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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 23.07.2010

Kulturwandel des Hörens

Akustik als politischer Raum

Von Eleonore Büning

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Ein südafrikanischer Fußballfan macht Krach mit der Vuvuzela. (AP)
Ein südafrikanischer Fußballfan macht Krach mit der Vuvuzela. (AP)

Da rundherum alles unkontrolliert immer lauter wird, dank all der akustischen Parasiten, der Warteschleifen, Jingles, Audiologos und Klingeltöne, beginnen wir, zu verlernen, das gute Geräusch vom schlechten zu unterscheiden. Das Menschenohr stumpft ab.

Das fünfte Sinnesorgan, das Ohr, hat es heute schwer. Wir können ja bekanntlich unsere Ohren nicht zuklappen, so, wie die Augen. Wir können nicht nur hören, was wir hören wollen. Wir können den unbekömmlichen Krach, der uns umgibt und attackiert, nicht einfach aussortieren und eintauschen gegen bekömmliche Geräusche, so, wie wir zum Beispiel im Supermarkt die schönen gespritzten Schneewittchenäpfel aus Übersee liegen lassen und lieber die schrumpligen Bioäpfel nehmen. Die Welt wird lauter. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Was tun? Wer ist verantwortlich? Die Hauptschuld liegt gar nicht mal beim Verkehr. Motoren zum Beispiel sind sehr viel differenzierter und leiser geworden, als sie es noch im ersten Maschinenzeitalter, zur Zeit unserer Urgroßeltern gewesen waren. Schuld ist eher der Umstand, dass wir, anders als unsere Urgroßeltern, ein Handy haben und einen portablen MP3-Player und einen Laptop, dazu kommen Laubgebläse, Espressomaschinen, Rasenmäher, Ghettoblaster, Vuvuzelas und so weiter, und per "inplugged earphones" trägt jeder seine eigene Lärmkulisse mit sich herum.

Jeder Privatmensch kann heute mit denkbar geringem finanziellen Aufwand seine Umgebung zwangsbeschallen – und er beschallt sich selbst. Fast jeder tut das. Der Komponist Peter Androsch, der für die Kulturhauptstadt Linz 2009 ein Akustisches Manifest entworfen hat und die Stadt, im Auftrag der Stadtväter, in eine "Hörstadt" verwandelte, mit beschallungsfreien Zonen und Ruhe-Inseln, der fand heraus, dass es vor allem die Schwachen und Armen einer Gesellschaft sind, die herumlärmen und hemmungslos verlärmt leben müssen, in vollgestopften, engen Vierteln, in akustisch falsch gebauten Häusern, bei ständig laufendem Fernseher.

Geräuschpolitik ist also nicht nur Städtebaupolitik, nicht nur Umweltpolitik, sondern vor allem auch Sozialpolitik. Nur hat die Politik dieses Feld bisher noch nicht zur Kenntnis genommen. Das liegt sicher auch daran, dass die Auswirkungen akustischer Umweltverschmutzung nicht richtig zu sehen sind. Die Verwüstung findet statt im Inneren der Köpfe. Die Glocke aus Lärm, die über unseren Städten liegt, ist unsichtbar. Stille ist ein Luxusgut geworden. Die Wellness-Industrie und die Tourismusmanager haben, im Unterschied zu den Politikern, längst ihre Konsequenz daraus gezogen: Wer es sich leisten kann, der kann "Inseln paradiesischer Ruhe" buchen oder "Stille pur".

Freilich darf man nicht dem Irrtum aufsitzen, dass grundsätzlich jede Form von Stille gut ist und jede Form von Lärm schlecht. Schalltote Räume machen schwindlig und krank, und das körpererschütternde Glücksgefühl, das ausgelöst wird durch ein Rockkonzert oder auch durch die "Durchbruchssequenzen" der großen Mahler-Symphonien oder den Untergang von Wallhall, ist an sich nicht gesundheitsschädigend, auch wenn es die noch zuträglichen 80 Dezibel gewaltig übersteigt. Es gibt guten Lärm und schlechten Lärm, so, wie es nützliche und schädliche Formen von Stille gibt.

Da aber rundherum alles unkontrolliert immer lauter wird, dank all der akustischen Parasiten, der Warteschleifen, Jingles, Audiologos und Klingeltöne, beginnen wir, zu verlernen, das gute Geräusch vom schlechten zu unterscheiden. Das Menschenohr stumpft ab. Es wird innerlich taub. Und die Musik, die früher noch ein kostbares Ausnahmegeräusch war für kultische Handlungen, Feste und Feiern, geht heute unter im Alltagsgeplärr - Musik ist billig geworden, allgegenwärtig und verfügbar: eine Sorte Lärm.

Das erstaunlich schnelle Altern der elektronischen Musik wie auch der "Musique concrète" geht vermutlich direkt auf diesen Kulturwandel des Hörens zurück - wie umgekehrt das Aufblühen von Meditations- und Ambient-Musiken mit Esoterikfaktor ohne ihn undenkbar wäre. Wer hört wem wirklich noch zu?


Eleonore Büning zählt zu den renommiertesten deutschen Musikkritikern. Geboren 1952 in Frankfurt am Main, aufgewachsen in Bonn, studierte sie in Berlin Musik-, Theater- und Literaturwissenschaften. Nach ihrer Promotion über Beethoven begann sie zunächst für Musikfachzeitschriften, dann für zahlreiche Zeitungen Kritiken zu schreiben, später produzierte sie auch Musiksendungen für den Rundfunk. 1994 ging Eleonore Büning zur Hamburger "ZEIT", seit 1997 ist sie Musikredakteurin der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in Berlin.

Politisches Feuilleton

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