Seit 05:05 Uhr Studio 9
 

Montag, 11.12.2017

Länderreport | Beitrag vom 11.10.2017

Lehrerfortbildung in BerlinDen Ursachen von Judenhass auf den Grund gehen

Von Claudia van Laak

Beitrag hören Podcast abonnieren
Schüler sitzen in der Klasse (Blick auf die Stühle und die Rücken der Schüler) (imago stock&people)
Was tun, wenn jüdische Schüler gemobbt werden? (imago stock&people)

Vor einigen Monaten machten jüdische Eltern öffentlich, dass ihr Sohn an ihrer Berliner Schule fortwährend antisemitisch beschimpft wird - vor allem von Mitschülern mit meist arabischen Wurzeln. Der Berliner Senat will Lehrern helfen, damit umzugehen und bietet ein Programm zur Fortbildung.

"Du Jude!" - Als Beschimpfung gemeint gehört dieser Spruch an bestimmten Schulen anscheinend bereits zum Alltag. Kein schamhaft verdeckter, sondern offener Judenhass – geäußert oft von männlichen, muslimischen Jugendlichen.

"Bruder, ich habe etwas gegen Juden. Ich mag Juden einfach nicht.
Scheiße einfach. Sie sind das Problem.
Sie sind einfach so schlimm. Bastards."

Das American Jewish Commitee in Berlin prangert diesen Judenhass nicht nur an, es hat auch reagiert. Mit einer qualitativen Studie zum Thema "Salafismus und Antisemitismus an Berliner Schulen" und einer Seminarreihe für Lehrerinnen und Lehrer. Leiterin Deidre Berger:

"Hier ist ein Problem im Entstehen und die Lehrer wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Und das ist der kritische Punkt dabei. Und deshalb ist es dringend Zeit – und wir sind sehr froh, dass Berlin das erkannt hat – neue Werkzeuge dafür zu entwickeln. Wir sind dabei, ein Curriculum zu entwickeln, dass wir eine noch größere Zahl von Lehrern erreichen."

Ein Aussteiger hilft, Argumentationen nachzuvollziehen

Das American Jewish Committee in Berlin, Potsdamer Platz. Die 18 anwesenden Politik-, Sozialkunde- und Geschichtslehrer sollen an ihren Schulen künftig Ansprechpartner sein für die Themen "Salafismus und Antisemitismus". An diesem Tag ist ein Aussteiger zu Gast. Irfan Peci war Propaganda-Chef der "Globalen Islamischen Medienfront". Die Seminarteilnehmer wollen von ihm wissen: Wie war es in seiner Schulzeit, haben Lehrer auf seine radikalen Äußerungen reagiert?

"In meiner eigenen Schulzeit habe ich die Erfahrung gemacht, wo Lehrer entweder zu tolerant waren oder zu wenig tolerant. Zum Beispiel 'Irakkrieg' und solche politischen Themen. Da äußerten sich Schüler ganz klar USA-feindlich oder Israel-feindlich. Ich habe auch Lehrer erlebt, die das verharmlosen, relativieren und den Schülern auch Recht geben."

Bernhard Kessel nickt. Der mittlerweile pensionierte Politiklehrer hatte zwei Schüler, die von Berlin aus in den Djihad zogen und vermutlich in Pakistan ermordet wurden. Er sei immer in die politische Konfrontation mit diesen jungen Männern gegangen, erzählt Kessel.

"Insgesamt hat mein Verhalten unter Umständen, das muss ich selbstkritisch sagen, bei Einzelnen dazu beigetragen, sich mit diesen vereinzelten Radikalen eher zu solidarisieren, weil sie dachten, das könnte ein Angriff auf Muslime schlechthin sein."

Den Faden nicht abreißen lassen zu Schülern, die sich radikalisieren, die ihren Judenhass offen zur Schau tragen – so der Rat von Experten.

Wichtig ist, den Kontakt nicht zu verlieren

"Man muss beides machen. Sich deutlich verhalten, Position beziehen, aber nie den Kontakt aufgeben, bzw. den Kontakt erstmal suchen. Da haben mich andere Kollegen davon überzeugt, die das sehr erfolgreich gemacht haben, um Blockaden zu verhindern und auch die Klassen stärker ins Gespräch einzubinden, das ist sehr entscheidend."

Die Politiklehrerin Christiane Böhm berichtet von einem Pilotprojekt an ihrer Schule. Externe Berater werden zu Hilfe gerufen, wenn das Kollegium den Eindruck hat, dass schnell gehandelt werden muss, wenn zum Beispiel jüdische Mitschüler gemobbt werden.

"Und da ist es unheimlich gut, wenn man jemanden extern hat, der sofort eingreifen kann: Der geht dann in die Klasse rein, macht eine Unterrichtseinheit zu Geschlechterrollen oder Meinungsfreiheit, so kriegt der schnell mit: Wie äußern sich die Schüler? Und so kriegt er diejenigen, um die es sich dreht, ins Gespräch und trifft sich dann mit denen. Und das ist eine unheimliche Entlastung. Ich würde mir wünschen, dass es das an jeder Schule gäbe."

Mehr Fortbildungen und Materialien zum Thema

Elfmal haben sich die Berliner Lehrer in den Räumen des American Jewish Commitee getroffen. In pädagogischen Werkstätten werden sie nun versuchen, das Gelernte in der Schule umzusetzen. Das Landesinstitut für Schule und Medien, Lisum, hilft dabei. Michael Rump-Räuber:

"Das nächste Jahr dieser Fortbildung, da wird es in erster Linie darum gehen, dass wir mit den Lehrkräften gemeinsam Unterrichtsmaterialien entwickeln zu diesem Thema. Dass die im Unterricht erprobt werden, dass die dann weiterentwickelt werden und dass wir es schaffen, gezielter Unterstützungssysteme für einzelne betroffene Schulen aufzubauen."

Finanziert wurde all dies unter anderem vom Bundesprogramm "Demokratie leben" – dass die neue Bundesregierung dieses Programm weiterführt, hoffen nicht nur die betroffenen Lehrerinnen und Lehrer.

Mehr zum Thema

Juden in Deutschland - "Wir wollen das Deutschland der letzten Jahre einfach nicht verlieren"
(Deutschlandfunk, Tag für Tag, 02.10.2017)

Neue Antisemitismus-Definition - Bemerkenswertes politisches Signal
(Deutschlandfunk, Kommentare und Themen der Woche, 23.09.2017)

Migranten in Deutschland - Nur wählen dürfen sie nicht
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 13.09.2017)

Länderreport

Coburg und der ICE-AnschlussRasend durch die Provinz
ICE  (imago/Future Image)

In vier Stunden von München nach Berlin. Dank der Neubaustrecke Ebensfeld - Erfurt, die durch den Thüringer Wald führt, ist das jetzt möglich. Für viele Berufspendler dürfte die Neubaustrecke ein Segen sein. Skeptisch ist man dagegen in der Provinz, wie in der florierenden Industriestadt Coburg.Mehr

StuttgartFeinstaub macht sich breit im Kessel
Autos fahren in Stuttgart durch die Innenstadt, während auf einer Anzeige ein Feinstaub-Alarm für die Umweltzone Stuttgart angezeigt und auf öffentliche Verkehrsmittel hingewiesen wird. (dpa / picture alliance / Marijan Murat)

Viele Städte in Deutschland überschreiten regelmäßig die EU-Grenzwerte für die Luftqualität in Städten. Doch die Werte in Baden-Württemberg für Feinstaub waren regelmäßig am höchsten - und landeten vor Gericht.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur