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Freitag, 15.12.2017

Länderreport | Beitrag vom 07.11.2017

LeipzigEin alter Güterbahnhof wird zum Bürgerbahnhof

Von Karoline Knappe

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Der Plagwitzer Industriebahnhof in Leipzig (Karoline Knappe )
Aus dem Plagwitzer Industriebahnhof soll ein Bürgerbahnhof werden. (Karoline Knappe )

Gemeinschaftsgarten, Draußen-Café und Bauspielplatz: Seit Mitte der 1990er-Jahre lag der Plagwitzer Industriebahnhof in Leipzig brach. Nun wird das riesige Areal von Bürgerinitiativen neu belebt.

Besucherin: "Wow, da ist ja echt mächtig was entstanden. Sieht richtig gut aus."

Jo Bredemeier: "Ja, das ist ein bisschen wie organisches Wachstum, wie als hätte man‘s mit irgendeiner Pflanze zu tun oder ein Wald. Eigentlich passt das mit dem Wald besser."

Der Wald, den Johannes Bredemeier, Pädagoge auf dem Bauspielplatz, meint, ist eine Art riesige Bretterbude, mindestens fünf bis sechs Meter hoch, gebaut von den Kindern, die den Bauspielplatz besuchen. Der liegt ungefähr in der Mitte des einst riesigen Bahnhofsareals. Um die 27 Hektar war es groß. Der heutige Bürgerbahnhof nimmt nur etwa einen Hektar dieser Fläche ein. Er zieht sich längs entlang der alten Gleise, von denen eines zu einem Fahrradweg umgebaut worden ist. Rund 50 Kinder werkeln heute auf dem Bauspielplatz. Johannes Bredemeier hat alle Hände voll zu tun.

Mädchen: "Ich möchte ein kleines Haus bauen mit Brücke."

Jo: "Ein Haus mit Brücke? Na guck mal, da sind doch ganz viele. Warte mal, Julian, das Brett ist viel zu lang!"

Julian: "Ich will‘s ja auch sägen!"

Bredemeier: "Jaja, das ist aber gar nicht so cool, weil wir haben nämlich endlos viele kurze Bretter. Julian, hallo! Nimm doch eins, was passt. Dann musst Du kein langes Brett in der Mitte durchsägen. Oder? Guck mal, da sind ganz viele mittellange Bretter."

Der Bauspielplatz war die erste Initiative, die vor gut anderthalb Jahren auf dem Areal des Plagwitzer Bürgerbahnhofs untergekommen ist.

Bredemeier: "Das Interessante hier ist, dass es eine soziale Durchmischung gibt. Das heißt, es gibt Kinder aus allen Milieus, die hier zusammen kommen, das sind die Kids, die sonst eben auf der Straße rumhängen und die, die sonst eben zur Musikschule gehen."

Begegnungsort für Leute aus dem Viertel

Inzwischen ist neben dem Bauspielplatz ein Bau-Café entstanden, gegenüber gibt es seit etwa einem Jahr ein Nachbarschaftsgartenprojekt, ein Obstgarten wurde angelegt. Es gibt Projekte zu den Themen Ernährung und essbare Stadt. Thorsten Mehnert koordiniert die verschiedenen Initiativen. Er ist der Vorsitzende der Stiftung "Ecken wecken". Seit 2009 hat er mit der Stadt Leipzig über das Areal verhandelt, weil er es wichtig findet, dass es Leute gibt, die sich für ihr Viertel einsetzen – und dass es Orte gibt, an denen sie sich begegnen können.

Mehnert: "Wir könnten als Gesellschaft stark davon profitieren, wenn Leute nicht nur in ihren eigenen vier Wänden sitzen und den Nachbarn vielleicht gar nicht kennen, sondern angefangen vom ‚Haste mal n bisschen Sahne, meine ist ausgegangen‘, ja vielleicht hin bis zu irgendeiner Unterstützung in Bildung, Nachhilfe organisieren, vielleicht sogar irgendwann mal bis zur Pflegeunterstützung, (…) solche Nachbarschaften zu entwickeln, da wollen wir mithelfen. Der Bürgerbahnhof ist für uns ein so ein Ort, aus unserer Sicht muss es erstmal Orte geben, wo, wenn Du aus Deiner Haustür raustrittst, wo triffst Du denn überhaupt andere? Kannste sagen, im Treppenhaus. Ja, da kann man mal nett grüßen, das ist schon mal ein Anfang. Aber dann muss es irgendwo einen öffentlichen Bereich geben, wo Leute sich auch aufhalten mögen."

Der Bürgerbahnhof soll so ein Bereich werden. Der Platz ist ja da: viel Wiese, ein paar noch kleine, frisch gepflanzte Bäumchen, links die ehemaligen Zollschuppen, in denen die Waren zwischengelagert wurden und die heute zu Wohnungen umgebaut sind, rechts ein paar verfallene Bahnhäuschen – und viel, viel Weite. Die hat auch jetzt noch etwas Zugiges und Trostloses, zeugt sie doch vom Niedergang eines der größten und wichtigsten Industriezentren des 20. Jahrhunderts. Günter Ambros kennt das Gelände noch, als es in Betrieb war.

Ambros: "Als Lehrling angefangen und als letzter Dienstvorsteher hier aufgehört. Und ich bin auch derjenige gewesen, der 1994 hier das Licht ausgelöscht hat. … Hier zum Beispiel, wo wir jetzt langlaufen, da gingen die Frachten alle runter in den Bereich Lindenau. Da sieht man deutlich, dass es hier mal ein Gleis gegeben hat. Anhand der Häuserfluchten, die sich so im leichten Bogen runter nach der Karl-Heine-Straße bewegen."

Karl Heine. Er war es, der Leipzig mit seinen Visionen einer blühenden Industrielandschaft prägte. Zunächst kaufte er ab den 1850er-Jahren große Ländereien in Plagwitz auf.

Einst der größte Industriebahnhofs Europas

Ambros: "Da fing der hier drüben an, zu den Betrieben, die schon da waren, Eisenbahnanschlussgleise zu bauen, zunächst auf eigene Rechnung, 1900 Meter, 3 große Stammgleise, und von den Stammgleisen abgehend, die einzelnen Anschlussgleise in die Fabriken. 57 Fabriken hatte er damals erschlossen – das ist ein Bruchteil von dem, was später war."

Gleise, die direkt bis zu den einzelnen Betrieben führten, waren damals ein Novum. So konnten die Betriebe beispielsweise direkt mit Kohle für ihre Dampfmaschinen versorgt und ihre fertigen Waren in die Güterwagen verladen werden. Und so siedelten sich immer mehr Firmen an. In seiner Blütezeit um 1945 führten über 300 Anschlussgleise zu den einzelnen Betrieben.

Günter Ambros hat 1962 nach seiner Lehre zunächst als Rangierer angefangen. Als er an seinem ersten Arbeitstag von einem Kollegen seinen Spind zugewiesen bekam, hieß es, der sei gerade frei geworden, der Kollege sei gestern tot gefahren worden. Deshalb spricht Günter Ambros von gefahrgeneigter Arbeit, körperlich sehr hart – ein unbeliebter Job. Aber gut bezahlt.

Überdachungen der ehemaligen Gleisaufgänge im Plagwitzer Industriebahnhof (Karoline Knappe)Überdachungen der ehemaligen Gleisaufgänge im Plagwitzer Industriebahnhof (Karoline Knappe)

Günter Ambros war Eisenbahner durch und durch. Stück für Stück hat er sich hochgearbeitet, hat ein Fernstudium gemacht, ist aufgestiegen. Den Betrieb auf dem Industriebahnhof Plagwitz beschreibt er als eine logistische und personelle Mammutaufgabe. Bis 1989 war die gesamte Gleisanlage voll ausgelastet.

Ambros: "Als wir nach 1989 die ersten Kontakte zu den Kollegen der Bundesbahn bekamen, da gaben die uns mit auf den Weg: Behaltet das Geschäft mit dem Güterverkehr in der Hand, behaltet das Geschäft mit den Anschlussbahnen in der Hand. Das ist Gold wert! Aber das Wort war kaum ausgesprochen, da war schon alles aus. Von 1989 bis 1992 ist hier alles den Berg runter gegangen, die ganzen Großbetriebe haben geschlossen, das Wenige, was noch gebraucht wurde, kam mit den Speditionen, also mit den LKWs nun direkt von Hof zu Hof."

Eine neue Gemeinschaft

Zurück zum heutigen Bürgerbahnhof. Thorsten Mehnert, der "Ecken wecken"-Vorsitzende, ist auf dem Gelände des Nachbarschaftsgartenprojekts Hildegärten damit beschäftigt, Scheiben für eine Überdachung einzusetzen.

Mehnert: "Also hier, wo ich jetzt stehe, war ne Treppe. Von dahinten angefangen bis runter, hier war’s dann so, keine Ahnung, fünf Meter tief oder so, und dann ging’s am Plagwitzer Bahnhof in den Tunnel. (…) Und bei den Bahnsteigen waren jeweils zwei Aufgänge. Und diese beiden Aufgänge waren überbaut mit solchen Dingern."

Die Dinger, die Thorsten Mehnert meint, sind die Überdachungen der ehemaligen Gleisaufgänge. Eine dieser Überdachungen konnte er retten. Sie wird gerade umgebaut – als Unterschlupf für die Mitstreiter der Hildegärten.

Rösler: "Wir selber sind letztes Jahr, relativ spät, glaube September, Oktober, dazu gestoßen, haben hier vorn das Beet übernommen, jeder hat so drei bis vier Meter, es gibt kleinere Beete, größere Beete, und was man da drauf so anbaut, ist auch jedem selber überlassen. … Der Erste hat dann angefangen, sein Beet mit diesen Steinen zu umranden und dann haben sich alle anderen gedacht, ah ja, die Steine sind ja eh noch zuhauf da, und deswegen haben dann alle ihre Beete damit eingefasst, damit man erstmal erkennen kann, was Beete sind."

Mehnert: "Es gibt natürlich auch viele Leute, die nehmen einfach das gern mal mit, die feiern dann hier ihre Partys, wenn’s drum geht zu strukturieren, wie machen wir das und welche Arbeiten stehen an, dann sind die nicht die ersten, die die Hand heben."

Reuter: "Ich hatte noch nie so eine Art von Gemeinschaft, in der ich so Teil war, dass man sich dann irgendwie auch in diesem Projekt so zugehörig fühlt, und ich find‘s gerade total bereichernd. Und auch aufreibend, na klar."

Und doch ist in diesem ersten Jahr einiges entstanden, erzählen Agnes Reuter und Claudia Rösler. Es gibt eine Reihe von Hochbeeten, ein kleines Gewächshaus, ein Erdbeerbeet zum Naschen für die Kinder – und, ganz neu: ein Insektenhotel.

Reuter: "Das ist ja so, man fängt an in einem Bürgergarten, wir sind alle keine Gärtner, und ich merke, bei mir persönlich ist es so, ich hatte vorher so die Vorstellung, ich würd gern einen Garten haben und in einem Garten etwas machen und das auch lernen, aber es ist so, man schnappt halt Informationen auf und man baut sich das so zusammen und man lernt halt so langsam. Und das ist das Schöne daran, dass man halt so einfach hier viel Raum hat zum Lernen und mit vielen Menschen in Kontakt steht, die einem halt immer irgendein kleines Puzzleteil in die Hand geben."

Der Boden - so hart wie Stein

Trotzdem: Noch ist der Boden so hart, dass die Möhren nicht nach unten, sondern nach oben wachsen. Die gepflanzten Bäume sind so jung, dass sie kaum Schatten spenden. Und das größte Manko: Es gibt kaum Aufenthaltsmöglichkeiten, wenn es kalt ist, regnet oder die Sonne zu sehr brennt.

Mehnert: "Wir haben ja nur Freiflächen, deshalb wollen wir ein Quartiershaus bauen, was einmal den Fokus hat, eine Infrastruktur für die Projekte hier zu bieten – also Beispiel Bauspielplatz: Es kommen ja auch Kinder aus etwas schwierigeren Verhältnissen, da wird Kontakt zu denen aufgebaut, dann ist aber im Oktober zu und dann machen die im April wieder auf oder so, das heißt, es wär natürlich schön, wenn man auch jahresübergreifende Angebote oder zumindest mal Kontakt und Beziehung so entwickeln könnte."

Und vor allem könnten sich auch die verschiedenen Initiativen hier begegnen. Denn sie alle eint, dass sie den Menschen, die im Viertel leben, einen Ort der Begegnung bieten wollen – und sie alle stehen für nachhaltiges Wirtschaften. Sei es, dass die verbogenen Nägel auf dem Bauspielplatz auch wieder gerade geklopft werden, sei es, dass in den Hildegärten sichtbar wird, wie viel Mühe es macht, eine Möhre hoch zu ziehen.

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