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Kompressor | Beitrag vom 15.04.2016

Langhans' Tieranatomisches Theater in BerlinWo Studenten einst tote Tiere bestaunten

Von Jürgen Stratmann

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Das Tieranatomische Theater der Humboldt-Universität Berlin auf dem Charite-Gelände in Berlin Mitte. Die ehemalige Königliche Tierarzneischule wird heute für Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt.  (picture alliance / dpa)
Das Tieranatomische Theater der Humboldt-Universität Berlin auf dem Charite-Gelände in Berlin Mitte: Die ehemalige Königliche Tierarzneischule wird heute für Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt. (picture alliance / dpa)

Hier wurden den angehenden Ärzten die Kadaver präsentiert. Kein geringerer als der Architekt des Brandenburger Tores, Carl Gotthard Langhans, baute dieses Theater. Früher stand es einmal weit vor den Toren der Stadt Berlin. Denn es roch dort nicht immer so gut. Ein Besuch.

Es hallt wie in einer Kirche, unter der lichten, mächtigen Kuppel des "Tieranatomischen Theaters"

Das heißt, nein, nicht wie in einer Kirche – dazu wirken die archaischen Motive, mit denen die Decke des neo-klassizistischen Prunkbaus bemalt sind, viel zu dämonisch:

Von allen Seiten starren dunkle Augenhöhlen aus skelettierten, gehörnten Rinderschädeln auf die weiß-lackierten Holzbänke, die amphitheater-artig im steilen Rund ansteigend in den hohen Raum gebaut sind.

Derselbe Architekt wie beim Brandenburger Tor

Allerdings kennt man solche bleichen Kuhköpfe heutzutage eher aus sinistren Western-Kulissen, jedenfalls kam mir – beim Anblick jenes Schädel-Kults – gleich diese Melodie in den Kopf.

Aber, Grusel-Western kannte der Erbauer, der Brandenburger-Tor-Architekt Carl Gotthard Langhans, sicher nicht. So Kirsten Weining, die als freie Kuratorin hier die Ausstellung zur Wiedereröffnung 2012 gestaltet hat:

"Als Langhans das gebaut hat, da hat er sich erstens auf den antiken Opferkult bezogen."

Also: Opferkult !!! 

"Zum einen! Zum andern hat er sich natürlich auf die Bedeutung des Hauses bezogen, ganz konkret, weil es für die Tier-Anatomie gebaut worden ist! Es war das Hauptgebäude der neu gegründeten Tierarzneischule."

Also ein Hörsaal für angehende Tierärzte.

"Es stand damals, 1790 - auch nicht so eingesenkt, sondern auf einem Hügel eben, und ganz alleine auf weiter Flur."

Allein auf weiter Flur? - Wussten die Berliner damals, was im einsamen Haus auf dem Hügel vorging? Sie werden er geahnt haben ...

"Weil, ganz am Anfang, hat man die Tiere draußen geschlachtet."

Draußen wurden Pferde und Rinder geschlachtet

Die frisch geschlachteten Tiere - vor allem Pferde und eben Rinder! - wurden dann auf hölzernen Karren ins Untergeschoss des sogenannten "Theaters" verfrachtet, das zwar ebenerdig liegt, aber durch wuchtige Kreuzgewölbe mit kaum Tageslicht-Einfall durch kleine Fenster fast katakombenartig wirkt."

"Wenn Sie sich mal die tiefe Deckenhöhe anschauen und das nachher vergleichen mit den relativ hohen Decken oben! Langhans hat das Gebäude ganz klar hierarchisch gegliedert. Hier wurde, wie gesagt, präpariert."

Heißt: Hier wurden die Kadaver zerschnitten, zersägt, zerhackt. Heute sieht man das den akkurat renovierten Räumen mit den sachlichen Ausstellungsvitrinen nicht mehr an.

Aber man kann sich vorstellen: "Hier unten war´s schon stinkig, oder?"

"Ja, ich glaub', hier unten hat's nicht besonders gut gerochen. Und ich denke, dass es auch ein Lehmboden gewesen ist. Das weiß man nicht mehr ganz genau!"

Kadaver im schicken Hörsaal in Szene gesetzt

Und im Zentrum des niedrigen, runden Raums im Untergeschoss erinnert ein hölzernes Modell an eine Vorrichtung, die einst den Ruhm des Gebäudes mitbegründet hat: ein mächtiger ...

" … Hubtisch. Ich kann das ja mal in Gang setzen. Hoffe, das funktioniert. Heute ist das elektrisch, damals war das mit Muskelkraft. Also: Hier unten war ein Tisch, da wurden die Tierkadaver als Ganzes - oder Teile davon – draufgewuchtet. Und dann wurde dieser Tisch nach oben gedreht. Und oben - kann man sich ja vorstellen - man sitzt in diesem Hörsaal, alles ist total edel und ästhetisch und schön und hell und Licht. Und dann kam dieser Tisch mit diesem Tierkadaver nach oben gefahren, das war schon ein toller Effekt!"

Im oben liegenden Hörsaal ließen sich die altarartig auf drehbarer Platte aufgebahrten Tierkörper dann von allen Plätzen aus ideal betrachten. Nur: Langhans' Theater-effekt-taugliche-Kadaver-Ex-Machina-Mechanik war in der vermutlich gärend feuchten Untergeschoss-Atmosphäre schon nach gut 2o Jahren verrottet - und wurde irgendwann auch nicht mehr ersetzt, weil die Tieranatomie das Gebäude verließ.

"1920 kam dann eine relativ junge Fachdisziplin, das war die Lebensmittelhygiene, und die hat Schweinefleisch auf Trichinen untersucht. Und deswegen hieß das hier bei der Bevölkerung dann: Trichinentempel!"

Vom Opfer- zum Trichinen-Tempel. Aber immerhin, es blieb: ein Tempel!

Und ja: "Es hat schon auch eine besondere Ausstrahlung, dieses Gebäude."

Wie gesagt, heute finden hier nur noch Ausstellungen, Installationen - aber auch: Konzerte statt! - Weil: Es hallt so schön.

Fazit

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