Seit 09:05 Uhr Im Gespräch
 

Donnerstag, 18.01.2018

Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.09.2012

Kreativer Kosmos Klee

Paul-Klee-Ausstellung in Düsseldorf zeigt den Künstler in neuem Licht

Von Ulrike Gondorf

Podcast abonnieren
Rückseite des Bildes "Federpflanze", 1919: Stempel und Etiketten aus aller Welt (picture alliance / dpa)
Rückseite des Bildes "Federpflanze", 1919: Stempel und Etiketten aus aller Welt (picture alliance / dpa)

Die Schau "100 x Paul Klee" im Museum K 21 in Düsseldorf nimmt die Rezeption der Bilder des einstigen Bauhauslehrers in den Blick. Als Botschafter eines neuen demokratischen Deutschland reisten die Werke von Paul Klee in den 60er-Jahren um die Welt - ihr erstes Ziel war Israel.

Man zuckt unwillkürlich zusammen vor dieser Vitrine. Das "Kamel in rhythmischer Baumlandschaft" ist da zu sehen, eine Ikone der Düsseldorfer Sammlung, ein Publikumsliebling in der Galerie. Das Kamel mit seinen dreieckigen Höckern und Ohren spaziert durch eine wie auf Notenlinien über das Bild gepflanzte Landschaft kreisrunder Baumkronen. Aber jetzt wird zum ersten Mal auch das Innenleben des Kunstwerks bloßgelegt.

Man sieht, wie vielschichtig Klee nicht nur die zarte und aquarellhaft durchsichtige Malerei aufgebaut hat, sondern das ganze Bild. Auf eine Schleier-Gazeschicht trug er eine Kreidegrundierung auf, und um einem so fragilen Untergrund Halt zu geben, setzte er das Ganze auf Karton. Der ist auf der Rückseite ebenfalls bemalt mit einer Farbstudie. "Geschichte der Bilder" heißt der Untertitel, den Kuratorin Anette Kruszinski der Ausstellung gegeben hat. Einige von ihnen erzählen sich, wenn man die Bilder aus ihren Rahmen befreit.

"Man ist ganz angerührt von der Zerbrechlichkeit dieser Werke. Sie sehen, wie fein, präzise, detailliert der Künstler mit seinem Material umgegangen ist. Bis in die äußersten Ecken und Ränder hinein hat er sie gestaltet, es fast schade, sie wieder in die Rahmen zu bringen."

Die umfangreichen technischen Untersuchungen im Vorfeld dieser Ausstellung haben einige neue Facetten zum Bild Paul Klees beigetragen. Einen Objektkünstler nennt ihn die Expertin, die ihre Entdeckungen auch ausführlich dokumentiert hat auf Schauwänden.

"Er kennt Collagen von Picasso, er kennt Dada, Schwitters, der Fahrkarten, Zeitungspapier verwendet, und er fängt an zu experimentieren. Er hört nicht auf am Rand. Jedes seiner Werke sind Objekte, die vorder- und rückseitig gestaltet werden, die eigene Rahmen bekommen, man kann von einer Art Objektkünstler reden bei Klee."

Dicke Gipsschichten im Untergrund, die er schabt und ritzt, machen die Gemälde beinah zu Reliefs. Farbige Passepartouts, auf die er seine Zeichnungen aufklebt, definiert er ebenso wie den handschriftlich darauf gesetzten Titel als Teil des Werks. Im K 21 kann man jetzt sehen, was Museumsbesucher sonst nie zu Gesicht bekommen. Und die Ausstellung "Geschichte der Bilder" enthüllt noch viel mehr als diesen Einblick in die Werkstatt des Künstlers.

"Das Interessante ist ja, dass man lernt, wie deutsche Geschichte lebendig wird. Klee war in den 20er-Jahren allgemein akzeptiert, dann durch das Aufkommen der Diktatur unter den Nationalsozialisten verlagerte sich die Rezeption in die Staaten. Und erst dann, als Klee in den 50e- Jahren in Deutschland zu einer anerkannten Figur der Moderne wird, dann kommt die Welle zurück und dann wird in Düsseldorf diese Klee-Sammlung angekauft."

Als einen Akt der Wiedergutmachung bezeichnete der damalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen den Ankauf dieser amerikanischen Privatsammlung, die zum Grundstein der Kunstsammlung und der heutigen Museen K 20 und K 21 geworden ist.

"Der Mythos Klee hat sich entwickelt, weil er verfemt war."

Auf den Rückseiten der Bilder, von denen einige in der Ausstellung zu sehen sind, erzählen Aufkleber von der bewegten Geschichte: die Etiketten deutscher Kunsthändler stehen neben den Inventarnummern amerikanischer Sammlungen und den Stempeln, die die Werke auf ihren vielen Auslandstourneen erhalten haben. Als Botschafter eines neuen demokratischen Deutschland sind sie in den 60er-Jahren um die Welt gereist – ihr erstes Ziel war Israel. Auch die Verbreitung seines Werks in Schulbüchern, Kunstdrucken und Postkarten machte den 1933 aus seinem Düsseldorfer Professorenamt vertriebenen und 1940 in der Schweiz gestorbenen Klee zu einem Protagonisten der Nachkriegskunst.

"Man hat ihn auch missbraucht als das Handzahme, leicht Zugängliche. Die Widerständigkeit sieht man erst, wenn man nah rankommt."

Und dazu ist in Düsseldorf jetzt 101 mal Gelegenheit. Denn nach den interessanten Geschichten, die die Ausstellung zutage gefördert hat, ist es doch das Erlebnis der Bilder, das am nachhaltigsten beeindruckt. "Hat Kopf, Hand, Fuß und Herz" – mit diesem Bildtitel Klees könnte man den kreativen Kosmos, der hier ausgebreitet ist, auch beschreiben. Wer ins Museum K 21 geht, sollte die Augen nicht vergessen. Es lohnt sich.

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Fazit

Mode und Design für blinde MenschenKleidung, die man hören kann
Reiner Delgado (picture alliance/dpa/Foto: Bernd von Jutrczenka)

Das Projekt "Beyond Seeing" befasst sich mit der Frage, wie Kleidung jenseits des Sehsinns wahrgenommen werden kann. Die Ergebnisse werden in einer Ausstellung im WIP Villette in Paris anlässlich der Fashion Week präsentiert. Valentin Mogg, Absolvent der Mode-Hochschule Esmod, war daran beteiligt.Mehr

Aus den FeuilletonsWas Marx als Faselei brandmarkte
Der deutsche Philosoph, Schriftsteller und Politiker Karl Marx in einer Aquatinta-Radierung von Werner Ruhner "Karl Marx in seinem Arbeitszimmer in London". Marx verfasste 1848 zusammen mit Friedrich Engels das "Kommunistische Manifest". Er ist der Begründer des modernen dialektisch-materialistischen Sozialismus, des Marxismus, aus dem heraus sich die Sozialdemokratie und der Kommunismus entwickelt haben. Marx wurde am 5. Main 1818 in Trier geboren und starb am 14. März 1883 in London. (picture alliance / dpa)

Der Niedergang des Wortes "alternativ" beschäftigt die Feuilletons: Warum nur ist das harmlose kleine Wort schon wieder Bestandteil eine "Unwortes des Jahres" geworden? Ebenso werfen die Zeitungen einen Blick auf Karl Marx' Formulierkunst und sein Verhältnis zu den Sozialdemokraten. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur