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Frühkritik | Beitrag vom 18.05.2018

Matthias Wittekindt: "Die Tankstelle von Courcelles"Doppelmord im Grenzgebiet

Von Thomas Wörtche

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Buchcover "Die Tankstelle von Courcelles" von Matthias Wittekindt, im Hintergrund ein kleiner Ort in den Vogesen (Edition Nautilus / dpa / Udo Bernhart)
Was genau an der Tankstelle passiert, bleibt bis zuletzt offen. (Edition Nautilus / dpa / Udo Bernhart)

Menschenschmuggel, rechtes Gedankengut und eine Schießerei mit zwei Toten: Matthias Wittekindt gelingt es in "Die Tankstelle von Courcelles", einen Doppelmord mit den Selbstfindungsproblemen von Jugendlichen zu verquicken - ein großartiger Kriminalroman.

Es ist das Jahr 1987, irgendwo im deutsch-französischen Grenzgebiet. An einer Tankstelle, eben der von Courcelles, gibt es eine nächtliche Schießerei mit zwei toten Menschen. Zeugin ist Lou, die Stieftochter des Pächters. Aber ist sie tatsächlich nur Zeugin oder ist sie in den Vorfall verwickelt? Der junge Polizist Ohayon – Wittekindts Serienheld, dessen Geschichte mit "Die Tankstelle von Courcelles" eine Art "Prequel" bekommt – hat so seine Zweifel.

Jugendprobleme in der Provinz

Lou, das eigenwillige Mädchen, deren Biografie der Roman bis in die Jetzt-Zeit folgt, gehört zu einer Clique junger Leute, deren psychische Dispositionen auf dem Weg des Erwachsenwerdens der Roman auf verschiedenen Zeitebenen und aus verschiedenen Perspektiven zu erahnen sucht. Welche Wahrheiten gibt es, worin gründen sie, gibt es überhaupt "die Wahrheit"? Zumal die Welt auch in Wittekindts Provinz alles andere als heil ist und weil alle Protagonisten, wie sich nach und nach herausstellt, ihre jeweils ganz eigenen persönlichen Dilemmata haben und auch weil die Zeitgeschichte kräftig mitmischt: Menschenschmuggel an der französisch-belgischen Grenze, das allmähliche Einsickern rechtsradikalen Gedankenguts in manche jugendliche Köpfe, Alltagskriminalität. All das, zusammen mit den Selbstfindungsproblemen der Jugendlichen ergibt, angesichts der schlanken 252 Seiten, eine dichte, sehr komplexe Gemengelage, die Matthias Wittekindt bewundernswert ökonomisch erzählt.

Eine Schießerei und deren Folgen

Die ruhige, fast stille, völlig uneitle und souveräne Prosa, die es nicht nötig hat, ihre eigene Brillanz zu feiern, macht die hohe Qualität des Romans aus. Der Kriminalfall selbst, also die Schießerei, die übrigens nicht die einzigen Leichen des Buchs produziert, wirkt fast unauffällig platziert, ist aber dennoch das entscheidende Ereignis des Buches, von dem aus sich Vergangenheit (der Roman beginnt im Jahr 1978) und Zukunft der handelnden Personen entfaltet. Gewalt und Verbrechen werden so zu einer Art Dreh- und Angelpunkt, von dem aus sich die Welt beschreiben und, vielleicht, auch erklären lässt. Am Ende wissen wir immer noch nicht genau, was genau an der Tankstelle passiert ist, aber wir wissen, wie wirkmächtig solche Vorfälle für die Biografie aller Beteiligten (und mancher Unbeteiligten) sind: Exakt diese Überschneidung von privatem und öffentlichem Raum ist das Kerngeschäft guter Kriminalliteratur, auch wenn sie nicht auf sensationelle Effekte setzt. Deswegen ist "Die Tankstelle von Courcelle" ein großartiger Kriminalroman.

Matthias Wittekindt: Die Tankstelle von Courcelles
Nautilus, Hamburg 2018
252 Seiten, 16,90 Euro

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