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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 17.08.2014

KongoSupernasen im Regenwald

Deutsche und Schweizer bilden im afrikanischen Urwald Spürhunde aus

Von Bettina Rühl

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Ein bewaffneter Ranger im Virunga-Nationalpark in der Republik Kongo (picture alliance / Yannick Tylle)
Ein bewaffneter Ranger im Virunga-Nationalpark in der Republik Kongo (picture alliance / Yannick Tylle)

Der Virunga-Nationalpark im Osten des Kongo bietet Waldelefanten und Berggorillas einen der weltweit letzten Rückzugsorte. Doch Wilderer und Milizen im Park bedrohen ihr Überleben. Um mit einer Hundestaffel gegen die Gefahr vorzugehen, bilden deutsche Kripobeamten, Schweizer Kollegen und eine Tierärztin 15 kongolesische Wildhüter aus.

Die dreijährige Hündin Dodi steht geduldig da, während Christian Shamavu ihr Halsband gegen das Geschirr tauscht: Signal dafür, dass jetzt die Arbeit beginnt. Dann versenkt Dodi ihre Nase in dem blauen Gefrierbeutel, den ihr Hundeführer ihr hinhält, und nimmt den Geruch der Plastikflasche auf, die in der Tüte ist. Shamavu gibt dem Tier ein paar Sekunden Zeit.

"Cherche!"

"Go!"

"Cherche", sagt er dann, "such!", und Dodi stürmt los. Shamavu hält Schritt, hinter ihm hasten einige Wildhüter mit halbautomatischen Gewehren durch das Gras. Außerdem der deutsche Polizist Marcel Maierhofer und die Schweizer Tierärztin Marlene Zähner. Die Kongolesen sehen mit ihren grünen Militäruniformen und Barretten aus wie Soldaten.

Die Gruppe eilt durch ein Dorf im Osten des Kongo: Rumangabo, zugleich Hauptquartier der Verwaltung des Virunga-Nationalparks. Das Schutzgebiet ist das älteste in Afrika und vor allem für seine Berggorillas bekannt. Hier leben noch knapp 400 dieser Art.

Obwohl die Menschen hier einen solchen Anblick schon kennen, bleiben sie auch diesmal wieder wie angewurzelt stehen, vor allem die Kinder verstummen fasziniert.

"Manchmal fühle ich mich, als wenn ich in den Fernseher gestolpert wäre, also als wenn ich kurz eingeschlafen wäre und wäre einfach im Fernsehen, in so einem Film."

Von der Wuppertaler Mordkommission in den afrikanischen Urwald

Maierhofer ist im „richtigen Leben" Leiter der Wuppertaler Mordkommission. Er und die Schweizer Tierärztin Marlene Zähner sind Spezialisten für das „Mantrailing", also die Suche nach Menschen mit einem Spürhund. Und genau deshalb sind sie jetzt hier, am Fuß einer Vulkankette, in der Nähe von Savanne und tropischem Bergregenwald: Seit Februar 2011 baut Marlene Zähner die Hundestaffel für den Virunga-Nationalpark auf, ein gutes Dutzend Mal ist sie deshalb schon für Trainingseinheiten aus dem Schweizer Thurgau in den Osten des Kongo gereist. Maierhofer und einige andere nordrhein-westfälische Polizisten kommen ehrenamtlich und als Privatpersonen mit, wann immer sie Zeit haben. Maierhofer, zum vierten Mal dabei, ist bei der Polizei kein Hundeführer, hat aber eigene Bluthunde.

"Meine Frau Ursula und ich haben bei Marlene die Ausbildung gemacht mit unseren Hunden, und sind eben auch Hundeausbilder geworden, und als das Projekt gestartet hat wusste sie, dass wir Afrika mögen und hat gefragt, ob wir mitkommen und helfen. 15 Wir waren relativ früh da, als die Hunde gestartet worden sind, und da haben sich so viele Fragen gestellt, zum Beispiel haben wir überlegt: Wo steigen wir ein? Wo ist der Ausbildungsstand?"

Ein Berggorilla im kongolesischen Urwald (picture alliance / Mika Schmidt)Seltenes Exemplar: Einer der Berggorillas, die in der Republik Kongo leben. (picture alliance / Mika Schmidt)

16 Können wir die mit Kopflampen ausstatten ? Oder ist das zu gefährlich für die, weil die dann gesehen werden oder weil andere das nicht haben, weil Neid aufkommt – was können wir mitbringen? 17 So ganz viele alltägliche Sachen, als wir das dann geplant haben. Denn wir wussten ja gar nicht groß, was auf uns zukommt."

Inzwischen hat sich vieles eingespielt. Auch das Wichtigste ist entstanden: Vertrauen. Die europäischen Ausbilder und die kongolesischen Wildhüter wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können.

Die hellbraune Hündin Dodi läuft immer noch zielstrebig den Weg entlang, vorbei an Bananenstauden und Hütten. Sie achtet auf nichts anderes mehr, als den einen bestimmten Geruch in ihrer Nase.

"Der Bloodhound ist eine ur-ur alte Rasse, die wurde im 7., 8. Jahrhundert schon in den heute belgischen Ardennen gezüchtet, das ist eine Jagdhunderasse auf Hochwild, die schon damals bekannt war für ihre Fähigkeit, sehr alte Fährten zu verfolgen, nicht von einer Fährte auf die andere umzuspringen, und für ihre ungeheure physische und psychische Ausdauer."

Bluthunde sind besonders edel

Ihren Namen haben die Tiere mit den faltigen Gesichtern und den langen Schlappohren nicht, weil sie besonders blutrünstig wären – sondern weil sie so edel und temperamentvoll sind, wie zum Beispiel Vollblutpferde.

"Um diese Arbeit gut zu machen, muss der Hund Qualitäten haben wie Durchhaltevermögen, er muss eine sehr gute Lösungsintelligenz haben, also er muss selbstständig Probleme lösen, weil der Mensch kann ihm dabei nicht behilflich sein, weil wir Menschen einfach nicht den Geruchssinn haben, um irgend etwas wahrzunehmen, und er muss das Ziel im Auge halten. Sie sind sehr hohe Persönlichkeiten. Sehr sensibel, und gleichzeitig diese unglaubliche Energie und Kraft, ihre Arbeit zu machen."

Sieben Hunde gehören zur Staffel: Vier erwachsene Bluthündinnen, ein Welpe und zwei Springer-Spaniel (englische Aussprache), die für die Suche nach Waffen und Elfenbein ausgebildet werden.

Dodi biegt jetzt plötzlich nach rechts auf einen Trampelpfad ab, läuft auf der kleinen Lichtung vor einer Hütte vorbei. Hinter sich immer noch Shamavu, die beiden Ausbilder und die Ranger mit ihren Gewehren – sie dürfen den Anschluss nicht verlieren weil sie lernen sollen, wie sie das Hundeteam in jeder Situation sichern.
Shamavu ist dafür dankbar.

"Wir nehmen diese Fragen sehr, sehr ernst, wenn wir mit den Hunden im Park arbeiten. Die Wilderer sind häufig bewaffnet, vor allem im zentralen Sektor des Schutzgebiets, aber auch hier in der Gegend. Deshalb sind wir immer auf bewaffneten Begleitschutz angewiesen. Unsere Kollegen sichern den Hund samt Hundeführer. Wenn ich mit dem Hund arbeite, nehme ich nichts anderes wahr, ich kann nicht auf Bewaffnete oder so was achten. Ich muss mich ganz auf den Hund konzentrieren. Es ist gut zu wissen, dass meine Freunde hinter mir gehen und sich auf meine Sicherheit und die des Hundes konzentrieren."

Während Marlene Zähner in der Ausbildung sehr auf die Kommunikation zwischen Herr und Hund achtet, beobachtet Maierhofer außerdem, ob die Begleiter der Hundeteams bei der Sicherung alles richtig machen. Als Kriminalbeamter hat er für so etwas ein Auge, und er nimmt diesen Teil des Trainings ausgesprochen ernst:

"Immer wieder werden ja Ranger hier erschossen, und mittlerweile sind das auch Leute wirklich, die ich kennen gelernt habe, und dann ist diese Frage von Leben und Tod plötzlich eine Geschichte, womit du dich auch beschäftigst und auseinander setzt. 65 Und sagst: Jetzt habe ich ja eine Ausbildungsverantwortung dafür. Ich möchte natürlich nicht, dass denen was passiert."

"Der Virunga Nationalpark ist das für Wildhüter gefährlichste Schutzgebiet der Welt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden mehr als 140 Ranger im Dienst ermordet. In keinem anderen Nationalpark sind die Verluste derart hoch. Der Grund: Viele Menschen wollen sich an den Schätzen des Virunga bereichern, schrecken dafür vor nichts zurück. Das Elfenbein der Elefanten zieht Kartelle von Wilderern an. Illegale Köhler verheizen die Bäume, mittellose Dorfbewohner legen trotz aller Verbote Felder im Schutzgebiet an."

"Die natürlichen Reichtümer und deren illegale Ausbeutung gehören zu den wichtigsten Gründen für die Unsicherheit und die bewaffneten Konflikte im Osten des Kongo."

Chronische Gesetzlosigkeit

Der Belgier Emmanuel de Mérode ist Direktor des Virunga-Nationalparks. In der Region wird seit mehr als zwanzig Jahren immer wieder gekämpft. Der kongolesische Staat und seine Armee ringen mit dutzenden bewaffneten Gruppen um die Kontrolle über die Region, können die Bevölkerung praktisch nicht schützen. Die chronische Gesetzlosigkeit nützt den bewaffneten Gruppen, sie können die verbotenen Schätze des Parks so gut wie ungestört ausbeuten. Allein der Verkauf der illegalen Holzkohle aus dem Park bringt nach de Mérodes Angaben jedes Jahr rund 35 Millionen US-Dollar.

Ein Teufelskreis, denn einen Teil ihrer Gewinne re-investieren die Milizen in Waffen und Munition – und bleiben der Armee dadurch überlegen. 2011 hatte Parkdirektor de Mérode die Idee mit der Hundestaffel, um den Teufelskreis der Gewalt im Osten des Kongo zu durchbrechen. Seitdem stehen die Hundeführer gemeinsam mit den übrigen rund 270 Wildhütern innerhalb des Schutzgebietes an der Front. Christian Shamavu ist Leiter der Hundestaffel.

"Wir nehmen die Sicherheit sehr, sehr ernst, das haben uns die zwanzigjährigen Kämpfe gelehrt. Viele unserer Freunde sind dabei schon gestorben. Das waren Ranger, die ihr Leben für ihre Arbeit geopfert haben, für den Schutz der Natur."

Fragen der Sicherheit werden deshalb beim Training in den nächsten zehn Tagen auch diesmal wieder eine wichtige Rolle spielen. Gegen eine neue Bedrohung sind die Parkhüter allerdings machtlos: Neuerdings sucht das britische Erdölunternehmen Soco International im Nationalpark nach Öl. Dagegen protestieren Naturschutzorganisationen und die unesco, die das Schutzgebiet 1979 zum Weltnaturerbe erklärte. Umweltschützer werden eingeschüchtert und bedroht.

"Wir sind extrem beunruhigt. Unsere Aufgabe ist es, die geltenden Gesetze hier im Park durchzusetzen und alle illegalen Aktivitäten zu stoppen. Das gilt auch für alles was Erdöl betrifft, sofern es illegal ist. Das bringt uns in eine ungemein schwierige Position."

Nach massiven Protesten scheint Soco jetzt zurück zu rudern: Das Unternehmen werde nur dann im Virunga-Park Erdöl fördern, wenn die Unesco zustimmt - oder die Grenzen des Nationalparks verändert werden, hieß es vor Kurzem. Im korrupten Kongo hält sich das Unternehmen damit alles offen. 

Dodi eilt den Wildhütern immer noch voraus. Wieder geht es an einer Hütte vorbei, ein Frau kocht etwas auf dem offenen Feuer, ihre kleine Tochter hält jäh im Spielen inne, als die Gruppe an ihr vorbei stürmt. Aber Dodi hat ein Ziel und keine Augen für das Mädchen. Vorbei geht es an einem Rohbau aus Holzplanken, dann hinein – und da ist der Gesuchte.

Überschwänglich wird Dodi gelobt, außerdem bekommt sie eine Leckerei. Aber die ist nur Nebensache, sagt Marlene Zähner, viel wichtiger ist der Hündin das Lob.

"Der Bluthund arbeitet nicht für die Belohnung, der Bluthund arbeitet, weil er es gerne macht, die Jagd liebt, das Spur-Verfolgen, und das Ende ist noch irgendwie das Goodie dazu, und die Freude der Menschen, das ist das, was er sucht."

Der Krieg hat alles wieder zum Einsturz gebracht

Shamavu ist auf Dodi sichtlich stolz. Denn Hunde und Hundeführer konnten in den vergangenen Monaten wegen einer Phase besonders heftiger Gefechte nicht richtig trainieren, aber trotzdem hat Dodi nicht viel verlernt. 2012 und 2013 eskalierten die Kämpfe zwischen der kongolesischen Armee und der M 23- Miliz, ein paar Tage lang wurde das Hauptquartier des Parks Rumangabo sogar regelrecht zum Schlachtfeld.

"Ein Mal im Juli 2012 sind wir in Rumangabo wirklich zwischen die Fronten geraten, und da habe ich Krieg zwei Tage lang sehr, sehr intensiv erlebt."

"Normalerweise wohne ich hier mit meiner Familie zusammen, aber wenn es in der Gegend Gefechte gibt, bitte ich meine Familie darum, dass ich zu den Hunden gehen kann. Ich sage ihnen, dass sie keine Angst zu haben brauchen, aber dass ich mich um die Hunde kümmern muss. Ich muss immer an deren Seite sein. Wenn sie in solch schwierigen Situationen alleine sind, wenn Bomben detonieren und geschossen wird, dann haben sie große Angst und denken, dass sie jetzt sterben. Sie kennen das ja aus ihrer ersten Heimat in Europa nicht. Aber hier ist so was häufig. Und wenn die erste Bombe detoniert, geraten die Hunde in Panik."

Im Kongo weiß fast jeder, wie der Krieg klingt. Christian Shamavu, der heute 38 Jahre alt ist, wuchs damit auf.

"Oft sagt meine Familie: Du gehst aus dem Haus, während hier Bomben detonieren und Kugeln fliegen – hast Du keine Angst um Dich selbst? Ich erkläre ihnen dann, dass ich einen Eid abgelegt habe, bevor ich angefangen habe, als Wildhüter für den Park zu arbeiten. Ich muss nicht nur unsere Hunde schützen, sondern auch die anderen Tiere, zum Beispiel die jungen Berggorillas, die wir hier als Waisenkinder aufziehen. Und die Verwaltungsgebäude und die Lodge für die Touristen. Ich muss dableiben und meine Arbeit tun. Aber ich sage ihnen auch, dass sie keine Angst zu haben brauchen, weil es ja Wachen im Hauptquartier gibt, die für ihre Sicherheit sorgen."

Im Mai 2012 war die Tierärztin Marlene Zähner die einzige weit und breit, die medizinische Kenntnisse hatte.

"Ich habe verletzte, verwundete Dorfbewohner mit behandelt, ich habe mich um die Ranger gekümmert, versucht, die Moral oben zu halten, und wir sind alle unbeschadet raus gekommen. Die Hunde hatten auch kein Problem. Also wir haben dort sicher eine schreckliche Situation erlebt, aber das Hauptquartier und die Leute und der Park hat nicht gelitten. Und wenn man das mal wirklich mit erlebt – die Bomben und die Schreie und die Verletzen und eben weiß, das ist der Ranger, mit dem man vor drei Tagen gesprochen hat, der wurde erschossen - das ist schon sehr dramatisch, und es verändert einfach die Einstellung zum Leben."

"In der Zeit war ich wirklich mutlos. Kurz bevor die M–23 Miliz auf den Plan trat, war unsere Staffel einsatzfähig geworden. Außerdem hatte sich die Sicherheitslage gebessert, es schien aufwärts zu gehen. Und plötzlich fing der nächste Krieg an, und wir mussten alle Missionen wieder einstellen."

Das Gute an Hunden: Sie sind nicht korrumpierbar

Schon unter den besten Umständen dauert die Ausbildung zum "Mantrailing" für den Mensch und das Tier leicht zwei bis drei Jahre. Denn mit einem Bluthund zu arbeiten, ist ungleich komplizierter, als beispielsweise einen Schäferhund zum Gehorsam zu bringen.

"Beim Mantrailing müssen wir die Sprache des Hundes lernen. Also eine Fremdsprache. Bei vielen anderen Hundeübungen ist es so, dass wir dem Hund ja unsere Sprache beibringen. Beim "Sitz" und "Platz" lernt er dann darauf diese Übung, was er tun soll. Und beim Mantrailing müssen wir den Hund interpretieren, wir müssen sehen: Was sagt er uns? Will er noch rechts, oder hat er einen Geruch von links? Und deshalb ist das irgendwie beim Trailen, dass man eine Fremdsprache lernt. 2 Wir verstehen erst nichts, und lernen dann Stück für Stück. Und im günstigsten Fall verstehen wir die Sprache dann so weit, dass wir auch unter Extrembedingungen, im Einsatz, den Hund, die Fährte dann richtig lesen können. Was er uns als Info sagt."

Christian Shamavu und die drei anderen Hundeführer begriffen das erstaunlich schnell. Dabei hatten viele Ranger bis dahin Angst vor Hunden, wie die meisten Menschen im Kongo.

"Ja, aber ich hatte anfangs auch Angst vor Hunden. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie etwas taugen. Die Bluthunde waren mir irgendwie unheimlich. Sie kamen hier mit Marlene an, als es schon dunkel war, da habe ich nicht viel von ihnen erkennen können. Am nächsten Morgen habe ich dann diese langen Ohren und die faltigen Schnauzen gesehen. Ich fand sie völlig unmöglich. In den Dörfern halten viele Leute unsere Bluthunde immer noch für Löwen oder ein anderes wildes Tier. Wirklich, sie fragen uns oft, ob wir Löwen hätten, und wenn wir dann sagen, dass es Hunde sind, behaupten sie, dass wir lügen."

Shamavu und Sivanza sitzen inzwischen auf der Terrasse der Lodge, in der in ruhigen Zeiten Touristen wohnen können. Die Hundeführer und ihre bewaffneten Begleiter machen Mittagspause, die beiden nehmen sich Zeit für ein Gespräch.

"Ich mag die Arbeit mit ihnen, weil man die Tiere nicht korrumpieren kann. Sie sind nicht wie die Menschen."

Shamavu ist der Leiter der Hundestaffel, der zwanzig Jahre jüngere Sivanza sein Stellvertreter. Von der Terrasse aus geht der Blick in dichte Baumkronen, Affen turnen durch die Äste. An einer Stelle stehen die Bäume weniger nahe beieinander und geben den Blick auf die Ebene frei, auf die Savanne am Fuß der Berge. In einer relativ ruhigen Phase in dem Jahr vor dem letzten Krieg kamen etliche Gäste, um die Berggorillas im Regenwald zu sehen, oder den nahen Vulkan Nyiragongo zu besteigen. Im Jahr 2011 erwirtschaftete der Park rund eine Million Dollar, kurz danach begann der nächste Krieg. Die Einnahmen kommen zu einem großen Teil den Menschen in der Nähe des Virunga zugute, nicht zuletzt, um sie für den Schutz des Parks zu gewinnen.

Manche Hunde sind darauf spezialisiert, Elfenbein zu finden

Die Pause ist vorbei, Maierhofer und Zähner stehen vor einem Geländewagen, der neben den Bürogebäuden steht. Sie bereiten eine Übung für die beiden Spaniel vor. Die quirligen Tiere werden nicht als Spürhunde eingesetzt, sondern darauf trainiert, Waffen und Elfenbein zu entdecken.

"Guck mal, hier unter dem Sitz ist so ein bisschen Platz, da kannst Du das am Mittelkanal verstecken."

Marlene Zähner greift den Vorschlag auf, legt ein Stück Elfenbein an die entsprechende Stelle. Außerdem suchen die beiden Ausbilder einen Platz für ein Waffenteil.

"Also die Übungssituation jetzt ist: Wir sind in einer Fahrzeugkontrolle, meinetwegen am Parkeingang, wo die Schranke ist, die Ranger würden das Fahrzeug jetzt kontrollieren. Der Hund unterstützt sie dabei und überprüft routinemäßig, ob irgend etwas in dem Fahrzeug ist, was illegal ist. Hier haben wir jetzt Elfenbein versteckt, und der Hund hat jetzt eben die Aufgabe, das Elfenbein dort aufzufinden. Und das in einer Routinesituation, er weiß nichts – es kann auch sein, dass nichts drin ist."

"Was denkst du, sollen wir da in den Pneu noch das Magazin reinstecken?"

"Elfenbein oder lieber Magazin?"

"Ach, das ist das Magazin? Nimm lieber den kleinen Verschluss, guck mal, den kannst du hier drauftun..."

Maierhofer bückt sich und legt den Verschluss einer Waffe von innen auf die hintere Stoßstange.

"Okay, wir haben jetzt also zwei Sachen versteckt, das hier ist noch ein Waffenteil, das nimmt natürlich auch den Geruch an, weil beim Verfeuern der Munition tritt der Schmauch aus, und der setzt sich einfach überall nieder. Das ist jetzt in der Stoßstange versteckt, und ganz wichtig ist eben, dass sie, wenn sie eins finden, nicht aufhören zu suchen, weil es kann eben wie hier noch ein zweites Teil versteckt sein."

"Fertig?"

"Ja."

"Die Sprache ist ein Hemmschuh"

Marlene erzählt Patrick Buunda, einem der Hundeführer, welche Situation er sich für das Training vorstellen soll: Ein Auto mit Touristen möchte den Park verlassen, die Ranger haben ein komisches Gefühl und wollen das Fahrzeug an der Schranke durchsuchen.
Die Sprache ist ein Hemmschuh: Maierhofer spricht Englisch, aber kein Französisch. Deshalb übersetzt Marlene Zähner für ihn zwischen Deutsch und Französisch.

"Ca va", alles klar, sagt Patrick Buunda und beugt sich zu Bobby, einem weißen Spaniel mit hellbraunen Flecken.

Auch die Spaniel bekommen zum Arbeiten ein Geschirr an. Bobby zieht die flexible Leine durch und stürmt los. Aber der Hund ist nicht so konzentriert wie die Bluthunde, muss wieder und wieder an seinen Auftrag erinnert und ermuntert werden. Patrick Buunda und Marlene Zähner klopfen auf das Auto um Bobby ins Gedächtnis zu rufen, dass dort die Musik spielt.

"Dann findet er den Verschluss der Waffe in der Stoßstange, aber Zähner ermuntert den Ranger, noch nicht aufzuhören." 

Dann entdeckt er auch das Elfenbein im Inneren des Autos und erntet überschwängliches Lob. Patrick Buunda wirft einen Ball – das Spielen ist für die Spaniel ein Anreiz, auch nächstes Mal wieder zu suchen.

"Da ist noch ziemlich vieles nicht ganz gut. Der Hundeführer ist noch nicht so gewöhnt, diese Art Hund zu halten, und der Hundeführer interessiert sich mehr für das Wild und die Affen als für die Belohnung. Der Ball ist ihm eigentlich ziemlich egal."

Erst wird am Referenzgeruch geschnuppert

Am nächsten Morgen sind als erstes wieder die Bluthunde dran.

"Diese vier sind die "Runner", wir werden für alle vier Hundeteams eine Fährte legen. Diejenigen von Euch, die für die Sicherung zuständig sind, kommen erst einmal alle mit uns mit und gucken zu, was wir machen."

Für den englischen Begriff "Runner" gibt es keine gute Übersetzung: Gemeint ist so etwas wie der Flüchtige, also derjenige, den der Hund im Training sucht. Im Ernstfall kann das ein Wilderer sein, ein verletzter Ranger, oder ein vermisster Tourist.

"Die sollen noch einmal ihre Geruchsartikel rausholen, damit wir wissen, wer von wem ist..."

Maierhofer ist inzwischen damit beschäftigt, Gefrierbeutel zu beschriften, in denen die unterschiedlichsten Gegenstände sind, die so genannten Geruchsartikel. Die Hunde sind immer noch in ihrem großen Auslauf – sie werden nacheinander erst geholt, wenn alles für die Übung bereit ist.

"Also als Geruchsartikel haben wir jetzt vorbereitet bekommen: eine Schnur, eine Schnalle, eine leere Plastikflasche, und ich würde sagen einen Spielstein, vom Mühle-Spiel. Ich hoffe, der fehlt nicht heute Abend."

Solche Gegenstände sind beim "mantrailing" ein zentrales Element.

"Die Geruchsartikel sind der Referenzgeruch, das bedeutet: der Ranger, den wir gleich suchen, hat diese Schnur als letztes angefasst, sie in den Plastikbeutel getan, und der Hund bekommt gleich diesen Geruch als Auftrag."

Gleich am Anfang entdeckten die Hunde einen gewilderten Elefant

Maierhofer und Marlene Zähner besprechen, welcher Runner sich für welches Hundeteam wo verstecken soll. Zum Trainieren sind sie wieder in das Dorf Rumangabo gegangen, das unmittelbar an der Parkgrenze liegt. Einer der acht Vulkane in der Region bildet die imposante Kulisse, davor die kleinen Steinhäuser des Dorfes. Hühner laufen über die ungeteerte Dorfstraße, Kinder gucken den Wildhütern neugierig zu, und die Arbeitsgeräusche aus einer Autowerkstatt hallen durch die ansonsten ruhige Gegend.

"Do you speak english?"

"Small."

"Oui oui."

"Hier warten, nicht rumlaufen."

"Not movement!"

"Okay, thank you."

Maierhofer geht mit jedem Runner einzeln los und zeigt ihm, wo er sich verstecken soll. Erst danach kommt die Stunde der Hundeführer und Hunde.

"In Deutschland haben wir mal ein Training gemacht auf einem Kirmesplatz, da ist unser Runner über eine große Kirmes gegangen, während der Veranstaltung, und hat praktisch einen Trail gelegt. Hat sich da vergnügt und ist nach Hause gegangen. Als die Kirmes weg war, tausende von Menschen dort gewesen sind, und die Straßen leer waren, haben wir den Hund angesetzt, und der Hund hat trotzdem diesem einen Menschen gefolgt, bis zu ihm nach Hause. Also er kann alles andere ausklammern, was nicht seine Zielperson ist. Das beschreibt es immer ganz gut damit man sich vorstellen kann, was die Hunde überhaupt zu leisten vermögen. Sie können alte, neue – tausende von Menschen auseinander halten."

Was die Hundestaffel leisten kann, bewies sie im Frühjahr 2012 gleich bei ihren beiden ersten richtigen Einsätzen. Vor allem der zweite war ausgesprochen schwierig. Patrouillierende Ranger hatten einen gewilderten Elefanten entdeckt. Christian Shamavu und Dodi übernahmen den Einsatz.

"Der Kadaver war mindestens schon fünf Tage alt, und die Hündin weigerte sich erst, näher zu gehen. Aber wir haben von Marlene und Marcel gelernt, was man in solchen Situationen machen kann. Schließlich konnten wir mit dem Hund an den Kadaver herangehen. Wir fanden einen Geruchsartikel, die Hülle einer Machete."

"Der Park ist mein Schicksal"

Für Dodi mit ihrer besonders feinen Nase war der Gestank des Kadavers eine Zumutung. Aber sie überwand sich, schnupperte an der Hülle, nahm die Spur auf und führte die Ranger nach sieben Kilometern vor das Lager einer Miliz. Alleine kamen die Ranger nicht weiter, sie holten die Armee zur Verstärkung. Es kam zum Gefecht, die Milizionäre konnten fliehen, aber immerhin mussten sie ihr Camp im Nationalpark aufgeben. Beim ersten Einsatz der Staffel ein paar Tage vorher konnten vier Wilderer verhaftet werden. Wenig später begannen die Kämpfe zwischen der M 23-Miliz und der kongolesischen Armee, die Staffel konnte seitdem noch nicht wieder eingesetzt werden. Aber in kurzer Zeit werden alle wieder so weit sein, glauben Hundeführer und Ausbilder.

Zeit für das Abendessen. Shamavu verteilt das Futter auf sieben Näpfe.

"Die Hunde kriegen heute Abend Reis mit Rindfleisch und Gemüse, darunter Karotten. Gleich mische ich jedem noch Vitamine dazu, die bringt Marlene alle zwei Monate aus der Schweiz mit."

Nach dem Fressen gehen die Hunde in ihre Körbe. Im Frühjahr dieses Jahres zeigt sich wieder einmal, wie gefährlich die Arbeit der Naturschützer ist: Parkdirektor Emmanuel de Mérode überlebt nur knapp ein Attentat. Unbekannte schießen auf den Belgier, als er mit seinem Auto aus der Provinzmetropole Goma in das rund 50 Kilometer entfernte Hauptquartier seines Parks zurückfährt.

Die Ärzte entfernen sechs Kugeln aus der Magengegend und der Brust,danach ist de Mérode außer Lebensgefahr. Nur wenige Wochen später fängt er wieder an zu arbeiten.
Der kompromisslose Naturschützer hat sich viele Feinde gemacht - wer hinter dem Anschlag steckt, ist immer noch unklar. Das Attentat ist für alle im Virunga-Nationalpark ein Schock. Trotzdem wollen die Ranger weiter machen, auch Christian Shamavu.

"Der Park ist mein Schicksal, er ist mein Leben. Ich kann nicht einfach aufgeben, nur weil es mal ein bisschen schwierig wird."

 

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