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Buchkritik | Beitrag vom 20.06.2017

Larry Brown: "Fay"Lolita on the road

Von Irene Binal

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Cover Larry Brown: "Fay" (Heyne Verlag / dpa / Combo: Deutschlandradio)
Buchcover "Fay" von Larry Brown (Heyne Verlag / dpa / Combo: Deutschlandradio)

Eine bildhübsche 17-Jährige allein unterwegs: In einem harten Land mit rauen Bewohnern, die wenig reden, dafür umso mehr Bier trinken. Larry Browns Roman "Fay" ist ein Südstaaten-Epos der etwas anderen Art.

Beim Stichwort "amerikanischer Süden" mag man an Tom Sawyer oder Scarlett O’Hara denken, an Baumwollplantagen und Moskitos, die träge um Lampen auf der Veranda surren. Larry Brown freilich beschreibt einen anderen Süden, ein hartes Land mit rauen Bewohnern, die wenig reden, dafür umso mehr Bier trinken und in der Wahl ihrer Mittel nicht gerade zimperlich sind.

Ausgerechnet hier macht sich die 17-jährige, bildhübsche, aber ungebildete und naive Fay auf die Suche nach einer besseren Zukunft. Barfuß und mit nichts als ein paar Dollar verlässt sie ihre bitterarme und zerrüttete Familie, den gewalttätigen Vater und die schwächlich-resignierte Mutter, und sie hat nur ein vages Ziel: Sie will nach Biloxi, ans Meer, wo das Klima wärmer und das Leben einfacher sein soll, sie träumt von Zitrushainen und einem kleinen Häuschen, "in dem sie ihr eigenes Essen hatte und fernsehen konnte, wann immer sie wollte".

"Lolita" und "Candide" standen Pate

Mehrere literarische Charaktere sind wohl an Fays Wiege gestanden: Von Lolita hat sie das Kindlich-Verführerische – wenn auch nicht die Raffinesse – geerbt, vom Simplicissimus die Einfalt, von Voltaires "Candide" den Optimismus auch unter widrigsten Umständen.

Fay entgeht mehrmals knapp einer Vergewaltigung, sie wird die Geliebte des State Troopers Sam, den sie – bereits schwanger – nach einem mörderischen Zwischenfall verlässt, sie landet bei Aaron, der in einem Strip-Lokal als Rausschmeißer arbeitet, und am Ende bringen sich ihretwegen zwei Männer gegenseitig um.

Vielfach erscheint Fay als Spielball der Ereignisse, aber tatsächlich erweist sie sich hinter der kindlich-naiven Fassade als erstaunlich stark, zielbewusst und unbeeindruckt von all den Wirren, die sie mitverursacht hat.

All das schildert Larry Brown in einer Prosa, die so schroff ist wie das Umfeld, in dem sich Fay bewegt, manchmal ruppig und immer authentisch. "Trocken wie Feuerholz" sei Browns Sprache, schreibt der Journalist und Übersetzer Alf Mayer im Nachwort, ohne komplizierte Satzkonstruktionen, dafür "knackig, knapp und klar".

Reizvolle Schlichtheit

Eben diese Schlichtheit verleiht dem Roman seinen Reiz, ebenso wie die Weigerung des Autors, Stellung zu beziehen. Er moralisiert nicht und verurteilt nicht, sondern berichtet, und die Figuren seines Romans sind alle irgendwie gut und irgendwie auch wieder nicht.

Sam liebt Fay aufrichtig, aber seine Frau hat er jahrelang betrogen, Aaron kümmert sich um das Mädchen, hat aber wenig Verständnis für ihre Nöte und schätzt vor allem den guten Sex.

Es sind Menschen, wie sie Brown, der "schreibende Feuerwehrmann", wohl selbst gekannt hat, Menschen des ländlichen Mississippi, die er über Jahre hinweg beobachtet hat, um dann über sie zu schreiben und jene Kernfrage zu umkreisen, die Fay an einem Punkt stellt:

"Woraus bestanden Menschen, und wie kamen sie zusammen, um das zu sein, was sie waren? Was war dafür verantwortlich, dass man gut oder böse war? Warum starben gute Menschen, während böse am Leben waren?"

Es sind Zeilen wie diese, die Larry Browns Roman zu einem echten Leseerlebnis machen.

Larry Brown: "Fay"
Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel
Heyne-Verlag, München 2017
644 Seiten, 22,99 Euro

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