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Buchkritik | Beitrag vom 05.05.2017

Michael Quetting: "Plötzlich Gänsevater"Gänse sind faszinierende Persönlichkeiten

Von Johannes Kaiser

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Buchcover "Plötzlich Gänsevater" von Michael Quetting, im Hintergrund vier Gänse im Flug vor blauem Himmel (Ludwig / dpa / Deutschlandradio)
Buchcover "Plötzlich Gänsevater" von Michael Quetting, im Hintergrund vier Gänse im Flug vor blauem Himmel (Ludwig / dpa / Deutschlandradio)

Der Biologe Michael Quetting erzählt in seinem Buch "Plötzlich Gänsevater" von einem ungewöhnlichen Forschungsprojekt. Um Wetterdaten während eines Gänseflugs zu sammeln, begleitete er die Tiere quasi als Ersatzvater vom Brutkasten bis zum Flügge werden.

Das Bild auf dem Buchumschlag ist kurios und voller Symbolkraft: aus dem Seewasser ragt der Kopf eines erwachsenen Mannes und um ihm herum tummeln sich sieben Gänseküken: Der Biologe Michael Quetting vom Max Planck Institut für Ornithologie und das gemeinsame Bad mit den kleinen Gänsen gehört zu einem ungewöhnlichen Forschungsprojekt. Die Vögel sollen später mit kleinen Messgeräten ausgestattet während des Gänsefluges Wetterdaten sammeln. Dazu muss es dem Forscher gelingen, die Gänseküken an sich und sein Leichtflugzeug zu gewöhnen, damit sie gemeinsam in die Luft aufsteigen.

Spätestens seit den Forschungen von Konrad Lorenz weiß man, dass Gänseküken jeden als Mama/Papa akzeptieren, der vor und nach dem Schlüpfen bei ihnen ist. Sie nehmen dessen Stimme und Geruch bereits im Ei wahr. Deshalb hat der Forscher nicht nur mit ihnen geredet, als sie noch im Brutapparat lagen, sondern auch ein getragenes T-Shirt mit hineingelegt. So geprägt haben ihn die Küken nach dem Schlüpfen sofort als Ersatzvater angenommen: Sie suchten rasch Hautkontakt, schlüpften zum Schlafen unter seinen Pullover. Leider sind die Gänse nicht stubenrein, erzählt Michael Quetting. Mann und Pullover sind bald komplett verdreckt und entsprechend geruchsintensiv.

Jedes Küken hat einen eigenen Charakter

Von neun Eiern im Brutkasten sind sieben erfolgreich geschlüpft. Jedes hat einen eigenen Namen und jedes zeigt einen anderen Charakter. Es gibt den mutigen Anführer Nemo, den Rebellen Frieder und ein vorsichtiges, ein ängstliches und ein braves Küken. Rasch hat sich eine Rangordnung beim Gänsemarsch herausgebildet.

Anschaulich und amüsant beschreibt Michael Quetting seine Wochen mit den rasch heranwachsenden Gänsen. Eine Handvoll Fotos zeigt ihn und seine Gänseschar. Die wächst ihm rasch so ans Herz, dass er über sich selbst staunt, weil er tatsächlich eine enge emotionale Bindung zu den kleinen Gänsen aufbaut – sie werden zu seinen Kindern. Kein Wunder also, dass er ihnen bisweilen sehr menschliche Regungen sozusagen in den Schnabel legt, etwa wenn sie sich über ihren "Vater" und dessen Unwissen mokieren. Und doch erfährt man so viel über die Gänsewelt.

Gänse bilden instinktiv eine V-Formation

Ganz allmählich gewöhnt der Forscher die Tiere an das Ultraleichtflugzeug und seinen Motorlärm. Das geht einfacher als gedacht. Mühelos folgen die flügge gewordenen Gänse dem Flugzeug, bilden instinktiv eine V-Formation, meiden den Propeller und die Räder. Nur hoch hinaus wollen sie partout nicht. Doch genau darauf kommt es an. In seiner Verzweiflung packt sich der Michael Quetting schließlich eine Graugans auf den Schoß und wirft sie in 1400 Meter Höhe aus dem Flugzeug. Das klappt fantastisch und das Messgerät auf dem Rücken der Gans sammelt zahllose Rohdaten über Höhe, Geschwindigkeit, Position eines Gänseflugs. Das wissenschaftliche Experiment ist geglückt.

Kurz danach verabschieden sich die Gänse und starten ins Gänseleben. Die Elternzeit ist beendet. Sie hat Michael Quetting verändert und seine Leser auch – denn man lernt: Gänse sind faszinierende Persönlichkeiten.

Michael Quetting: Plötzlich Gänsevater. Sieben Graugänse und die Entdeckung einer faszinierenden Welt
Ludwig Verlag, München 2017
239 Seiten, 19,99 Euro

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