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Aktuell / Archiv | Beitrag vom 21.11.2016

Michael Hartmann kritisiert Herfried Münkler"Das Volk ist nicht dumm"

Michael Hartmann, Soziologe, aufgenommen am 07.09.2011 während der ARD-Talksendung "Anne Will" zum Thema: "Euer Geld möchte ich haben!" in den Studios Berlin-Adlershof. (dpa-Zentralbild)
Der Soziologe Michael Hartmann bei einem Talkshow-Auftritt. (dpa-Zentralbild)

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat im Deutschlandradio Kultur gesagt, große Teile des Volkes seien dumm. Die Eliten sollten sie mit ihrem Wissen unterstützen. Der Soziologe Michael Hartmann kritisiert die "herablassende Haltung" seines Kollegen.

In der Sendung "Tacheles" im Deutschlandradio Kultur sprach der Politikwissenschaftler und Professor Herfried Münkler unter anderem über die Ursachen für den Erfolg der AfD und den Rechtsruck in Ostdeutschland. Insgesamt bemängelte er das mangelnde Wissen vieler Menschen über politische Prozesse. Die Eliten sollten dafür sorgen, mit ihrem Wissen diese Gruppe zu unterstützen. Michael Hartmann ist Elitenforscher, er hat jahrelang als Professor für Soziologie an der TU Darmstadt unterrichtet. Er hält viele von Münklers Thesen für falsch, vor allem stört ihn die Haltung des Wissenschaftler-Kollegen.

Deutschlandradio Kultur: Herfried Münkler hält große Teile des Volkes für dumm. Hat er recht?

Michael Hartmann: Nein, das ist eine herablassende Haltung, die bei Teilen der Elite in letzter Zeit immer häufiger zu beobachten ist. Die Bevölkerung hat ein ganz gutes Gespür, wenn es um ihre eigene Lebenssituation geht. Man kann den Menschen zum Beispiel nicht immer wieder sagen, dass es Deutschland heute viel besser geht als je zuvor, wenn sie das anders erleben. Sie können selbst kontrollieren, ob vom gestiegenen Bruttoinlandsprodukt wirklich etwas im eigenen Portemonnaie ankommt.

Deutschlandradio Kultur: Münkler würde wohl sagen, die Eliten müssen dem Volk diese Situation einfach besser erklären.

Michael Hartmann: Es geht nicht um Erklären, sondern um Verändern.

Rund 4000 Personen gehören zur Machtelite

Deutschlandradio Kultur: Zum Beispiel?

Michael Hartmann: Nehmen wir mal die Ursachen für den Erfolg von Donald Trump in den USA. Es gibt Untersuchungen, dass der zusätzliche wirtschaftliche Wohlstand in den vergangenen zehn, 15 Jahren zu 90 Prozent bei nur einem Prozent der Bevölkerung gelandet ist. Der durchschnittliche US-Bürger verdient heute so viel wie Ende der 70er. Münklers These, die Eliten müssten nur erklären, ist falsch. Und sie offenbart eine arrogante Haltung, nach dem Motto – die da unten sind zu blöde, die Welt zu begreifen. Die Einkommensentwicklung in den USA ist keine zwangsläufige Folge der Globalisierung, sondern in großen Teilen auch das Resultat politischer Entscheidungen bei Steuern und Finanzen. Es gibt einen berechtigten Wunsch nach Veränderung – und die Eliten sollten den ernst nehmen.

Hart aber fair am 05.09.2016 im Studio Berlin Adlershof in Berlin Herfried Münkler stellt sein Buch "Die neuen Deutschen. Ein Land vor seiner Zukunft?" vor. (picture alliance/ dpa/ Revierfoto)Herfried Münkler appelliert an die Eliten in Deutschland, ihr Wissen weiterzugeben. (picture alliance/ dpa/ Revierfoto)

Deutschlandradio Kultur: Wer sind überhaupt die Eliten?

Michael Hartmann: Wissenschaftlich betrachtet sind das Menschen, die qua Amt oder Eigentum in der Lage sind, gesellschaftliche Entwicklungen maßgeblich zu beeinflussen. Regierungsmitglieder, Staatssekretäre, Spitzenmanager, Bundesrichter. In Deutschland ist das ein kleiner Kreis von ungefähr 4000 Personen. Aber die Bevölkerung verwendet den Begriff viel weiter. Münkler gehört zum Beispiel nicht zum kleinen Kreis der Machteliten, aber er ist derzeit der bekannteste Politikwissenschaftler und sehr präsent in den Medien.

Deutschlandradio Kultur: Was ist Ihre Forderung an die Eliten?

Michael Hartmann: Sie sollten versuchen zu begreifen, warum Teile der Bevölkerung zu ihren Schlussfolgerungen kommen. Das hat im Kern nichts mit Dummheit zu tun, sondern mit ihrer realen Situation.

Deutschlandradio Kultur: Manche AfD-Anhänger fürchten Ausländer in Teilen Ostdeutschlands, in denen es fast keine Ausländer gibt. Warum sollten die Eliten auf solche gefühlten Wahrheiten Rücksicht nehmen?

Michael Hartmann: Das müssen sie nicht. Sie sollten versuchen zu verstehen, woher die gefühlten Wahrheiten kommen.

Deutschlandradio Kultur: Woher kommen sie denn?

Michael Hartmann: In Regionen, in denen die AfD besonders populär ist, gibt es eine starke Deindustrialisierung und eine Verödung der Landstriche, zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern. Dort werden dann Ausländer verantwortlich gemacht, obwohl es kaum welche gibt und Flüchtlinge, obwohl die damit gar nichts zu tun haben. Man muss den Leuten ja nicht nach dem Maul reden, so wie es manche von der CSU tun. Man muss auf die Ursachen schauen.

Mangelnde NS-Aufarbeitung als Ursache für Pegida?

Deutschlandradio Kultur: Münkler behauptet, der Rechtsruck in Teilen Ostdeutschlands hänge zusammen mit der mangelnden Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der DDR.

Michael Hartmann: Da bin ich skeptisch. Nehmen wir zum Beispiel Sachsen und die Pegida. Die Sachsen standen in der DDR stärker auf Distanz zur Regierung als andere. Sie hatten das Gefühl, dass Industrie aus dem Süden nach Norden verlagert wurde. Dieser Unmut drückte sich nach der Wende so aus, dass sie in der Mehrheit immer die CDU wählten. In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt hängen die Erfolge der AfD klar mit der wirtschaftlichen Lage bestimmter Regionen zusammen. Im Westen Mecklenburg-Vorpommerns, dem es wirtschaftlich besser geht, wird die AFD nicht häufiger gewählt als im Nordwesten Baden-Württembergs.

Mehrere tausend Pegida-Anhänger demonstrieren auf dem Theaterplatz in Dresden. (pa/dpa/Killig)Mehrere tausend Pegida-Anhänger auf dem Theaterplatz in Dresden. Der Rechtsruck in der Gesellschaft ist für Michael Hartmann kein ostdeutsches Problem. (pa/dpa/Killig)

Deutschlandradio Kultur: Nochmal zum Schluss – was ärgert Sie so an Herfried Münklers Äußerungen über Eliten?

Michael Hartmann: Große Teile der Eliten haben profitiert von der wirtschaftlichen Entwicklung, sie haben profitiert von der Globalisierung. Um wirklich Verantwortung für andere zu übernehmen, müssten die Eliten zumindest auf einen Teil ihrer Zugewinne und Privilegien verzichten. Wäre die Bahn noch eine Behörde wie früher, würde der Chef heute rund 150.000 Euro im Jahr verdienen – dem jetzigen Vorstandsvorsitzenden sind selbst knapp zweieinhalb Millionen nicht genug. Das registrieren die Menschen.

Deutschlandradio Kultur: Sie weisen also zurück, dass Teile des Volkes schlichtweg dumm sind?

Michael Hartmann: Das Volk ist nicht dumm, erhebliche Teile fühlen sich zurecht materiell benachteiligt.

Das Interview führte Maurice Wojach

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