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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.04.2013

Kompendium der Neuen Musik

Frank Schneider: "Von gestern auf heute", Pfau Verlag, Saarbrücken 2012, 403 Seiten

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Der Buchtitel ist eine Anspielung auf das Melodram "Von heute auf morgen" von Arnold Schönberg (1874-1951). (picture alliance / dpa / Bildarchiv)
Der Buchtitel ist eine Anspielung auf das Melodram "Von heute auf morgen" von Arnold Schönberg (1874-1951). (picture alliance / dpa / Bildarchiv)

Die Sammlung von Essays und Analysen des hochbegabten Kunstkenners Frank Schneider handelt in großem Stil ab, was unter dem Namen "Neue Musik" etwas unscharf umrissen ist. Einige der Aufsätze in "Von gestern auf heute" haben das Zeug zur musikwissenschaftlichen Pflichtlektüre.

Pünktlich zu seinem 70. Geburtstag im September 2012 kam das Buch auf den Tisch. Eine Sammlung von Schriften zur neuen Musik nebst ausführlichem Gespräch am Ende des Bandes mit den Herausgebern Jürgen Otten und Stefan Fricke. Autor Frank Schneider gab seinem Opus nicht zufällig den Titel "Von gestern auf heute", eine Anspielung auf Schönbergs Melodram "Von heute auf morgen".

Denn in diesem Raum- und Zeitsystem figurieren die gewählten Gegenstände und bewegen sein dialektisches Denken. Das Denken eines hochbegabten Kunst – und Musikkenners, der eigentlich Dirigent werden wollte und durch ein Augenleiden sich früh genötigt sah, in die Musikwissenschaft umzusatteln.

Wahrlich ein Glücksfall. Schneider entfaltet in großem Stil ein ganzes Kompendium dessen, was mit dem Namen "neue Musik" nur unscharf umrissen ist. Seine Neugierde führt viel weiter, als bis zur Wiener Schule um Schönberg, der mehrere Aufsätze gewidmet sind, und daran anschließenden Entwicklungen. Stichwort ist auch das Populäre. Da geht es um "Masse als kompositorisches Phänomen" oder um "Avantgarde versus Popularität".

Weiterer Schwerpunkt der Essays und Analysen: Arbeiten bzw. Kompositionsaspekte von Debussy, Busoni, Strawinsky, Richard Strauss, Nono, Ligeti und anderer. Geschichte in der Vertikale rangiert ganz oben. Und zwar durchgängig. "Den Traditionen entgeht nichts und niemand", sagt er. Das, was ist und in die Zukunft führt, impliziere immer Geschichtliches. Wie recht der Autor hat. Und ein Jammer, wie wenig diese Erkenntnis in den, wie es oft scheint, geschichtslosen Kulturen der Jetztwelt beachtet wird.

Was er sicher nicht ungern hört: Schneider ist historischer Materialist, einer der besten seiner Zunft. Geschichtsphilosophisch steht er Marx, Adorno, Bloch, Eisler, Knepler, Dahlhaus nahe. Den drei Letztgenannten widmet er extra Porträts. Ins Gewicht fallen profunde Aufsätze über "Tradition und Moderne" sowie "Komponist und Geschichtsprozess". Sie hätten allemal das Zeug, an den Unis und Hochschulen die Pflichtlektüre zu bereichern.

Ein bisschen – subjektiv verzeihlich – schummelt Frank Schneider auch und verfängt sich in Widersprüchen. Zumal im abschließenden Gespräch mit den Herausgebern. "Im Sozialismus musste alles gerichtet, alles kontrolliert, alles befohlen werden...", nur "restweise Freiheitsideen überlebten". Doch ein Stück weiter steht, bezogen auf die nicht angepassten, aufmüpfigen Neutöner aus Berlin, Leipzig und Dresden: "Es gab jedenfalls keine konforme Kunst." Irritierend gleichfalls die Behauptung, im Rundfunk - Schneider arbeitete sehr häufig für Radio DDR II, produzierte Sendungen, Kritiken zur neuen Musik, nahm an etlichen Musikklub-Diskussionen teil - hätte er eine Zeit lang Sprechverbot gehabt. Das ist schlicht eine Erfindung; oder diese Einbildung geht auf Verbotsfantasien außerhalb des DDR-Rundfunks zurück, die freilich bei der redaktionellen Mannschaft, welche dem Autor alle Freiheiten ließ, nicht durchschlugen.

Letzte Merkwürdigkeit: Zu den Schwerpunkten im Buch gehören Essays über Musik, komponiert von Künstlern, die in der DDR gelebt haben. Sie geben wider, wie sehr Schneider seinerzeit sich für die Gestaltungsfreudigsten, Kritischsten dieser Sparte engagiert hat: Eisler, Dessau, Schenker, Goldmann, Katzer, Dittrich, Bredemeyer, Herchet und andere. Diejenigen, welche von solchen Abhandlungen schon damals angeregt wurden, dürften sie heute sicher gern wieder lesen. Indes: Der Autor gibt diesem hochinteressanten Komplex von Musik der DDR den Namen "Musik aus der DDR". Gewiss soll dies eine von ihm selbst gewünschte Distanz ausdrücken, Abwehr oder Abkehr von der eigenen künstlerischen Herkunft. Allein: "Den Traditionen entgeht nichts und niemand" - so klingt es noch im Ohr. Auch Frank Schneider selbst entgeht ihnen nicht, wie scharf die Messer auch sind, die sie abschneiden wollen.

Besprochen von Stefan Amzoll

Frank Schneider: Von gestern auf heute. Schriften zur neuen Musik
Herausgegeben von Jürgen Otten und Stefan Fricke
Pfau Verlag, Saarbrücken 2012
403 Seiten, 30 Euro

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