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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 10.02.2011

Leitplanken für die Schüler

Über Strenge im Unterricht

Von Michael Felten

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Kalte Strenge sei überflüssig, meint Michael Felten.  (AP)
Kalte Strenge sei überflüssig, meint Michael Felten. (AP)

Mit der Wahrheit ist es so eine Sache. Spricht der politische Gegner sie aus, so windet man sich gerne - oder bestreitet sie gar. Wenn etwa eine Frau Sarrazin erzählt, als Lehrerin müsse sie manchmal auch streng sein, bricht gleich ein beschwörendes Raunen los. Ähnlich dem Beißritual, das Bernhard Buebs "Lob der Disziplin" vor Jahren auslöste. Dass dieses Buch kaum über das hinausging, was erfahrenen Lehrern selbstverständlich ist, konnten viele der Empörten nicht wissen - sie hatten den Bestseller ja mit Nichtlektüre gestraft.

Versuchen wir es doch einmal ganz nüchtern: Strenge im Klassenzimmer - ist das eigentlich etwas Gutes oder etwas Schlechtes? Die Antwort ist klar: Es kommt darauf an. Kalte Strenge, die mit Demütigung und Beschämung einhergeht, die vor allem Unterdrückung ist – diese Haltung ist wirklich überflüssig, mit ihr ist keinem gedient, weder dem über die Stränge schlagenden Schüler, noch dem um Lernerfolg bemühten Lehrer. Aber gibt es nicht auch so etwas wie herzliche Strenge? Eine wohlwollende Haltung, die jedem Lernflüchter signalisiert: Vorsicht, Leitplanke, wenn du nicht umsteuerst, fährst du in den Graben; vielleicht holst du dir an mir eine Beule, aber dafür wickelst du dich auch nicht um den nächsten Baum.

Nun erscheint Strenge Manchem als verbrannter Begriff, schließlich war schulisches Lernen früher vielfach ein Leben unter der Rute, ging allzu oft mit Lieblosigkeit, Härte und Züchtigung einher. Viele mögen deshalb von Strenge nur noch in Rechtskunde oder Wissenschaft reden, aber nicht, wenn es um Kinder geht. Nun, ein wenig Blättern im etymologischen Wörterbuch könnte das Strenge-Tabu lockern: Die alte Hauptbedeutung von "streng" ist nämlich keineswegs anrüchig; der Begriff bezeichnete Eigenschaften wie stark, tapfer oder tatkräftig, und "sich anstrengen" hieß ursprünglich so viel wie "die Kräfte spannen". Lassen wir uns also die Begriffe nicht wegen ihrer Entartungen aus der Hand nehmen!

Auch wer - um mit dem Reformpädagogen Freinet zu sprechen – den Kindern selbst das Wort gibt, ist überrascht. "Ein strenger Lehrer kann auch nett sein, der ist wie ein Eimer Wasser, da hört man sofort auf zu träumen." Oder: "Streng, das ist, wenn du Scheiße baust, und dem Lehrer ist das nicht egal, der sagt dir dann, was du tun sollst und welche Strafe es gibt." Hier wird keineswegs der Renaissance eines autoritären Paukstils das Wort geredet.

Die Jugend will durchaus nicht bei Fehlern heruntergemacht oder bei jedem Muckser angemotzt werden. Der Lehrer soll freundlich sein, sich aber auch trauen, Widerstand zu leisten – also das Aushalten von Belastungen einfordern und auf dem Einhalten von sozialen Regeln bestehen. Viele Eltern befürworten übrigens solch‘ entschiedenes Führen ihrer Kinder – sei es aus Weitblick, sei es angesichts eigener Erziehungsschwäche.

Es ist eine eigentümliche Szenerie: Die jungen Bäumchen selbst ermuntern den Gärtner, er möge sie anbinden - natürlich nur vorübergehend und bitte rindenschonend. Im gefeierten Tanzprojekt "Rhythm is it!" formulierte Royston Maldoom es so: "Heranwachsende wollen gar nicht frei sein, sie wollen stark werden." Schüler wissen genau, dass die Schule auch ein Ort der Zumutung sein muss - aber die Schuldebatte hat dieses Bedürfnis lange unterschätzt, wenn nicht gar verachtet. Deshalb steht heute für manchen Lehrer eine Art Perspektivenwechsel an.

Herzliche Strenge in der Schule, das ließe sich ganz unaufgeregt verstehen: als pädagogische Haltung, die Kindern und Jugendlichen Vieles zutraut – und ihnen unbeirrt dabei hilft, an Beschwerlichem zu wachsen. Ein guter Lehrer, das ist jemand, der seinen Schülern nicht nur die Hand bietet, sondern auch die Stirn. Albert Camus jedenfalls war seinem ebenso zugewandten wie strengen Primarlehrer lebenslang dankbar – gleich nach der Verleihung des Nobelpreises schrieb er ihm: "Ohne Sie wäre nichts von alledem geschehen."


Michael Felten, geboren 1951, arbeitet seit 30 Jahren als Gymnasiallehrer für Mathematik und Kunst in Köln. Er ist Autor von Unterrichtsmaterialien, Elternratgebern und pädagogischen Essays. Dabei geht es ihm darum, den Praxiserfahrungen der Lehrer in der öffentlichen Bildungsdebatte mehr Gehör zu verschaffen. Frühere Veröffentlichungen: "Kinder wollen etwas leisten" (2000), "Neue Mythen in der Pädagogik" (2001), "Schule besser meistern" (2006), "Auf die Lehrer kommt es an! Für eine Rückkehr der Pädagogik in die Schule" (2010). Eigene Website zu pädagogischen Themen: www.eltern-lehrer-fragen.de

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