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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.09.2008

Langeweile mit Leonce und Lena

Georg Büchners "Leonce und Lena" am Thalia Theater in Hamburg

Von Elske Brault

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Die Eingangsszene spielt im Hamburger Hauptbahnhof.  (Stock.XCHNG / Jendo Neversil)
Die Eingangsszene spielt im Hamburger Hauptbahnhof. (Stock.XCHNG / Jendo Neversil)

Regisseur Dimiter Goscheff deutet Georg Büchners Satire über den Prinzen Leonce und die Prinzessin Lena um auf das reiche Bürgertum von heute. In seinem Stück im Thalia Theater ist der König ein Manager, sein Sohn Leonce ein übler Despot und Prinzessin Lena erinnert an Britney Spears. Über weite Strecken spüren wir deren Langeweile am eigenen Leib.

Mit der Geschichte des Prinzen Leonce und der Prinzessin Lena, die ihrer Zwangsverheiratung entgehen wollen und sich dann doch ineinander verlieben, verulkte Georg Büchner seinerzeit die absolutistischen Herrscher deutscher Kleinstaaten. Dimiter Gotscheff deutet seine Satire um auf die Elite von heute, das reiche Bürgertum.

Morgenstimmung am Hamburger Hauptbahnhof: Menschen hasten, klassische Musik dringt aus den Lautsprechern. Doch es gelingt ihr nicht wie geplant, die Obdachlosen zu vertreiben: Die liegen hier nämlich dicht an dicht auf der nach oben ansteigenden Bühne, etwa 50 Schlafsäcke, von denen einige sich bewegen. Was bringt die Schlafsackwürmer dazu, sich einzuziehen und auszustrecken, Mensch oder Mechanik? Erst nach einer halben Stunde streckt das erste menschliche Wesen seinen Kopf aus der Verpuppung. Ein dutzend Statisten beleben so das Bühnenbild von Katrin Brack, nein, sie sind das Bühnenbild: Menschenmaterial.

Über dieses Menschenmaterial steigt König Peter von Popo. Büchner hat diese Figur als verplant und schusselig gekennzeichnet: "Wo ist mein Hemd? Wo ist meine Hose?" Doch während andere Regisseure Peter gern als in die Windeln nässenden Greis maskieren, ist der König bei Dimiter Gotscheff ein Manager in gut geschnittenem blauen Anzug. Sein Staatsrat: Ein Chor aus acht in gleiches militärisches Grün gekleideten Männern und Frauen. Was Peter vorspricht, echoen sie nach. Nur hat Peter nicht mehr viel zu sagen. Stress und Überforderung haben ihm einen Parkinson beschert, seine rechte Hand zittert. Der Mann ist ein Wrack. Als er vom Büchner-Text nahtlos in die Ruck-Rede von Roman Herzog übergleitet, zu Moral und Selbstbewusstsein aufruft: "Dann können wir auch wieder Vollbeschäftigung! – ähm, ja", schafft er es für wenige Minuten, die Strahlkraft einer Führergestalt aufzubringen.

Aber der Glanz ist so falsch wie bei Ronald Schill, jenem legendären Hamburger Innensenator, der erst mit dem Versprechen von Ruhe und Ordnung für die Stadt an die Macht kam und dann die Regierungskoalition mit der CDU platzen ließ, weil er Bürgermeister Ole von Beust der Homosexualität "beschuldigte". Der kündigte die Koalition auf, Schill kokst jetzt in Brasilien. Schauspieler Peter Jordan zeichnet wunderbar solch einen an die Regierungsspitze katapultierten Psychopathen: Der arme Irre hat jeden inneren Halt verloren und beschwört desto flammender staatstragende Werte als äußeren Halt.

Was dem Schlafsack-Volk mit Peters Sohn Leonce droht, ist weitaus schlimmer. Ole Lagerpusch als Leonce ist ein depravierter Sadist. Seinen Diener Valerio (Andreas Döhler) zwingt er, Sex zu haben mit Leonces Gespielin Rosetta, und der führt den Befehl so schaudernd-widerwillig aus wie Viggo Mortensen in David Cronenbergs Film "Eastern Promises", während Rosetta schreit und schluchzt. Lagerpusch hat Züge von dem Sohn des Mafiabosses in "Eastern Promises", überhaupt von allen irren Killern, die wir je in Horrorfilmen erleben durften. Er quält auch uns, sein Publikum, indem er seinen ersten Monolog unendlich langsam, Wort für Wort, ausspuckt, um dann scheinheilig zu fragen: "Oh – habe – ich – Sie – aufgehalten?" Und diese fünf Worte dauern eine Minute. Leider ist Lagerpusch damit auch die Schwachstelle des Stücks. Schon nach zehn Minuten gibt es nur noch eine Wahl, was man mit ihm machen könnte: Wegsperren oder erschießen. Aber er quält uns weiter, langweilt uns, und Büchners poetische Aspekte dieser Figur gehen derweil den Bach runter.

Erlösung ist auch von der an Britney Spears erinnernden Prinzessin Lena nicht zu hoffen. So wie die Popprinzessin einer bigotten Gesellschaft schon als Kind einerseits anzügliche Texte singen und andererseits schwören musste, jungfräulich in die Ehe zu gehen, so räkelt sich Lena hier auf der Erde, während ihre Gouvernante ihr aus einem typischen Mädchenbuch vorliest. Eine scheinbar harmlose Geschichte vom Ponyhof: doch weil Kathrin Wichmann als Lena sich in einen Orgasmus hineinsteigert, ist die sexuelle Konnotation des "sich aufbäumenden Hengstes", den die Protagonistin "mit den Schenkeln presst", unüberhörbar.

In Gotscheffs Inszenierung sind übrigens niemals nackte Geschlechtsteile zu sehen. Doch was ihm in den Sexszenen gelingt, etwas im Bild zu zeigen, ohne es tatsächlich zu erzeugen, das glückt ihm leider nicht mit dem Lebensüberdruss von Leonce und Lena. Über weite Strecken spüren wir deren Langeweile am eigenen Leib, statt sie vorgeführt zu bekommen.

Das ist dann alles wieder vergeben und vergessen im grandiosen Schlussbild. Leonce und Lena kriechen noch einmal auf die Bühne, nun zum Paar vereint. Strecken sich wollüstig aus und zitieren feixend jene Sätze aus dem "Hessischen Landboten" über die Ausbeutung des Volkes und die Wertlosigkeit der Herrschenden, für die Georg Büchner steckbrieflich gesucht wurde. Leonce und Lena lachen nur über den revolutionären Text. Denn was auch geschehen mag: Sie bleiben oben, sie haben das Geld.

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