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Buchkritik | Beitrag vom 25.04.2017

Kent Haruf: "Unsere Seelen bei Nacht"Die Zerbrechlichkeit des späten Glücks

Von Irene Binal

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Ein älteres Paar umarmt sich am Strand. (imago/Westend61)
Nicht um Sex geht es Addie und Louis bei Kent Haruf, sondern um Wärme und Intimität. (imago/Westend61)

Es ist eine ungewöhnliche und berührende Liebesgeschichte, die Kent Haruf erzählt: Addie und Louis sind beide schon älter, beide verwitwet und nähern sich einander an. Doch das bleibt nicht unentdeckt in ihrer kleinen Stadt.

In seinem letzten, postum veröffentlichten Roman "Unsere Seelen bei Nacht" erzählt der 2014 verstorbene US-Schriftsteller Kent Haruf eine berührende Liebesgeschichte zwischen zwei nicht mehr ganz jungen Menschen.

"Ich wollte fragen, ob du dir vorstellen könntest, hin und wieder zu mir zu kommen und bei mir zu schlafen." Mit diesem Anliegen bringt die 70-jährige Addie ihren Nachbarn Louis zunächst gehörig aus dem Konzept. Addie und Louis sind beide verwitwet, beide allein, für beide sind die einsamen Nächte am schlimmsten. Und so lässt sich Louis auf das kuriose Arrangement ein: Jeden Abend macht er sich auf den Weg zu Addie, um in der Dunkelheit neben ihr zu liegen und zu reden – oder auch um gemeinsam zu schweigen. Nicht um Sex geht es den beiden, sondern um Nähe, um Wärme, um einen intimen Gedankenaustausch.

Die Nachbarn beginnen zu klatschen 

Es ist eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, die Kent Haruf in "Unsere Seelen bei Nacht" erzählt. Im Dunkel der Nacht können Addie und Louis über all das reden, was sie bewegt, über alltägliche Banalitäten ebenso wie über ihre verstorbenen Ehepartner, über Louis' Affäre oder den Tod von Addies Tochter, über ihre Erinnerungen und ihre Träume.

Aber in der fiktiven Kleinstadt Holt, in der Haruf alle seine Romane angesiedelt hat, bleiben Louis' nächtliche Besuche bei Addie nicht unbemerkt: Die Nachbarn beginnen zu klatschen und Addies Sohn Gene, der sich gerade von seiner Frau trennt, vermutet sofort, dass Louis es nur auf Addies Geld abgesehen hat. Nur Jamie, Genes einsamer und von seinen Eltern nicht allzu liebevoll behandelter Sohn, freundet sich mit Louis an, was Gene – einer der wenigen wirklich unsympathischen Charaktere des Romans – allerdings mit allen Mitteln zu verhindern sucht.

Kent Haruf bringt in seinem letzten Roman ein brisantes Thema aufs Tapet: In einer Zeit, in der Jugendlichkeit zur Prämisse erhoben wird und offensichtliches Altern wie ein Makel erscheint, stellt er die Frage nach der Liebe in späten Jahren, und er tut das nicht provokant, sondern behutsam und mit viel Empathie. Seine bestrickend schlichte Prosa bezieht ihre Kraft aus ihrer Einfachheit und verhindert, dass der Text in Rührseligkeit oder Kitsch abgleitet.

Addie wird zunehmend zermürbt

Addie ist keine Frau, die um jeden Preis jung bleiben will, sie möchte nichts weiter, als die ihr noch verbleibenden Jahre in Gesellschaft eines vertrauten Menschen verbringen, und umso befremdlicher wirkt die Reaktion der Gesellschaft, die selbst an Addies und Louis' kleinem Glück Anstoß nimmt. Und obwohl Addie eigentlich wenig auf die Meinung anderer gibt, wird sie nach und nach vom Unverständnis ihrer Umgebung und Genes stetigen Vorwürfen zermürbt.

All dies erzählt Haruf in einer Aneinanderreihung kleiner Beobachtungen und Szenen: eine Mäusefamilie in Louis' Schuppen, ein gemeinsamer Nachmittag mit Jamie und Addies alter Nachbarin Ruth, ein Hund, den Louis für Jamie aus dem Tierheim holt, Ausflüge in die Umgebung und immer wieder Louis’ und Addies Gesprächen in der Nacht. Mit klarem Blick fängt Kent Haruf den Zauber des späten Glücks ein, das so zerbrechlich erscheint und gerade deshalb umso kostbarer ist.

(inh)

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht
Aus dem Amerikanischen von pociao
Diogenes, Zürich 2017
208 Seiten, 20 Euro

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