Seit 13:05 Uhr Musik im Gespräch
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 13:05 Uhr Musik im Gespräch
 
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.08.2014

Kasachstan Mit Kitsch auf Identitätsuche

In der ehemaligen Sowjetrepublik wird zeitgenössische Kunst immer mehr verdrängt

Von Tanja Budde und Edda Schlager

Podcast abonnieren
Eine Kamelskulptur steht in der Nähe des 100 Meter hohen Baiterek-Turms, den die Kasachen respektlos "großer Lutscher" nennen, in der kasachischen Hauptstadt Astana.  (picture alliance / dpa / Foto: Stefan Voss )
Kasachische Volkskunst: Eine Kamelskulptur in der kasachischen Hauptstadt Astana (picture alliance / dpa / Foto: Stefan Voss )

Der international anerkannte Künstler Erbossyn Meldibekov kann in seiner Heimat Kasachstan nicht ausstellen, weil er die sozialen und politischen Zustände dort anprangert. Der wachsende Nationalismus äußere sich in einer Verklärung der nomadischen Vergangenheit, so seine Kritik.

Erbossyn Meldibekov, einer der wenigen international anerkannten Künstler Kasachstans, wird aus dem Kastejew-Museum in Almaty hinauskomplimentiert. Es ist das landesweit renommierteste Museum für zeitgenössische Kunst. Meldibekov hat hier zwar einige Werke ausgestellt, aber dass er Interviews gibt, ist nicht erwünscht. Das lassen ihn gleich drei Museumswärterinnen deutlich spüren. Mit eindeutigen Gesten und verschlossenen Gesichtern weisen sie ihm den Weg hinaus, vorbei an Silberschmuck, Teppichen und verzierten Sätteln.    

"Das ist ein Museum für bildende Kunst, hier sollten Bilder hängen! Früher haben hier Skulpturen gestanden, die haben sie weggenommen. Sie haben ein Museum für Volkskunst daraus gemacht, mit zwei anderen staatlichen Museen in Almaty ist dasselbe passiert, weil Kunst, vor allem zeitgenössische Kunst wohl zu gefährlich ist."

Ein Indiz für den Kulturwandel

Der 50-Jährige Kasache – gedrungen, mit wildem schwarzen Haar und energischen Gesten – nimmt kein Blatt vor den Mund. In London, Hongkong und Berlin wird er gefeiert für seine Installationen, Performances, Video- oder Foto-Kollagen. In ihnen beleuchtet er die chaotische, postsowjetische Entwicklung in seiner Heimat, attestiert Kasachstan, Zentralasien und allen anderen Ex-Sowjetrepubliken einen "Zusammenbruch der Kultur". Zuhause in Kasachstan dagegen kann er kein Atelier mehr mieten, weil er den Kulturminister mit einer ironischen Persiflage verballhornt hat. Dass traditionelle Motive der nomadischen Vergangenheit Kasachstans die moderne Kunst zunehmend verdrängen, ist für ihn ein Indiz für den Kulturwandel.

"Alles wird archaisiert. Wenn man nur ein bisschen frei denken will, ist das für sie gleich ein Problem. Ich hatte ein Atelier, habe gearbeitet, trotzdem haben sie mich rausgeschmissen."

Tatsächlich sucht Kasachstan 23 Jahre nach Beginn seiner Unabhängigkeit noch immer eine eigene Identität. Das neuntgrößte Land der Erde hat Öl, Gas und Uran im Überfluss – aber nur 16 Millionen Einwohner. Durch Stalins Deportationen in den 30er- und 40er-Jahren ist es zum Vielvölkerstaat geworden. Heute leben hier noch immer rund 120 verschiedene Nationalitäten friedlich miteinander.

Der Nationalismus nimmt zu

Die Frage ist nur, wie lange noch. Denn der Nationalismus nimmt zu. So soll die Turksprache Kasachisch irgendwann Russisch als Staatssprache ablösen – obwohl nur wenige es beherrschen. Und auch Traditionen und Symbole, wie zum Beispiel die Jurte, das typische Filzzelt des Nomadenvolks, werden hervorgekramt. Barbara Fränkel-Thonet, Leiterin des Goethe-Instituts Kasachstan, sieht darin aber zunächst nichts Falsches:

"Ich glaube, dass das ein Schritt ist, den man in einem Volk, in einer Nation wahrscheinlich nicht überspringen kann. Das ist vielleicht ein Schritt, der uns aus dem Westen irritiert, weil wir meinen, das hinter uns gelassen zu haben. Aber vielleicht ist es notwendig, weil man versuchen muss zu sehen, wo man eigentlich in der Welt steht."

Doch genau das, sagt der Künstler Erbossyn Meldibekov, gelinge Kasachstan eben nicht. Der totalitäre Staat unter Präsident Nursultan Nasarbajew lasse keine öffentlichen Debatten in der Gesellschaft zu. Und politische Gegner würden ausgeschaltet

"Kasachstan und die kasachische Sprache können nur dann frei sein, wenn eine eigene, tolerante, westlich orientierte Politik betrieben wird. Wenn das nicht geschieht, kann es kein offenes, demokratisches Land sein. Ich denke, dass Kasachstan eine Politik betreibt, die im Interesse von Russland und China ist. Beide Länder üben einen starken Einfluss aus. Deswegen kann Kasachstan keine eigenständige Politik machen."

Als im Ausland erfolgreicher Künstler könnte Erbossyn Meldibekov  das Land verlassen. Doch trotz der staatlichen Repressionen will er in seiner Heimat bleiben. Er findet es hier einfach spannender als im Westen.

Weiterführende Information

Kasachstan - Ein Journalist im Visier des Autokraten (Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 04.08.2014) 

Kasachstan - Angst lähmt die Menschen (Deutschlandradio Kultur, Fazit, 02.08.2014)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDer ewige Dandy
Als gewohnt erfolgreicher Verführer agiert Roger Moore als Agent 007 in einer Szene mit Maud Adams in dem James Bond-Film "Octopussy" (1983).  (picture alliance / dpa / Goldschmidt)

Mit Roger Moore sei "vielleicht der wahre Bond" gestorben, mutmaßt die "TAZ". Die "SZ" trauert um "den ewigen Dandy" und die "Welt" erfindet gar ein neues, wenn auch arg verunglücktes Wort für den britischen Schauspieler: "Gentlemensch".Mehr

weitere Beiträge

Fazit

Ausstellung "How to live together" in Wien"Es geht um Empathie"
Ausschnitt aus dem Bild von Paul Graham, Beyond Caring, 1984/85 (Paul Graham, Courtesy Anthony Reynolds Gallery, London)

Um die Frage, wie wir zusammenleben können, dreht sich eine Ausstellung mit dem sprechenden Titel "How to live together" in der Kunsthalle Wien. Kurator Nicolaus Schafhausen über Gesellschaftsporträts von August Sander und Abbilder der Upperclass von US-Fotografien Tina Barney.Mehr

Zensurvorwürfe in PolenPopfestival wird zum Politikum
Polens bekannteste Sängerin Maryla Rodowicz bei einem Konzert in Danzig im April 2016. (Imago)

Wer etwas auf sich hält in der polnischen Pop- und Rockmusik, der spielt beim Festival in Oppeln. Doch das wird dieses Jahr ausfallen, denn viele Künstler haben abgesagt: Der staatliche Sender TVP habe Bands zensiert, so der Vorwurf.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur