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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.07.2014

"Meeting the Odyssey"Homer und das heutige Europa

Ein europäisches Segel-Theaterprojekt

Von Elisabeth Nehring

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(picture alliance / dpa)
Die Performances finden entlang der Spree statt. (picture alliance / dpa)

Drei Sommer dauert die Reise, die ein internationales Künstlerteam mit einem Segelboot von St. Petersburg nach Athen bringt. Ihr europäisches Theaterschiff macht dabei in 12 Ländern Station – nach Estland und Polen derzeit für eine Woche in Berlin. Die Besatzung hat in den letzten Tagen mit hier ansässigen Künstlern eine Performance erarbeitet, die sich mit Motiven aus Homers "Odyssee" auseinandersetzt.

Nach einer richtigen Irrfahrt sieht es nicht gerade aus. Etwa 30 Leute steigen unter den freundlichen Augen eines grell geschminkten Begleiters wohlgeordnet in ein wackeliges, kleines Boot, das mit knatterndem Motor schnell Fahrt aufnimmt. Lange ist es noch nicht gefahren, da geht es auch schon wieder an Land – zum Besuch  der ersten Performance-Station: dem Teepee-Land. Doch bevor wir diesen Phantasieort betreten können, müssen wir erst das richtige Zauberwort herausfinden.

In Teepee-Land begegnet der nichtsahnende Zuschauer allerlei seltsame Gestalten, Orten und Phänomenen.

"I want you to tell about this burned house here, it was a beautiful house, a tree house, but it burned down, cause the men, who lived in, put so much wood in the oven, so the fire got bigger and bigger…."

Reise durchs Teepee-Land

Aus dem nieder gebrannten Baum entsteht wundersamer Weise neues Leben in Form einer höchst beweglichen Tänzerin, deren kräftiger Körper sich um die verbliebenen Äste schlängelt. Doch lange haben wir keine Zeit, ihr zuzuschauen, da müssen wir schon wieder weiter.

"Come on, everyone, we don’t have all day, it’s a lot of things to see…."

In Teepee-Land treffen wir noch Fernando, den Straßenbauer, der lieber die unebenen als die geraden Wege mag, stolpern vorbei an staubigen Zelten und schattigen Plätzchen, an denen es sich allerlei Volk gemütlich gemacht hat und verlassen schließlich die Zivilisation, um ins "Niemandsland" zu gelangen, das heißt auf eine dieser typischen Berliner Brachen, deren Ödnis sich zwischen Spreeufer und Luxusneubauten breit macht. Die Verlassenheit des Ortes mitten in der Stadt korrespondiert mit der Unbehaustheit einzelner Figuren, die an diesem Ort laut schreien, leise singen oder bedeutungsvoll die Glieder verrenken.

Die "Instant Berlin" betitelte Performance hat der italienische Regisseur Michele Losi zusammen mit etwa 30 Darstellern an verschiedenen Orten rund um die Spree realisiert. Wie bereits vorher in St. Petersburg sowie verschiedenen finnischen und estischen Städten ist auch für die Performances in Berlin die griechische Mythologie Vorlage, vor allem die Geschichte der Odyssee. Die wird aber nicht etwa nachgespielt, sondern dient als Themenpool für die künstlerische Arbeit in den jeweiligen Städten.

Auch das Exil wird thematisiert

"Jeder der Direktoren nimmt sich natürlich etwas anderes aus der Odyssee. (…) Für mich war das Thema Exil besonders interessant. In einer sehr metaphorischen Weise geht  es ja in der Odyssee auch um Flucht und das Flüchtlingsdasein. Außerdem haben wir uns auch viele Gedanken gemacht über Machtbeziehungen und das Verhältnis der Geschlechter untereinander. Auch das ist ja in der Odyssee sehr präsent, z.B. mit der Figuren der Penelope und der Pallas Athene. Pallas Athene ist die Göttin, die den Menschen Macht und Handlungsfreiraum gegeben hat und damit z.B. erst ermöglich hat, dass Staaten gegründet werden können. (…) Für mich repräsentiert Pallas Athene sowohl die Macht der Menschen als auch die Identität von Staaten."

Und so begegnen wir den beiden griechischen Frauenfiguren. Penelope wartet - auf dem Boot hinter einem Vorhang versteckt – auf einzelne Besucher, die sie mit ihren himmelblauen Augen intensiv anstarrt.

"This is your time, you never come back(….), where are you going, what are you waiting for… how long have you waited? Und so weiter."

Penelope sorgt mit ihrer kleinen Soloshow für den stärksten Moment der Instant-Performance; sie ist nicht nur eine Figur der Antike, sondern auch eine ganz moderne Frau, die auf ihren Mann wartet, der vielleicht irgendwo im Ausland sein Geld verdienen muss.

Griechische Mythologie und Gegenwart zusammen gebracht

Auch die Sirenen dürfen nicht fehlen; sie sind diejenigen, die versuchen, die "Festung Europa" zu knacken, in dem sie vergeblich versuchen, eine Mauer zu erklimmen – und zwar nicht irgendeine Mauer, sondern einen Überrest der Berliner Mauer.

Aus den Motiven der griechischen Mythologie die Themen der Gegenwart ableiten – darum geht es Michele Losi, der zusammen mit verschiedenen Partnern das gesamteuropäische Großprojekt "Meeting the Odyssee" entwickelt hat. 

"Mit der Entwicklung dieses Projekts haben wir vor zwei Jahren angefangen. Damals war die Finanzkrise vor allem in den südlichen Ländern Europas besonders spürbar. In Krakau entstand die Idee, ein künstlerisches Projekt auf die Beine zu stellen, an dem Künstler aus Nord-, Süd, Ost-, West- und Mitteleuropa beteiligt sind. Und natürlich lag es nahe, für so ein gesamteuropäisches Projekt die Odyssee als Grundlage zu benutzen – immerhin ist sie der gemeinsame Nenner (common ground) der europäischen Kultur. Die Künstler, die an diesem Projekt beteiligt sind, segeln von der Ostsee bis ans Mittelmeer – drei Sommer lang. Da haben sie richtig Zeit, sich kennenzulernen, ihre gemeinsamen Ideen zu entwickeln , die einzelnen Städte zu sehen und mit dem Publikum in Kontakt zu kommen – um möglichst viele Eindrücke und Bilder zu sammeln, was Europa eigentlich heute bedeutet. Das war der Ausgangspunkt des Projekts."

Neben den ortsspezifischen Performances gibt es in jeder Stadt auch eine sogenannte Hauptproduktion – in Berlin ist es die polnische Theater-, Tanz und Musikproduktion "Waiting for the Rain", die die Figur der Penelope ins Zentrum der Aufführung stellt. Doch der eigentliche Mittelpunkt dieses Projekts ist wohl die Bewegung der Künstler durch Europa selbst. "Meeting the Odyssey" ist ein riesiges, dezentrales Projekt, das Europa – zu Recht –  riesengroß, vielfältig und vielschichtig erscheinen lässt. 

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