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Zeitfragen | Beitrag vom 04.09.2017

Langsamkeit - die richtige GeschwindigkeitMüßiggang liegt im Trend

Von Wolf-Sören Treusch

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Die Schnecke steht für Langsamkeit. (Dmitry Bayer / unsplash.com)
Die Schnecke steht für Langsamkeit. (Dmitry Bayer / unsplash.com)

Zeit so effizient wie möglich gestalten: Nicht selten hat dieses Streben nach Optimierung unerwünschte Nebenwirkungen bis hin zum Burn-out. Der neue Trend Slow Business steuert in die andere Richtung – ganz nach dem Motto "Yoga ist das neue Joggen".

"Ich mag Tempo. Ich muss kein Tempo rausnehmen, weil ich kein Problem mit Tempo habe."

"Die richtige Geschwindigkeit zu finden, das ist vor allem ein gesellschaftliches Problem."

"Das ungeschriebene Gesetz lautet: Schneller ist besser als langsamer."

"Achtsamkeit bedeutet nicht, dass man alles langsam machen soll."

"Wir kriegen ein anderes Verhältnis zur Wirklichkeit, wenn wir achtsam mit der Welt umgehen."

Speeddating, Powernapping, Multitasking: Zeit so effizient wie möglich gestalten – das gehört zu unserem Leben wie schlafen, essen und trinken. Vor kurzem jedoch meldete "Wolf", nach eigener Aussage das Männermagazin fürs Wesentliche, dass 68 Prozent aller deutschen Männer, also mehr als zwei Drittel, weniger Tempo im Leben wollen. Nun stehen Zeitschriftenständer mit Ratgebertiteln wie "Nein sagen", "Loslassen", "Entschleunigen" und "Achtsamkeit" ganz vorne in deutschen Bahnhofsbuchhandlungen. Was sagt uns das? Der Zeitforscher Jonas Geißler:

"Das sagt uns, dass wir einerseits sehr schnell geworden sind, sich daraus ein Gegentrend entwickelt und dass unser System die Probleme, die es selbst erzeugt, zum Geschäft macht. Und das ist sehr lukrativ."

Die Probleme, die unser System selbst erzeugt? Begonnen, so Jonas Geißler, hat es vor mehr als 500 Jahren. Damals erfanden die Menschen die mechanische Räderuhr und begannen damit, ihren natürlichen Lebensrhythmus zu vertakten. Abläufe ohne Abweichungen festzulegen – wider die Natur. Die Menschen brachten das Prinzip "Zeit ist Geld" in die Welt, gefolgt vom Grundsatz "Wachstum durch Beschleunigung". Genau darauf basiert unser Wohlstand, doch der stößt in der digitalen und globalisierten Welt von heute an seine Grenzen.

"Weil wir wichtige Wirtschaftsgüter, nämlich Daten und Informationen, mit Lichtgeschwindigkeit verschicken können, und das können wir nicht beschleunigen. Also brauchen wir ein anderes Modell der Beschleunigung, und das ist Verdichtung: mehr gleichzeitig. Und da stecken wir. Also das heißt: Wir haben mehr Optionen als jede Generation vor uns und haben entsprechende Geräte, die uns diese Optionen direkt an unsere Wahrnehmung liefern, immer näher auch ran, von der Hosentasche ans Handgelenk, an die Brille und demnächst in den Körper rein. Das ist wahrscheinlich abzusehen, dass das passieren wird, und die bombardieren quasi unsere Wahrnehmungen und zwingen uns dazu, Zeitentscheidungen zu treffen und zwar pausenlos. Das ist sehr anstrengend."

Irgendwann kommt der Burn Out

Und kann krank machen, mit allen nur erdenklichen Nebenwirkungen: von Rückenschmerzen über Schlaflosigkeit bis hin zum "Burn Out". Menschen leiden heute stärker als je zuvor in der Geschichte unter Zeitdruck. Deshalb entwickeln sie Hilfsinstrumente auf der Suche nach der richtigen Geschwindigkeit. Alexander Steinhart beispielsweise hat mit Kollegen eine Smartphone-App programmiert, um der ständigen Reizüberflutung Herr zu werden. "Offtime" heißt sie. Mit ihr legen die Nutzer fest, wann, für wen und auf welchen Kommunikationswegen sie erreichbar sein wollen.

"Das heißt wirklich, störende Anrufe abzublocken mit ‘ner netten Nachricht, wann man wieder erreichbar ist, dass kein Chaos auf der anderen Seite entsteht. Und zum anderen sich selber eben auch zu blockieren und manche Apps sich zu verwehren. Na, das heißt konkret tagsüber wahrscheinlich Facebook, Snapchat zu blockieren und da produktiv zu sein und abends dann die Arbeits-E-Mails zu blockieren. Je nachdem, wie man es möchte, kann man einstellen, dass es eben mit einer Minute Verzögerung wieder erreichbar ist oder wirklich dann die Hardcore-Variante: bis zum nächsten Morgen oder bis zum Ende der Zeit, wo man das nicht mehr möchte, nicht erreichbar ist."

Sinn des Ganzen: Zeit gewinnen für konzentriertes Arbeiten, für ablenkungsfreies Zusammensein mit wichtigen Menschen oder einfach für sich selbst. 100.000 Personen nutzen die App regelmäßig.

"Datteln im Speckmantel, mit einem Hauch von Marzipan. - Die Datteln sind noch gefüllt mit Marzipan. - Hervorragend. Der erste Teller war in 30 Sekunden weg."

Empfang in einem Berliner Küchenstudio – es gibt Fingerfood und Kaltgetränke. Der CDU-Kreisverband Charlottenburg-Wilmersdorf hat an den Kurfürstendamm geladen. Die Parteimitglieder schwören sich auf den Wahlkampf ein.

"Einen ganz besonders donnernden Applaus, ein herzliches Willkommen für Julia Klöckner."

Politiker unter Zeitdruck

Rheinland-Pfälzische CDU-Chefin Julia Klöckner. (Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch)Rheinland-Pfälzische CDU-Chefin Julia Klöckner. (Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch)

Zu Gast: die Rheinland-Pfälzische CDU-Chefin Julia Klöckner. Vor dem Empfang ein Sitzungstermin im Mainzer Landtag, danach noch eine Besprechung in der Berliner Parteizentrale. Kaum eine Berufsgruppe steht so unter Zeitdruck wie die der Politiker. Gerade in Wahlkampfzeiten. Julia Klöckner hat damit kein Problem.

"Ich persönlich fühle mich in keinem Hamsterrad. Ich mache meine Arbeit wie viele andere auch, ich plane meine Arbeit durch, ganz klar, es gibt hektische Tage und weniger hektische Tage, aber das haben auch andere. Und insofern kann ich nur für mich persönlich sagen, dass das biblische Wort für mich sehr prägend ist: Wenn man geht, geht man, wenn man steht, steht man, wenn man sitzt, sitzt man, und wenn man isst, dann isst man. Und sich bewusst zu machen, was man isst und nicht tausend Sachen nebenher zu machen, ich glaube, das ist Entschleunigung. Aber man muss keine Religion draus machen."

Ein paar Kilometer weiter, in der SPD-Parteizentrale in Berlin-Kreuzberg stellt der ehemalige Münchner Oberbürgermeister Christian Ude sein neuestes Buch vor.

"Ein Tag wie heute in Berlin ist gehetzt wie zu den schlimmsten Amtszeiten. Vorher war ich einen Monat mit meiner Frau in Griechenland, und das war die Zeit zum Atemholen, zum Entspannen, zum Tiefenentspannen, zum Erholen. Und da würde ich sagen: Das Tempo stimmt."

"Macht endlich Politik!" fordert er im Buchtitel. Christian Ude lässt kein gutes Haar an seinem Berufsstand. Kein Politiker hätte noch Interesse daran, einen offenen, seriösen Diskurs zu führen und gemeinsam neue Ideen und Perspektiven zu entwickeln, kritisiert er. Und das sei keine Frage von Zeitmangel, fügt er hinzu, er habe das in den 21 Jahren im Münchner Rathaus auch hinbekommen.

"Als Oberbürgermeister zumal hat man dann natürlich unglaubliche Hilfen, zum Beispiel in meinem Fall elf Referate der Stadtverwaltung, die mich auf das jeweilige Thema ihres Fachbereichs vorbereitet haben, Mitarbeiterstab, der die Gutachten liest und in Kürze zusammenfasst, so dass ich nur noch die Zusammenfassungen lesen musste. Also das ist eine privilegierte Situation. Wir brauchen aber Antworten, die auch für den Normalbürger eine Aussagekraft haben, und da kann ich nur sagen: Informiert euch auch mal über abweichende Meinungen."

"Politik in unserer Wahrnehmung wird tatsächlich immer mehr zum Leistungssport."

Politiker stecken in einem Dilemma

Bestätigt Thomas Kliche, Professor für Bildungsmanagement an der Hochschule Magdeburg-Stendal, Schwerpunkt Politische Psychologie.

"Man muss schlagfertiger sein, man muss brillanter sein, man muss mehr Statistiken und mehr Argumente drauf haben, man muss das Ganze auch noch bescheiden und freundlich vortragen und dabei alle möglichen Zielgruppen lächelnd ansprechen. Aber das ist eigentlich nicht die Substanz von Politik, das ist das Wesen ihrer Verpackung. Das ist im Grunde die Welt der Talk-Shows. Das ist Dschungelcamp auf politisch. Und der Zeitdruck kommt rein, weil in diesem Anderthalb-Minuten-Format, wo man keine längeren Gedanken mehr entwickeln kann, tatsächlich der Schlagfertigere und kurzfristig Schlauere obsiegt. Dadurch kriegen wir den Eindruck, so sei Politik, aber genau so ist sie eigentlich nicht."

Politik, vor allem wenn sie gut sein will, braucht den langen Atem, so der Wissenschaftler. Braucht das Zusammentragen von Fakten, das Abwägen von Argumenten, die Diskussion, auch den Streit. Sonst stünde das Funktionieren des politischen Systems insgesamt auf dem Spiel. "Macht mal langsam" mag er den Politikern zurufen, "lasst euch Zeit". Doch auch Thomas Kliche weiß: Politiker stecken in einem Dilemma: sie müssen immer weiter reichende Entscheidungen in immer kürzeren Zeitabständen treffen.

"Da Demokratie langsam ist, langsamer als brutale, selbstsüchtige Entscheidungen, hinkt sie auch hinterher, was zum Beispiel die Kontrolle von Spekulationskapital angeht. Es fließt sehr rasch, schwupps ist es auf ‘nem anderen Kontinent. Und ein Programm, das gegen ein anderes Programm spielt, ruiniert einen Staat, und schwupps sind wieder ein paar Milliarden woanders. Das ist sehr schwer zu kontrollieren. Wir brauchen eine weltweite Zähmung von frei flotierendem Kapital und Kapitalismus, so wie wir sie national im Sozialstaat hatten. Und wir müssen dieses Modell in relativ rascher Zeit entwickeln, weil eben einfach die Polkappen schmelzen. Da stehen wir in einer neuen Art unter Zeitdruck, und zwar unter ganz existentiellem Zeitdruck. Aber das ist genau der Zeitdruck, den die meisten Menschen gar nicht als solchen wahrnehmen."

"Was passiert dann? Das sind Momente, wo Yoga sich bemerkbar macht."

Nicht nur in der Politik, auch in der Wirtschaft wäre eine langsamere Gangart hilfreich. Denn: gestresste Mitarbeiter sind öfter und vor allem länger krank. Die Zahl der Fehltage durch psychische Erkrankungen hat sich laut DAK Gesundheitsreport in den vergangenen vierzig Jahren verfünffacht. Das kostet die Wirtschaft Milliardenbeträge. Immer mehr Unternehmen bieten deshalb Gesundheitskurse und Workshops an – zu den Themen Achtsamkeit, Meditation, Yoga.

"… einmal noch: Atmet ein! Atmet ein! Atmet ein! Atmet ein! Atmet ein! Atmet ein! Und haltet das. Lasst los. Ahhhh … "

Der Bayer-Konzern, Standort Berlin, bietet schon seit vielen Jahren Yogakurse an. Fünfzehn Mitarbeiter des Unternehmens verteilen sich auf ihren Matten in der firmeneigenen Gymnastikhalle. Auch Erhard Herrmann macht mit, er ist leitender Koordinator in den Bereichen Gesundheitsschutz, Arbeitssicherheit und Umweltmanagement.

"Man kann dann richtig schön abschalten, das Gehirn kommt zur Ruhe, rattert nicht mehr so viel. Es wirkt sich dann auch auf den Körper aus, der Körper wird ruhig. Und natürlich der Langzeitbenefit ist, dass man mit Yoga sozusagen den Schlüssel hat, um die Tür zu einer besseren Gesundheit aufzumachen."

Yoga fürs Betriebsklima

Seit mittlerweile zwölf Jahren macht er Yoga. Sieben Jahre lang leitete er ein Bayer-Werk mit 700 Mitarbeitern in Mexiko. Seitdem weiß Erhard Herrmann: Yoga sorgt auch für ein besseres Betriebsklima.

"Man wird ruhiger, gelassener den Mitarbeitern gegenüber, man wirkt cooler. Und es springt dann ja auch über auf die Mitarbeiter. Wenn die ‘nen ruhigen Chef haben, dann werden die auch ruhig. Insofern ist man da dann ein Multiplikator und hat es dann auch einfacher als Chef, weil die Mitarbeiter einfacher mitziehen. Mit ‘nem ruhigen Chef, der nicht ständig rumschimpft und cholerisch und rot anläuft, das ist dann schon hilfreich."

Fünf bis zehn Prozent der 4.700 Mitarbeiter des Bayer-Konzerns in Berlin nehmen an den Gesundheitskursen teil. Wäre schön, wenn es mehr wären, sagt Sabine Griebel, Leiterin des Betrieblichen Gesundheitsmanagements. Mit den vierzehn Mitarbeitern ihrer Abteilung hat sie vor kurzem etwas Neues ausprobiert – eine Methode, die zurzeit in aller Munde ist: MBSR, Mindfulness-Based-Stress-Reduction – Stressbewältigung durch Achtsamkeit.

"Wir leiten jetzt jede Abteilungssitzung durch eine stille Drei-Minuten-Übung ein, das ist natürlich gewöhnungsbedürftig, aber die Mitarbeiter freuen sich darauf. Und ich nutze das immer gerne, damit man allgemein runter kommt, damit man auch einen guten Bezug zu sich selbst hat und dann aus der Ruhe heraus auch über die Themen spricht, über die man eben in einer Abteilungssitzung sprechen muss."

Als Betriebsärztin weiß Sabine Griebel: die klassischen Arbeitsunfälle bei einem Konzern wie Bayer – Verbrennung, Verbrühung, Verätzung – kommen nur noch selten vor. Hauptproblem sind die psychischen Erkrankungen von Mitarbeitern. Um hier präventiv etwas zu erreichen, muss es mehr geben als nur Gesundheitskurse.

"Das Gesamtkonstrukt, und jetzt sind wir bei dem Thema Management, das ist ja, dass alle Führungskräfte hier zu einem Seminar ‚Führung und Gesundheit’ gehen müssen, also sollten, sagen wir es mal so, und sollen dann sozusagen ein Grundverständnis dafür gewinnen, was heißt das eigentlich: gesund führen? Es ist ja nicht Schwarzbrot und Möhre und Joggen, sondern es ist ein gesundes, Menschen wertschätzendes Grundverhalten, was sich dann auch wieder zurück wirft – auf die Atmosphäre in die Abteilung und auch auf Arbeitsergebnisse."

Im Optimalfall entwickeln die Führungskräfte mehr Empathie für ihr Umfeld, eine höhere Sozialkompetenz, die Mitarbeiter werden produktiver und kreativer. Andere Großkonzerne wie SAP, Facebook und Google schicken die Mitglieder ihrer Chefetagen regelmäßig zum Achtsamkeitstraining. Bayer bietet Seminare dieser Art am Standort Berlin seit drei Jahren an. Sabine Griebel schätzt, ein Drittel der Führungskräfte habe bisher daran teilgenommen.

"Schieben und drücken. Also wir legen großen Wert darauf, aber man kann natürlich niemanden zwingen. Wir setzen auf den positiven Sog."

Einen "positiven Sog" erzeugen, althergebrachte Firmenstrukturen beim Zeitmanagement verändern? Das ist immer noch ein mühsamer Prozess. Die Erfahrung macht auch Jonas Geißler. Er forscht nicht nur über die Zeit, er berät auch im klugen Umgang mit der Zeit. In Vorträgen, Seminaren oder als Coach.

"Ich begleite gerade eine Firma, oder einen Teil einer Firma, dabei. Die haben sich so ‘nen Code of Conduct geschrieben: 'Wie verhalten wir uns in Bezug auf E-Mails, Meetings usw.' Der wird aber nicht gelebt, weil alle in den alten Trott zurückfallen."

Beispiel: der Manager, der gern mal am Samstagabend um 23 Uhr berufliche E-Mails verschickt.

"Ich habe jetzt auch schon mit Führungskräften gearbeitet, die das auch reflektiert haben und ihren Mitarbeitern gesagt haben: 'Lasst euch davon nicht stören. Ich erwarte gar nicht, dass ihr schnell drauf reagiert, aber bei mir ist es halt so, manchmal kommen um 23 Uhr noch gute Gedanken. Ich will die halt noch versenden'. Das war dann trotzdem sehr schädigend. Also das heißt, die Mitarbeiter fühlten sich dann doch genötigt zu antworten."

Keine E-Mails mehr am Wochenende

In diesem Fall konnte der Unternehmensberater den Manager dazu bewegen, keine beruflichen E-Mails mehr am Wochenende abzuschicken. Dennoch braucht es viel Zeit, sagt Jonas Geißler, bis neue Lösungen für ökonomischere Arbeitsformen etabliert sind.

"Was ich tatsächlich auch erlebe bei Politikern und bei Leuten im Management, dass man natürlich auch gehetzt sein muss, um ein gutes Mitglied der jeweiligen Organisation zu sein. Zeit zu haben, wird sehr verdächtig. Und so sichere ich mir meine Zugehörigkeit zu den wichtigen, gefragten Beschäftigten auch immer, indem ich so tue und mir auch suggeriere, dass ich eben keine Zeit habe. In unserer Wachstums- und Wettbewerbsgesellschaft ist das quasi ein eingeschriebener Code."

Ratgeber über Zeit in einer Bahnhofsbuchhandlung. (Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch)Ratgeber über Zeit in einer Bahnhofsbuchhandlung. (Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch)

Natürlich gibt es in Politik und Wirtschaft auch immer noch Situationen, in denen schnell reagiert werden muss, in denen langsames Handeln keine Alternative ist. Beispiel: die spontane Entscheidung der Regierenden in Deutschland im Herbst 2015, Hunderttausende geflüchtete Menschen aus den syrischen Kriegsgebieten unbürokratisch ins Land zu lassen. Dazu der ‚eingeschriebene Code’, wie Jonas Geißler ihn nennt, dass nur der Anerkennung findet, der ständig beschäftigt ist, der also keine Zeit hat, und der weiterhin unseren Lebensalltag bestimmt. Auch und vor allem den digitalen, findet Social-Media-Experte Alexander Steinhart.

"In der Ökonomie der Aufmerksamkeit sind sehr viele Unternehmen, Snapchat, Facebook, die einfach damit beschäftigt sind, Ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Das heißt, da sind Psychologen, da ist ein Team dahinter, die schauen, dass die Leute möglichst viel und möglichst lange online sind. Und ich als Einzelperson habe da gar keine Chance gegen das Team von Psychologen, mich dagegen zu wehren."

"Okay, jetzt wäre Zeit für die letzte Sitzmeditation, 15 Minuten…"

Meditation mit dem Smartphone

Eine Schulaula in Berlin-Neukölln. Lothar Schwalm bittet seine Kursteilnehmer, ihre vorletzte Übung abzuschließen, eine Geh-Meditation. 37 Menschen – mehr Frauen als Männer, mehr Junge als Alte – haben an diesem Tag sieben Stunden lang Meditationstechniken geübt – und geschwiegen. Unter Anleitung von Lothar Schwalm, 59, gelernter Tischler, heute MBSR-Kursleiter, oder ganz einfach: Achtsamkeitstrainer. In Berlin gehört er zu den Pionieren des Gewerbes, 2003 fing er damit an.

"Der erste Kurs bestand aus einer Frau, die sich so ein bisschen verirrt hatte, und zwei Kolleginnen, die ich genötigt hatte, damit ich überhaupt jemanden bekam. Also das war natürlich vollkommen unbekannt. Und damals auch in der esoterischen Ecke. Die, die schon Meditationspraxis hatten, die dachten, es ist vielleicht Meditation light, also nichts, was ernst zu nehmen ist. Und die damit nichts zu tun hatten, die dachten oft, es ist was Esoterisches."

"Gut, damit ist das Schweigen gebrochen…"

Die verschiedenen Meditationstechniken gibt es längst als Smartphone-App. Stressbewältigung durch Achtsamkeit ist im Mainstream der Gesellschaft angekommen.

"Überall wird über Achtsamkeit geschrieben, auch mittlerweile auf ‘ne Weise, wo ich mich selbst gar nicht mehr wiederfinde. Weil: Es gibt mittlerweile Achtsamkeits-Ausmalbücher in ‘ner Bahnhofsbuchhandlung, das hat überhaupt gar nichts mit Achtsamkeit zu tun, jedenfalls nicht mit der Achtsamkeit, wie ich die verstehe."

"… Also ich würde, wenn es geht, das Stressprogramm für heute Abend vermeiden."

Achtsamkeit ist die Fähigkeit, sich bewusst zu machen, was im Hier und Jetzt passiert, es zu betrachten und zu bewerten. Das kann man trainieren, sagt Lothar Schwalm. Untersuchungen haben gezeigt, dass regelmäßiges Meditieren die Gehirnstruktur verändert. Die Menschen sind konzentrierter und können ihre Gefühle besser kontrollieren. In vielen Kliniken wird Achtsamkeit trainiert, um Depressionen und Angststörungen zu behandeln.

"Ich glaube, viele Leute gerade in der heutigen Zeit leiden auch da drunter, weil auch oft vermittelt wird, dass man, wenn man bloß die richtige Methode übt, diesen grundsätzlichen Stress irgendwie ein für alle Mal beseitigen könnte. Und das ist natürlich ‘ne Illusion. Das funktioniert nicht: Bei Achtsamkeit geht es auch nicht darum, dass man immer nur glücklich und gesund ist, sondern dass man auch mit den schwierigen Dingen des Lebens besser umzugehen lernt."

Seine Kursteilnehmer sind teilweise schon seit Jahren dabei. Zum Beispiel Virginia, pensionierte Lehrerin für Deutsch und Gesellschaftskunde.

"Achtsamkeitsmeditation ist nicht Wellness. Sondern: Da kann man sehen, was in einem vorgeht, als würde man hinter einem Wasserfall stehen. Man wird nass, man hört das Rauschen, man sieht die Wirbel, aber man ist nicht mittendrin."

Klimaforscher wird Achtsamkeitstrainer

Oder Michael, Klimaforscher, der sich mit dem Gedanken trägt, eine Fortbildung zum Achtsamkeitstrainer zu machen.

"Ich habe für mich gefunden, welche Geschwindigkeit mir passt, ich habe noch nicht den Weg gefunden, wie ich in der Geschwindigkeit auch immer leben kann. Also mir ist das Leben in der Stadt und Beruf oft zu schnell. Ein gutes Beispiel, finde ich, ist hier in Berlin: Allein das ganze Freizeit- und Kulturangebot, das kann einen ja auch stressen. Wenn man ins Veranstaltungsheft schaut und ‚was man heute schon wieder alles machen könnte’, und dann entweder zu drei Terminen gleichzeitig rennt, erst ins Kino, dann ins Konzert, dann auf ‘ne Party, oder sich so unter Druck fühlt, dass man gar nichts mehr macht. Das muss man auch lernen, sich selbst zu disziplinieren."

Oder Celine, freie Journalistin, die kein Smartphone besitzt und zuhause auch keinen Fernseher und keinen Computer.

"Wir werden zu ehrgeizigen Menschen auch erzogen. Wir setzen uns Ziele, und die wollen wir unbedingt erreichen. Und ganz lange Zeit dachte ich, ich bin ein Versager, ich bin ein Verlierer. Wenn ich da nicht mithalten kann, dann bin ich einfach nicht auf der Höhe. Und, ja, das ist ein Prozess, ich glaube, das ist ein langjähriger Prozess zu akzeptieren, dass diese Vorgaben, die von außen kommen, diese Erwartungen, diese Vorstellungen, dass sie mit den eigenen Bedürfnissen oft nicht viel zu tun haben, dass es zwei Dinge sind, die es gilt auch auseinander zu halten. Immer wieder sich zu fragen: Was tut mir gut und was nicht?"

Antwort auf die Beschleunigung?

Ist Achtsamkeit also die längst überfällige Antwort auf die Beschleunigung der Gesellschaft? Ein Befreiungsschlag – raus aus der Welt der verdichteten Informationen? Oder macht sie umgekehrt die Menschen erst recht fit für den Turbokapitalismus? Wenn Weltkonzerne wie Google, Facebook oder eben auch Bayer Meditationen und Yoga toll finden, ist eine gewisse Skepsis angebracht.

"Achtsamkeit hat ganz sicher die Gefahr, ins Private wegzurutschen. Aber Achtsamkeit ist ja sehr viel mehr als Langsamkeit und Selbstbezogenheit."

Bestätigt Thomas Kliche, Professor für Bildungsmanagement an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Der Experte für Politische Psychologie glaubt, die Mehrheit der Menschen will mit Achtsamkeit nichts zu tun haben: ihr oberflächliches Leben ist ihnen genug. Auf der anderen Seite erkennt er jedoch auch eine wachsende Zahl von Menschen, denen bewusst ist, wie vielgestaltig die Welt ist und dass es höchste Zeit ist sich einzumischen.

"Wie viele Menschen werden auf einmal Veganer oder Vegetarier? Das hat ja nicht nur was damit zu tun, dass diese Grünkerndinger so dolle schmecken. Sondern das hat auch etwas mit einer Verantwortlichkeit für Schöpfung zu tun. Also die Bezüge, in denen Menschen ihr Leben und ihre Handlungen planen, die werden langfristiger, weiter und internationaler. Und wir geraten bei den langfristigen Entwicklungen zum ersten Mal vielleicht in der Existenz der Menschheit unter einen Zeitdruck, den wir nicht kannten. Und den wir überhaupt erst in unsere politischen Entwürfe und Bezüge und Handlungsweisen einbauen müssen. Das ist im Grunde die Diskussion mit Trump um das Klima."

Jahrzehntelang galt: Fortschritt ist gleich Wachstum durch Beschleunigung. Heute gilt: schnell leben ist ungesund. Der neue Trend verspricht Entschleunigung durch Nachhaltigkeit und hat auch einen Namen: Slow Business. Seitdem tun sich neue Geschäftsfelder auf: slow design, slow architecture, slow media, slow travel, slow sex, und – quasi der Namensgeber für den Wertewandel: slow food.

"… der mit Trüffelöl, geht nicht, Trüffelöl ist immer synthetisch, …"

Slow food entstand 1989 in Italien, heute zählt die Bewegung etwa 100.000 Mitglieder weltweit. Auch in Berlin gibt es eine Gruppe, sie trifft sich regelmäßig. Die Slow-foodies diskutieren, welche Lebensmittelproduzenten aus der Region zu empfehlen sind oder wie gut das Lokal ist, das sie für ihren Stammtisch neu ausgewählt haben.

"Schöne kleine Karte, offensichtlich alles frisch und handgemacht. Die mit Käse gefüllten Nudeln waren handgemacht, einen kleinen Salat dazu, kein Schischi, gefällt mir vom Ansatz extrem gut. Um auch das zu sagen: Wir sind keine Zertifizierungsorganisation. Wir wollen nicht dogmatisch sein. Ich laufe nicht, bevor ich irgendwo essen gehe, durch die Küche und gucke in alle Töpfe und alle Schränke, ob das okay ist, sondern da verlasse ich mich in Teilen eher auf meinen Geschmack und meinen Gaumen und sage für mich selbst: Das passt oder das passt nicht im Gesamtpaket."

Langsames Essen als Philosophie

Slow Food-Küche für Eilige. (Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch)Slow Food-Küche für Eilige. (Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch)

Lars Jäger ist der Leiter von Slow food Berlin. Die Philosophie der Bewegung ist einfach: die Lebensmittel sollten gut, sauber und fair hergestellt sein. Gut, weil hochwertig, sauber, weil umweltschonend, und fair, weil die Landwirte – wo auch immer in der Welt – gerecht bezahlt werden dafür. Weg von industrieller Massenfertigung, hin zu regionalen Manufakturen. Hauptsache, man kann es sich preislich und zeitlich leisten.

"Also: Selber kochen, diese Fähigkeit sich anzueignen oder zu bewahren, spart enorm viel Geld."

Mit günstigen, aber möglichst hochwertigen Zutaten zu einem schmackhaften, aber wenig zeitaufwändigen Ergebnis zu kommen – das ist für viele der ideale Kompromiss.

"Und unser Thema ist ja heute die schnelle Küche. Das heißt, ich sage oft auch: die Alternative zur Tiefkühlpizza, dass wenn man abends nach Hause kommt, nicht noch stundenlang kochen will. Deshalb ist der Ehrgeiz hierbei, dass wir als Zubereitungszeit nicht länger als 30 Minuten haben."

Anke Meiswinkel betreibt eine kleine Kochschule. Zwölf Gäste sind gekommen, um ein paar Tricks aus der Küche für Eilige kennen zu lernen. Elf Frauen, ein Mann: Rüdiger, um die 50, von Beruf Softwareverkäufer.

"Im Beruf, da bin ich immer schnell, da kann ich wenig zurückschalten, das mache ich beim Kochen. Vorbereiten eines guten Gerichtes, eines mehrgängigen Gerichtes braucht schon eine gewisse Weile. Da kann man gut abschalten, da kann man sich auf die handwerklichen Sachen konzentrieren, und man schaltet den Kopf ab."

"Ich würde es nicht zu dünn schneiden, Rüdiger."

"Lieber dicker?"

In seiner Gruppe bereitet Rüdiger die Hauptspeise vor: Schweinefilet in Heidelbeer-Schmandsoße mit Basmatireis. Slow food ist ihm natürlich ein Begriff: wenn er genügend Zeit hat, hält er sich gern an die Kriterien der Bewegung. Aber es muss auch mal schnell gehen können, und deswegen ist er heute Abend hier.

"Nie extrem sein, nie einseitig sein. ‚Ich bin vegan, ich bin Vegetarier, ich bin nur slow food’: Das ist mir zu radikal. Es gibt so viel im Leben zu erleben, warum soll ich mich auf eine Sache beschränken?"

Wenn es ginge, sagt Anke Meiswinkel, würde sie in ihren Kochkursen ausschließlich fair gehandelte, Umweltschonend hergestellte und qualitativ hochwertige Ware verwenden. Bloß müsste sie dann eine viel höhere Teilnehmergebühr verlangen. Ihr Beitrag zu Slow Food ist ein anderer: die Gäste mit den Lebensmitteln so vertraut zu machen, dass hinterher kaum etwas weg geschmissen werden muss.

"Zum Beispiel wenn ich sehe, es wird eine Vinaigrette zusammengerührt aus den schönsten und teuersten Ölen, und die schmeckt nicht, dann wird das weggekippt und wieder von vorne angefangen. Jeder, der halbwegs kochen kann, kann aus ‘ner verunglückten Sache wieder ‘ne schmackhafte Speise machen."

Was bleibt? Aufklärung ist wichtig – nicht nur im Kochstudio. Sich bewusst werden darüber, wann es schön ist, wenn das Leben rast, und wo hilfreich, wenn es langsam zugeht. Langeweile zulassen auf der Suche nach der richtigen Geschwindigkeit. Wer sich langweilt, schafft Platz für kreative Momente. Sagt Zeitforscher Jonas Geißler. Seine Vorträge zum Thema ‚Ticken wir noch richtig?’ beendet er gern mit einer Tierfabel.

"… diesen Cartoon von diesen zwei Eisbären. Der eine hängt irgendwie so und entspannt. Der andere fragt: ‚Und was machst du heute’? Und er sagt: ‚nix’. Und dann sagt der andere: ‚Ja, aber das hast du doch gestern auch schon gemacht’. Und dann sagt der andere: ‚Ja, aber ich bin halt nicht fertig geworden’."

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