenzeitlich Angst und Bange, er ist kein Straßenkämpfer. Aber die Solidarität bewegt ihn, und er ist fassungslos, als er sogar hohen Besuch bekommt.

"Plötzlich stand Herr Ströbele hier. Ich fand das total abgefahren: Herr Ströbele hier bei uns, weil wir ein Problem haben." 

Hans-Christian Ströbele, fast 78 Jahre alt, das grüne Urgestein aus Kreuzberg.

"Er hat sich dann ganz viel Zeit genommen, wir haben einen Kaffee getrunken, er war bestimmt 'ne Stunde, anderthalb Stunden hier. Da hat er dann vorgeschlagen, dass er uns alle, die Eigentümer, uns an den runden Tisch in den Bundestag einladen könnte."

Bücher statt Brillen: Demonstration vor dem Buchladen Kisch in Berlin-Kreuzberg (Deutschlandradio / von Aster)Bücher statt Brillen: Demonstration vor dem Buchladen Kisch in Berlin-Kreuzberg (Deutschlandradio / von Aster)

Für Teeladenbesitzerin Landsberger wird es indessen eng. Auf einem Immobilienportal hat sie ihren Laden im Angebot gesehen. Zum 1. Juli.

"Gewerbe mit Aussicht auf Erfolg. Im Szenebezirk Prenzlauer Berg und so weiter und so weiter. Und ein Foto gemacht mit meiner schönen Dekoration, wo der Laden natürlich noch besser wirkt."

Wütend war sie über die Dreistigkeit. Und traurig über ihre Machtlosigkeit.

"Da habe ich die Kreuzberger ganz doll drum beneidet, ich habe zwar auch viele Kunden gehabt, die haben gesagt, wir gehen für sie auf die Straße, aber ich selber hätte nicht die Kraft gehabt, das zu bündeln."

Modellvertrag für Kreuzberger Gewerbe liegt auf dem Tisch

In Kreuzberg geschieht Unglaubliches. Nach dem Treffen am runden Tisch und einigem Hin und Her bekommt das Café einen neuen Vertrag. Nicht irgendein Vertrag. Es soll ein Modellvertrag für Kreuzberg werden, ein Vertrag, der ausdrücklich das Kleingewerbe schützt, damit das Flair des Bezirks erhalten bleibt.

Die Vermieter lassen sich überzeugen und setzen nicht auf kurzfristige Mietsteigerungen. Sondern spekulieren darauf, dass der Wert ihrer Immobilie in den nächsten Jahren weiter steigen wird.

Auch der Buchladen erreicht zwei Wochen später eine Verlängerung des Mietvertrages, nachdem eine Demonstration vor dem Sitz der Hausbesitzer-Holding angemeldet worden war. Buchhändler Wellenbrock kann es noch gar nicht glauben.

"Es hat mich ein bisschen überrascht, weil ich gemerkt habe, wie es den Leuten unter den Nägeln brennt, dass es eine unwahrscheinliche Wut gibt. Dass es Leute gibt, die so massiv in das Leben von anderen Menschen eingreifen können und das Wort Gewalt ist in den letzten Wochen nicht nur einmal gefallen."

Der Teeladen in Prenzlauer Berg hingegen muss raus. Aber dennoch:

"Es geht weiter, wir haben riesengroßes Glück gehabt, ich habe was gefunden, was bezahlbar ist. Was auch hier im Kiez ist, wo die Hausverwaltung, die Eigentümer und meine zukünftige Wirtin wollen, dass ich da reinkomme."

Im Kreuzberger Schaufenster des Cafés und im Buchladen hängt ein großes Schild: Danke - steht darauf. Und die Einladung zu nächsten Kiezversammlung hängt gleich daneben. Denn es geht weiter mit der Kündigungswelle. Die kleine Änderungsschneiderei gleich um die Ecke soll raus.

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