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Buchkritik | Beitrag vom 13.05.2017

Michail Schischkin: "Die Eroberung von Ismail"Zugfahrt mit den Göttern

Von Olga Hochweis

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Michail Schischkin: "Die Eroberung von Ismail" (Deutsche Verlagsanstalt / dpa / Robert B. Fishman)
Michail Schischkin: "Die Eroberung von Ismail" (Deutsche Verlagsanstalt / dpa / Robert B. Fishman)

Michail Schischkin hat als einziger Autor Russlands alle großen Literaturpreise seiner Heimat erhalten. "Venushaar" und "Der Briefsteller" liegen bereits auf Deutsch vor, nun erscheint sein Debütroman: "Die Eroberung von Ismail".

Es ist Schischkins formal und inhaltlich ambitioniertestes Werk. Der Stoff reicht von der griechischen und slawischen Mythologie über mittelalterliche Chroniken sowie Figuren und Werke der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts bis hin zu Zeugnissen aus der Stalinzeit und Geschichten über den Zusammenbruch der Sowjetunion. Alles beginnt mit der Erschaffung der Welt durch altslawische Gottheiten auf einer stilisierten Zugfahrt, die zu einer Odyssee durch Raum und Zeit wird und auf die Chronologie verzichtet.

Schischkin hat den Roman mit einer Oper verglichen, bei der das Sujet zugunsten des Klangs zurücktrete. Eklektizistisch im Tonfall wechselt er virtuos zwischen hohem Stil und Jargon, altertümlicher und moderner Sprache. Ein vielstimmiger Chor der Erniedrigten und Beleidigten Russlands erklingt quer durch die Jahrhunderte – und eine Art Jüngstes Gericht, in dem neben Anspielungen auf viele Werke, darunter Tolstois Roman "Die Auferstehung", auch einschlägige historische Figuren auftauchen, zum Beispiel der russische Strafverteidiger und Literaturkritiker Alexander Urusov (1843-1900) als berühmter Anwalt der kleinen Leute. Ein fiktives Kompendium seiner Gerichtsreden strukturiert Teile des Romans.

Über die die Erhörung leidvoller menschlicher Erfahrung

Gelitten wird im Roman geradezu leitmotivisch vor allem von Müttern – eine Frau wird im Gulag von ihrem Kind getrennt, eine andere zerbricht am Ende des 19. Jahrhunderts an ihrer Ehe und den Reaktionen der Gesellschaft auf ihr geistig behindertes Kind. Den Buchtitel "Die Eroberung von Ismail" kann man als biblische Folie für das Mutter-Kind-Motiv interpretieren. Die ägyptische Sklavin Hagar gebar dem Stammvater Israels, Abraham, trotz Ausgrenzung und Flucht einen Sohn, Ismael. Sein Name bedeutet "Gott erhört", und um die Erhörung leidvoller menschlicher Erfahrung geht es in vielfachen Variationen.

"Und immer noch weiß ich nicht, wo ich bin"

In den autobiografischen Passagen des Romans spielt der Moskauer Stadtteil Ismailovo eine Rolle. Eindringlich beschreibt Schischkin Szenen seiner Kindheit, Jugend und frühen Jahre als Lehrer und Journalist, auch das unbehauste Moskauer Leben mit der Slawistin Francesca, die am Ende des Romans in ihrer Schweizer Heimat den gemeinsamen Sohn zur Welt bringt.

(picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)Der Schriftsteller Michail Schischkin (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)

Im Zug sitzend, auf dem Weg zurück vom Krankenhaus, verpasst der Ich-Erzähler Schischkin seine Station. Mit den letzten Worten des Romans "Und immer noch weiß ich nicht, wo ich bin" schließt sich der Kreis zum welterschaffenden Anfang.

Die große Gelehrsamkeit des 500-seitigen Romans, seine formale Radikalität und die mehrere Dutzend Anmerkungen des Übersetzers erfordern einen sehr ausdauernden Leser. Wer durchhält, wird mit einer Sprachmacht belohnt, die Andreas Tretner virtuos ins Deutsche übertragen hat.

Michail Schischkin: "Die Eroberung von Ismail", Roman, Aus dem Russischen von Andreas Tretner, Deutsche Verlagsanstalt, München 2017, 514 Seiten, 26,99 Euro 

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