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Buchkritik | Beitrag vom 23.11.2017

Katharine Norbury: "Die Fischtreppe"Der Weg zum Ich

Von Katharina Döbler

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"Die Fischtreppe. Eine Reise stromaufwärts" (Matthes & Seitz Verlag/picture alliance/dpa/Foto: Jens Kalaene)
Buchcover: "Die Fischtreppe. Eine Reise stromaufwärts" und eine Landschaft in Wales (Matthes & Seitz Verlag/picture alliance/dpa/Foto: Jens Kalaene)

Die englische Autorin Katharine Norbury ist als Adoptivkind bei liebevollen Eltern aufgewachsen. Mit einer Krebsdiagnose beginnt die Suche nach ihren Wurzeln. "Die Fischtreppe" ist ein irritierendes und bezauberndes Buch zugleich, dessen Herzstück die Begegnungen mit der Natur sind.

Sie liest ein Buch, in dem jemand den "Quell am Ende der Welt" sucht. Sie hat ihr ungeborenes Kind verloren und sucht nach etwas, das "die Luft weiter atembar" macht, den "möglichen Stillstand" verhindert. So beschließt sie, einem Fluss von der Mündung bis an die Quelle zu folgen.

Damit beginnen Katharine Norburys Aufzeichnungen von ihren Schicksalsschlägen und ihren Wanderungen, die immer aufwärts führen, durch Moore, Dünenlandschaften und Hügel, zum Ursprung.

Kontakt mit der leiblichen Mutter

Katharine Norbury kennt ihre Eltern nicht, nach der Geburt wurde sie von liebevollen Eltern adoptiert, und lange sieht sie keinen Grund, die eigene Herkunft zu erforschen. Aber nach einer Krebserkrankung ist das anders, nicht nur aus Gründen der Genetik. Der Weg zur Quelle wird nun auch für das eigene Leben wichtig: über Adoptionsregister und Wählerverzeichnisse macht sie ihre leibliche Mutter ausfindig. Die jedoch mit einer kaum glaublichen Härte jeden Kontakt verweigert.

Erinnerung, Selbsterkundung, unmittelbare Erfahrung: Norbury protokolliert in diesem Buch, ihrem ersten, ihr Leben auf eine Weise, die ergreift, ohne ergreifend sein zu wollen. Vieles wird nur indirekt benannt und erwischt die Leser gerade deshalb mit voller Wucht – etwa der Moment, in dem sie ihrer Tochter von ihrer Krankheit berichtet.

Diesem Buch fehlt – das ist vielleicht das Bemerkenswerteste daran – die Hierarchie von Romanen: wie im Leben selbst gibt es darin keine ersichtliche Haupt- und Nebenhandlung. Die Dinge geschehen eben und sortieren sich erst im Fortgang dieses Geschehens, durch Zufälle, durch Entscheidungen, durch das, was danach kommt. Allerdings gibt es eine Hauptfigur, an die die Erzählung gerichtet scheint: Evie, die anfangs zehnjährige Tochter, die ihre Mutter oft bei ihren Wanderungen begleitet. Sie ist der Mensch, für den das Leben unbedingt gelebt werden muss, trotz Krebs, materieller Sorgen und des Verlusts geliebter Menschen.

Begegnungen mit der Natur

Herzstück des Buches aber sind die Begegnungen mit der Natur: die Lebewesen an den Flüssen Schottlands, Englands und Wales’; Gras, Witterung, Boden; die kleinen Mahlzeiten unterwegs, der schutzlose Schlaf im Freien. Und am Ende des Weges, ganz oben am Ursprung eines Wasserlaufs, liegt dann ein heller Teich. Oder ein Schlammloch. Oder eine Quelle, deren Wasser so klar ist, dass man es fast nicht sieht.

Norbury findet tatsächlich Worte für das große und demütig machende Glück, an solchen Orten zu sein – subtile Worte, wir haben es mit einer Britin zu tun. Selbst in Sätzen von betonter Einfachheit gelingt es ihr, Atmosphären zu vermitteln. Und die deutsche Übersetzung von Sigrid Ruschmeier ist dieser Kunst gewachsen.

Es ist ein seltsames und besonderes Buch, das Katharine Norbury aus ihren Lebenskrisen destilliert hat, es irritiert, bezaubert und vereinnahmt seine Leser auf ganz unspektakuläre und anhaltende Weise. 

Katharine Norbury: "Die Fischtreppe. Eine Reise stromaufwärts"
Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier
Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2017
285 Seiten, 20 Euro

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