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Vollbild | Beitrag vom 13.01.2018

Kinokolumne Top Five - John Carpenter wird 70Unsere Ängste auf der Leinwand

Von Hartwig Tegeler

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Eine Szene aus John Carpenters Science-Fiction-Horrorfilm "Sie leben" von 1988 (imago stock/United Archives)
Eine Szene aus John Carpenters Kultfilm "Sie leben" von 1988. Carpenters zweitbester Film, sagt unser Kritiker. (imago stock/United Archives)

In den 70ern und 80ern revolutionierte er das Science-Fiction- und Horrorkino: Der Regisseur John Carpenter vermengte es mit der Kernigkeit des Western und kommentierte damit auch das Zeitgeschehen. Jetzt wird er 70 Jahre alt - Anlass für eine kleine Rückschau.

Platz 5: DARK STAR (1974)

Lege dich nie mit jemanden an, der Descartes verstanden zu haben meint. "Ich denke, also bin ich," sagt die Bombe, die genauso sanft daher labert wie Supercomputer HAL 9000 bei Kubrick. Und fügt hinzu: "Das Einzige, was existiert, bin ich selbst." Um dann mit den Worten "Es werde Licht!" zu explodieren. Man darf John Carpenters Science-Fiction-Kosmos als prollige B-Movie-Version des gehobenen Mainstream-Kinos sehen.

1974, als DARK STAR herauskam, war das sechs Jahre nach Kubricks 2001: ODYSEE IM WELTRAUM. Das Raumschiff bei Carpenter ist Schrott, die Besatzung besteht aus durchgeknallten Hippies, und als sie durch schlichte Blödheit Bombe 20 zur Explosion treiben, die mit dem Descartes- und Gottes-Komplex, kann Doolittle auf einem Wrackteil durchs All surfen, was er immer wollte, das mit dem Surfen, um schließlich zu verglühen. Der Science-Fiction-Film ist mit DARK STAR bei John Carpenter wieder da angekommen, wo er vor Kubrick war: im herrlichen Schwachsinn.

Platz 4: ASSAULT - ANSCHLAG BEI NACHT (1976)

Weil die Polizei in Los Angeles mehrere Gangmitglieder getötet hat, überfallen ihre Kumpane ein Polizeirevier, das kurz vor Schließung steht. Strom weg. Die Telefonleitung gekappt. Ein paar verteidigen ein Gefängnis gegen eine Übermacht: AUSSAULT - ANSCHLAG BEI NACHT ist John Carpenters düstere, schmutzige, zynische und perfekt inszenierte Verbeugung vor Howard Hawks' Western-Klassiker RIO BRAVO von 1959. Von wegen Sicherheit und Ordnung. 

Platz 3: CHRISTINE (1983)

Na, da hatten sich ja zwei gefunden: Stephen King, der die Romanvorlage schrieb, und John Carpenter. Zwei, die ihre Kritik an der Konsumgesellschaft mit einfachen, nicht sehr komplexen, aber deswegen nicht weniger prägnanten und am Ende verdammt dunklen Bildern auf den Punkt bringen: Kurzum, wir verfallen den Dingen unseres Alltags, die die Herrschaft über uns übernehmen. Der mörderische rote 1958er Plymouth Fury mit Namen "Christine" kann wohl als eines der ersten, analogen selbstfahrenden Autos gesehen werden. Die Botschaft dieser mörderischen Geschichte: Fürchte dich, wenn deine Wünsche wahr werden.

Platz 2: SIE LEBEN (1988)

In Los Angeles herrschen Armut und Arbeitslosigkeit. Die Herrschenden haben sich mit den Außerirdischen von Andromeda verbündet und ihnen erlaubt, sie über ein Fernsehsignal zu versklaven. Nur mit einer Spezialbrille kann man die wahren Botschaften auf den Werbeplakaten erkennen, die da lauten: "Gehorche!", "Konsumiere!", "Sieh fern!", "Schlaf weiter!". SIE LEBEN ist 1988 John Carpenters Kritik an der konservativen Revolution von Ronald Reagan, an einer Welt von Gier, die allein von der Prämisse geleitet ist, Geld und nochmal Geld zu machen. Ein B-Picture, das in seiner Rohheit und Ungeschliffenheit heute aktueller denn je wirkt.

Platz 1: DIE KLAPPERSCHLANGE (1981)

Die Air Force One ist über Manhattan abgestürzt. An Bord: der Präsident. Das Problem: Manhattan ist in dieser Zukunft des Jahres 1997 zum Hochsicherheitsgefängnis geworden. Die Polizei ist draußen, drinnen herrschen Anarchie, Chaos und Gefangenen-Selbstverwaltung. Den Präsidenten da rausholen kann nur einer: Kurt Russel alias Snake Plisken, Ex-Elite-Soldat mit Augenklappe. Der sich mit dem enigmatischen Satz einführt, den man im Original heiser dahin geröhrt hören muss: "Call me Snake!"

Ein cooler, aber auch melancholischer Held. Zukunftsaussichten? Null! Haben wir Chancen, ein würdiges Leben zu führen? Im dystopischen Kino des John Carpenter wohl eher nicht. Und die - wie fast immer vom Meister selbst komponierten - wummernden Synthesizer-Klänge geben den Blues zu unseren Ängsten, die auf der Leinwand ihre Gestalt bekommen.


Der Berliner Filmemacher und Autor Jörg Buttgereit erzählte in der Sendung "Fazit" von seiner frühen Leidenschaft für Carpenters Filme und von einer Begegnung mit dem Regisseur in Los Angeles:

Online-Bonus

Im vergangenen Jahr hat John Carpenter die besten Titelmelodien seiner Karriere neu eingespielt - und im Fall von CHRISTINE dann noch eigens ein Musikvideo dazu inszeniert:

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