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Interview / Archiv | Beitrag vom 08.12.2016

Mensch und NaturIst Artensterben wirklich schlecht?

Josef Settele im Gespräch mit Anke Schaefer

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Giraffenweibchen Gaia im Giraffenhaus im Zoo in Dresden (Sachsen) (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Giraffenweibchen Gaia im Giraffenhaus im Zoo in Dresden (Sachsen) (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Dass einzelne Tierarten aussterben, habe es immer gegeben und sei nicht gravierend, meint der Biologe Josef Settele. Derzeit finde allerdings ein vom Menschen verschuldetes Massenartensterben statt, das dem Menschen auch selbst schade.

Anke Schaefer: Wir sprechen jetzt über Tiere, und zwar über Tiere, die wir wirklich lieben, über Giraffen. Der lange Hals ist so schön, die braunen Flecken, und dann gibt es diesen lustigen Höcker zwischen den Ohren. Aber Giraffen sind vom Aussterben bedroht. Sie stehen auf der aktualisierten Roten Liste der gefährdeten Tierarten, die gestern Abend bei der Vertragsstaatenkonferenz der UN-Konvention über die biologische Vielfalt in Mexiko veröffentlicht wurde. In den vergangenen 30 Jahren ist die Population um 40 Prozent gesunken, heißt es. Warum? Weil der Lebensraum der Giraffe immer kleiner werde. Und auch viele Vogelarten sterben zum Beispiel aus. Auf der Erde gibt es über 700 Vogelarten mehr als zuvor gedacht, doch 20 Prozent davon sind bereits jetzt weltweit vom Aussterben bedroht. Ich spreche mit Professor Josef Settele jetzt. Er ist Biologe, um es präzise zu sagen, Schmetterlingskundler im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Guten Tag, Herr Professor Settele!

Josef Settele: Guten Tag, Frau Schäfer!

Schaefer: Es gibt ja Menschen, die sagen, nun ja, es ist halt so, dass immer mal wieder Arten aussterben, man denke an die Dinosaurier. Insofern brauche man das nicht so tragisch zu nehmen, wenn die Giraffen jetzt vom Aussterben bedroht sind. Was sagen Sie?

Settele: Ich meine, die Giraffen, okay, das sind natürlich Tiere, die uns allen gut gefallen, und ich glaube, deshalb werden sie eher sozusagen vermisst werden, wenn sie aussterben. Dass Arten aussterben, also einzelne Arten, das hat es ja immer gegeben, das ist, glaube ich, nicht so gravierend, aber bestimmte Arten werden wir sicher sehr vermissen, aber generell werden wir auch Arten vermissen, wenn sie im großen Stil, in großem Maße zurückgehen.

Das Artensterben betrifft alle Tierarten

Schaefer: Sie sind Schmetterlingskundler. Sterben auch Schmetterlingsarten aus?

Settele: Ja, es geht eigentlich querbeet, durchs ganze Tier- und Pflanzenreich, dass Arten aussterben auf der WADA-Skala, und zwar mit einer sehr hohen Geschwindigkeit, die weit über dem liegt, was wir normalerweise so aus geologischen Zeiträumen kennen.

Schaefer: Jetzt sagen Sie, die Giraffen werden wir vermissen, weil wir sie gern mögen. Aber natürlich kann man eigentlich nicht Unterschiede machen zwischen Tieren, die man mag und Tieren, die man nicht mag. In Mexiko wird gesagt, das vorliegende Update der Roten Liste zeige, dass das Ausmaß der globalen Bio-Diversitätskrise noch größer sein könnte, als wir dachten. Denken Sie, das ist so?

Ein Tagpfauenauge auf einer Blüte (Deutschlandradio/Constanze Lehmann)Schmetterlinge stehen für Schönheit, so auch dieses Tagpfauenauge (Deutschlandradio/Constanze Lehmann)

Settele: Dass es größer sein könnte, kann ich mir gut vorstellen. Wir haben halt sehr wenig Daten dazu, aber das, was wir an Daten haben, deutet darauf hin, dass diese Aussterberaten noch zunehmend sind. Ja, das ist richtig.

Schaefer: Und welchen Anteil hat der Mensch an diesem schnellen Verschwinden der Arten?

Settele: Also am schnellen Verschwinden jetzt bei uns in der Gegenwart, denke ich, ist der ganz große Anteil menschlich bedingt. Faktor 100 bis 1.000 im Vergleich zu den, wie soll man sagen, normalen Aussterberaten, oder ganz stark natürlich so Faktoren wie Landnutzung und so was mit dabei.

Schaefer: Da kommen wir vielleicht gleich noch drauf. Es gibt ja diesen Unterschied zwischen Artensterben und Massenartensterben. Wie genau ist dieser Unterschied definiert?

Pro Jahr stirbt eine Vogelart aus

Settele: Man kann das so definieren, dass man sich anguckt, dass eine Art zum Beispiel sagen wir ein bis zwei Millionen Jahre alt wird, normalerweise, ganz grob. Also das heißt, bei 10.000 Arten würde alle 100 bis 200 Jahre eine Art aussterben. Und zurzeit, nehmen wir die Vögel als Beispiel, da stirbt pro Jahr etwa eine Art aus, bei 10.000 Arten. Also, das ist dann halt der Faktor 100 bis 200 mal größer im Aussterben als unter natürlichen Bedingungen. Und das Massenartensterben bezeichnet eben Vorgänge, die um den Faktor 100 oder mehr über dem normalen, wie soll man sagen, Hintergrundrauschen liegen.

Schaefer: Und Forscher sagen eben, wir erleben jetzt das sechste Artensterben. Was bedeutet das denn?

Settele: Wir hatten in den letzten 500- bis 600 Millionen Jahren insgesamt Massenartensterben, die wurden definiert in geologischen Zeiträumen. Da waren verschiedene Faktoren, man kennt die Meteoritengeschichte mit den Dinosauriern, das ist das letzte gewesen, vor 60, 70 Millionen Jahren. Da gab es vier weitere davor, zum Teil bedingt durch klimatische Faktoren, zum Teil ist es auch unbekannt, was es war. Und jetzt haben wir eben so ein ähnliches Phänomen, dass wir ganz viele Arten in ähnlich schneller Zeit verlieren, wie es damals der Fall gewesen sein musste. Das ist das sogenannte sechste Artensterben.

Der Schädel des Tyrannosaurus Rex namens "Tristan Otto" mit seinen spitzen Zähnen im Naturkundemuseum in Berlin ausgestellt. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)Schädel des Tyrannosaurus Rex im Naturkundemuseum in Berlin - schon lange ausgestorben. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Schaefer: Jetzt haben Sie vorhin schon gesagt, natürlich ist der Mensch daran schuld. Können Sie das noch präzisieren, warum?

Settele: Im Wesentlichen ist es so, dass wir durch die Landnutzung, die wir betreiben, halt entsprechend viel Fläche brauchen, von daher natürliche Flächen verloren gehen, die meist artenreicher waren als die kultivierten. Aber wir b rauchen das natürlich zur Ernährung der Menschheit, das ist auch ganz klar. Und wir gehen jetzt halt so vor, dass wir nach wir vor sehr intensive Nutzung machen, die zum Teil nicht so besonders nachhaltig sind. Und damit verlieren wir global eigentlich überall zunehmend an Arten, durch die Ausbreitung des Menschen durch entsprechende nicht nachhaltige Landnutzung.

Schaefer: Und wie kann das, was wir jetzt da erleben, auch dem Menschen gefährlich werden?

Settele: Wir können ein Beispiel nehmen – ja, Bestäubung war auch ein Thema in Cancun jetzt gewesen, in Mexiko jetzt die letzten Tage. Wir haben eine ganze Menge von Bestäuberarten, nicht nur die Honigbienen, sondern andere auch, die dafür sorgen, dass wir ganz viele Kulturpflanzen entsprechend bestäubt bekommen. Und ohne Bestäubung gibt es viel weniger Erträge bei Obst und Gemüse zum Beispiel. Und wenn wir da eine geringe Artenvielfalt haben, haben wir auch weniger Möglichkeiten, mit verschiedenen Kulturen entsprechend viel Ertrag zu erzielen. Das heißt, wir haben dort einen ganz direkten Zusammenhang zwischen Artenvielfalt und der direkten Nutzung durch den Menschen.

"Ich gucke pessimistisch in die Zukunft"

Schaefer: Jetzt ist das ein Prozess, den wir ja schon länger beobachten. Wird genügend entgegengesteuert.

Settele: Also es ist zumindest die Erkenntnis, dass man gegensteuern muss, ist so weit mittlerweile vorgedrungen, dass es eben eigentlich gängiges Wissen ist. Die Umsetzung ist noch die Schwierigkeit, und da haben wir sehr viele verschiedene Interessenskonflikte, die wir eben abwägen müssen, und da gibt es sicher noch einiges zu tun, auch in Sachen Einsicht in der Politik, um entsprechend noch besser gegenzusteuern. Das ist ein sehr träger Prozess, ein sehr langwieriger, und der dürfte doch eine gewisse Beschleunigung erfahren.

Schaefer: Im Moment gucken Sie pessimistisch in die Zukunft?

Settele: Ja, ich gucke pessimistisch in die Zukunft, was die Vielfalt der Arten betrifft. Ich denke auch, dass wir aber auch Chancen haben, zum einen darauf zu vertrauen, dass gewisse Arten sich weiterentwickeln und anpassen. Wir werden nicht alles verlieren, aber es wird viel ärmer werden. Und ich hoffe immer noch, dass wir auch in der Lage sind als Menschen, hier entsprechend gegenzusteuern. Und dafür müssen wir eben arbeiten, auch als Wissenschaftler.

Schaefer: Das sagt der Biologe Josef Settele. Er arbeitet für das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Danke Ihnen, Herr Professor Settele, für das Gespräch!

Settele: Bitte schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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