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Thema / Archiv | Beitrag vom 07.07.2010

"Menschen wie du und ich"

Percy und Felix Adlon über ihren Film "Mahler auf der Couch" und die Begegnung des Komponisten mit Sigmund Freud

Percy und Felix Adlon im Gespräch mit Frank Meyer

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Bronze-Büste von Gustav Mahler - der Komponist wäre heute 150 Jahre alt geworden. (AP Archiv)
Bronze-Büste von Gustav Mahler - der Komponist wäre heute 150 Jahre alt geworden. (AP Archiv)

Die Regisseure Percy und Felix Adlon haben zu Gustav Mahlers 150. Geburtstag einen Film über ein Treffen des Komponisten mit dem Psychoanalytiker Sigmund Freud vorgelegt. Die Produktion basiere auf Tatsachen, wie beispielsweise Tagebucheintragungen und Briefen, sagte dazu Felix Adlon.

Frank Meyer: Gustav Mahler, der war in seiner Zeit vor allem als Stardirigent berühmt; heute ist er das als Komponist gewaltiger Sinfonien. Heute vor 150 Jahren wurde Gustav Mahler geboren und die Filmemacher Percy und Felix Adlon bringen jetzt den Film "Mahler auf der Couch" in die Kinos. Ein Gespräch mit den beiden hören Sie gleich hier bei uns.

Mein Kollege Joachim Scholl hat mit den beiden Regisseuren dieses Films gesprochen, mit Percy Adlon und seinem Sohn Felix, und er hat die beiden zuerst gefragt, ob sie mit diesem Film die beiden Titanen – Mahler und Freud – auch ein bisschen vom hohen Sockel holen wollten.

Felix Adlon: Natürlich. Das war ...

Percy Adlon: Das, was wir eben gemacht haben und woran uns liegt: Dass wir keine Giganten schildern, sondern dass wir sie schildern als, wenn man so will, Menschen wie du und ich.

Felix Adlon: Ja, Normalsterbliche.

Percy Adlon: Normalsterbliche. Gustav Mahler, der am Boden zerstört ist – nicht der Hofoperndirektor, sondern der betrogene Ehemann. Er muss sein Ego aufgeben, weil seine Frau ihn mit diesem Fremdgehen zerstört, aber das Fremdgehen ist nicht einfach ein Fremdgehen, sondern das hat schon tiefere Gründe, und darauf kommen wir, darauf bringt Freud uns dann.

Joachim Scholl: Gustav und Alma waren aber damals ja auch schon so ein sehr berühmtes Paar für die Boulevardpresse auch, also, wenn man vielleicht heute einen Vergleich zieht, Brad Pitt und Angelina Jolie – das war so die Dimension?

Felix und Percy Adlon: Absolut.

Percy Adlon: Das war die Wiener Prominenz, und um die hat sich eben immer viel Klatsch gebildet. Und diesen Klatsch haben wir in dem Film repräsentiert durch eine ganze Schicht von Augenzeugen, die in die Kamera sprechen und die dem Zuschauer wie eine Klatschkolumne direkt vermitteln, was sie nun davon halten.

Felix Adlon: Ja.

Scholl: Bleiben wir mal gleich bei dem Stilmittel, wenn Sie es schon ansprechen: Das bricht aber auch natürlich so ein bisschen die Fiktion. War das auch so Absicht?

Felix Adlon: Absolut, ja, weil es ist ja keine Fiktion. Es ist ... es basiert ja auf Tatsachen, es basiert auf Tagebucheintragungen, es basiert auf Briefen, und was man vielleicht als Fiktion empfindet in diesem Film, sind eigentlich unsere Ausgrabungen, wo wir sagen können, so ...

Percy Adlon: ... so muss es gewesen sein.

Felix Adlon: So muss es gewesen sein.

Percy Adlon: Wir wissen nicht viel davon, aber wenn wir da tief reingehen, dann entdecken wir Blicke, Szenen, Wörter, die nicht anders gewesen sein können, als wie wir sie dann schildern. Also, das ist dann Fiktion.

Felix Adlon: Es ist aber auch eine Art von Ehrlichkeit.

Scholl: Wenn man Sie hier so zusammensitzen sieht, könnten wir noch eine Dritte dazunehmen, nämlich Ihre Mutter, Felix, und Ihre Frau, Percy, nämlich die Eleonore Adlon. Sie hat den Film produziert, also, es ist eine Art Familienunternehmen, dieser Film, und man stellt sich so viele gemeinsame Familienstunden vor, mit Mahler-Musik eventuell und Diskutieren im Familienkreise: Wie legen wir diesen Film an, wie machen wir den? War es so?

Felix Adlon: Es ist immer so.

Scholl: Es ist immer so?

Felix Adlon: Es ist mein ganzes Leben lang schon so.

Scholl: Johannes Silberschneider, Karl Markovics, Friedrich Mücke und Barbara Romaner sind die vier Hauptdarsteller. Um die zu finden, brauchte es anscheinend überhaupt kein wochenlanges Casting oder wie das sonst bei großen Filmen ist. Drei davon sollen Sie an einem einzigen Abend im Theater entdeckt haben. Ist das wirklich wahr?

Percy Adlon: Ja, es ist wahr – also, nicht ganz. Silberschneider, den hatten wir schon vorher auf dem Kieker, wie man so schön sagt. Mit dem hatten wir uns getroffen und der gefiel uns sehr gut.

Scholl: Er spielt den Mahler.

Percy Adlon: Der spielt den Mahler. Und der spielte in diesem Stück im Volkstheater, und wegen ihm sind wir hingegangen. Und da war Barbara drin als Hauptdarstellerin und da war Friedrich Mücke drin, als junger Hauptdarsteller. Und die haben uns beide so gut gefallen, dass wir gesagt haben: Was machen wir da noch lange rum – das ist die Alma! Sie war es einfach. Sie hat uns überzeugt.

Felix Adlon: Sie hat auch gleich so losgelegt ...

Percy Adlon: Das ist wahr!

Scholl: Und es war wahrscheinlich auch ein Angebot an sie, das sie nicht ablehnen konnte, als Sie wahrscheinlich dann hinter die Bühne gingen und sagten, wir hätten da so einen Plan.

Felix Adlon: Chance of a lifetime.

Percy Adlon: Sie fiel aus allen Wolken, die konnte es nicht glauben.

Scholl: Aber Stichwort Theater, das Theaterhafte, also – das Ansprechen der Zuschauer, das hat was Theaterhaftes, und auch die Bildgestaltung erinnert bisweilen an die Bühne. So beginnt der Film zum Beispiel mit dem Blick auf eine neblig verhangene Brücke da im holländischen Leyden, wo sich Freud und Mahler treffen zu Beginn, und man sieht niemand anderen als diese zwei, keine Passanten. Und solche großen Bilder, die sind typisch für den Film. Verantwortlich für Bildgestaltung und Kamera war Benedikt Neuenfels. War das seine Idee?

Percy Adlon: Auch zusammen.

Felix Adlon: Auch zusammen. Wir arbeiten immer so, dass wir zwei Wochen vor Drehbeginn uns ganz intensiv mit der Bildgestaltung, mit dem Kameramann befassen. Wir sitzen dann da und gehen jede Szene durch.

Scholl: Und jetzt muss man sich die Klänge dazu vorstellen, ich meine, bedeutsam ist die Musik – jetzt müssen wir auch wirklich mal darauf zu sprechen kommen, kein Wunder, versteht sich, wenn ein Mann wie Mahler im Mittelpunkt steht. Sie haben den finnischen Dirigenten Esa-Pekka Salonen dafür gewonnen, großer internationaler Star in seinem Genre, der die unvollendete, 10. Sinfonie Mahlers extra für den Film eingespielt hat.

Ich meine, genau an dieser Musik hat Mahler komponiert zur Zeit, als die Geschichte ja spielt. Welche Rolle hat dann aber auch die Musik in dem Film? Sie ist ja dann nicht nur Filmmusik, oder?

Felix Adlon: Nein, überhaupt nicht. Es ist ... Die Musik ist ihre eigene Schicht, ein Hauptdarsteller sozusagen.

Percy Adlon: Und zwar bringt die Musik das Ganze auf eine Höhe, auf einen bestimmten Level; den die Personen, die man da rummachen sieht und sich betrügen sieht und lügen sieht und zusammenbrechen sieht und sich anschreien und so weiter, dass die plötzlich ganz alltäglich sind und klein sind gegenüber dem, was der Mahler dann in Musik ausgedrückt hat. Also, er erzählt uns eigentlich die Geschichte, uns und dem Zuschauer die Geschichte in Musik, wie sie in ihm stattgefunden hat. Da entstehen wunderschöne, auch sehr humoristische Stellen.

Scholl: Genau darauf wollte ich noch zu sprechen kommen, weil es ist eine Geschichte voll Seelenqual und Herzeleid, aber durchaus humoristisch im Tonfall. Lag das auch auf der Hand für Sie, also auch gerade die Komik darzustellen, die ja auch in jeder Tragik steckt?

Felix Adlon: Die Situation ist ja auch sehr komisch. Gustav Mahler fährt Sigmund Freud besuchen, der im Urlaub ist, der eigentlich gar nicht arbeiten möchte, aber er trifft Mahler nun doch, weil das ist der größte ...

Percy Adlon: ... der größte Wiener Zampano überhaupt.

Felix Adlon: Also, wer will nicht Brad Pitt treffen, wenn es darum geht, er möchte sich über Angelina auslassen? Ich bin der erste, der da steht. Und jetzt kommt Mahler daher, Freud will eigentlich nicht, Mahler will schon gar nicht, weil welcher Mann zu der Zeit redet über seine Gefühle mit einem anderen Mann?

Percy Adlon: Und dass seine Frau mit einem anderen schläft, ja, das will der eigentlich gar nicht sagen.

Felix Adlon: Das ist ja peinlich! Er möchte eigentlich nur, dass Freud ihm das richtet.

Percy Adlon: Gib mir das Rezept, ich zahle dich dafür, und danach ist alles gut. Und der Freud, durch seine Fragen – das sind ja ganz einfache Fragen, wie ein guter Journalist, fragt warum, können Sie mir das noch mal erklären, was fühlten Sie dabei, ganz simple Fragen –, dadurch macht er immer mehr auf. Und dann kommt ein einziges Wort, das die ganze Situation ändert.

Und da fragt der Freud: Schuld? Und der Mahler sagt, ja natürlich, die Schuld meiner Frau ... Nein, nein, nein, ich meine Ihre Schuld. Ich? Schuld? Und da wendet sich das Blatt, und plötzlich begreifen wir, wie es bei Alma eigentlich tickt, und dass zwei zu einem Ehebruch gehören. Das fanden wir eben sehr interessant.

Scholl: Und das ist ja auch die interessante Sicht auf die Alma, sie steht ja also ziemlich verrufen da in der Kulturgeschichte, so als notorisches Prominenten-Groupie, und bei Ihnen, den Adlons, da bekommt sie doch die Anteilnahme, die man, wie ich finde, ihr auch wirklich zusprechen muss.

Also, sie ist nicht nur die Ehebrecherin, sondern auch wirklich die verzweifelte junge Frau, die sich selber rettet in diese Affäre, vor dieser geistigen Übermacht und dem Druck, unter dem sie steht. Haben Sie diese Interpretation eigentlich auch so gleich parat gehabt, auch im Familienkreis vielleicht erarbeitet? Es ist ja doch auch eine, ja, sehr feministische Sicht.

Felix Adlon: Es hat sich rausgestellt sehr schnell eigentlich mit den frühen Tagebucheintragungen von ihr, als Mädchen, was sie da geschrieben hat, wie sie sich gefühlt hat – da war noch nicht dieses Scheusal da, was später sich dann entpuppt hat.

Percy Adlon: Das hat man ihr von hinten drübergestülpt.

Felix Adlon: Das war noch nicht so. Das war eine hochintelligente, äußerst toll gebildete, sehr progressive, junge Frau, die begehrt war, weil sie sexy war und weil sie halt wirklich im Zentrum der Sezession war.

Percy Adlon: ... blendend Klavier spielte, dauernd in die Oper rannte, von allen angeschwärmt wurde, und dann sucht sie sich einen Nägel kauenden, leicht hinkenden kleinen Mann, der zufällig eben Gustav Mahler war. Und diese neun Jahre mit Mahler, das ist unsere Theorie – da hat sich diese großartige Frau verausgabt, sie hat sich ausgegeben, weil Gustav Mahler zu der Zeit, die ganzen Jahre, die er mit ihr verheiratet war, krank war, schwach war und sie ihm ständig nur Mut gemacht hat.

Felix Adlon: Den Rücken freigehalten hat, ja.

Percy Adlon: Wie eine hervorragende Krankenschwester hat die ihm alles gegeben, Kinder geboren, ihm Noten mitgeschrieben, ihn ermutigt, seine beste Zuhörerin gewesen und so weiter, die echte Muse.

Felix Adlon: Das, was sie für sich selbst erwartet hatte aus der Beziehung, ganz früh, hat sie ja eigentlich nie bekommen.

Percy Adlon: Hat er ihr verboten.

Felix Adlon: Hat er ihr verboten. Was sie bekommen hat daraus und wofür sie sich aufgeopfert hat, ist dieses Werk.

Meyer: Felix und Percy Adlon, die beiden Regisseure des Films "Mahler auf der Couch", der jetzt in unsere Kinos kommt zum 150. Geburtstag des Komponisten Gustav Mahler. Mein Kollege Joachim Scholl hat mit den beiden gesprochen.

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