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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.09.2011

Karrierefrau des 17. Jahrhunderts

Eine große Ausstellung in Mailand erinnert an die Malerin Artemisia Gentileschi

Von Thomas Migge

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Ein bekanntes Gemälde von Artemisia Gentileschi ist "Maria Magdalena como Melancolia" (dpa / picture alliance / Sashenka Gutierrez)
Ein bekanntes Gemälde von Artemisia Gentileschi ist "Maria Magdalena como Melancolia" (dpa / picture alliance / Sashenka Gutierrez)

Sie lebte von 1593 bis 1653 und war eine der ersten emanzipierten Frauen in der europäischen Kunstgeschichte: Artemisia Gentileschi. Eine Retrospektive in Mailand stellt ihr ungewöhnliches Leben, aber auch ihre berühmten Gemälde vor.

Emma Dante interpretiert Artemisia Gentileschi. Die unbequeme sizilianische Theatermacherin, auch in Deutschland ein Begriff, schlüpft für den audiovisuellen Teil der Ausstellung in Mailand in die Rolle der nicht weniger unbequemen Malerin. Sie zitiert aus Briefen Artemisias, in denen von ihrer Vergewaltigung durch einen Malerkollegen und dem sich anschließenden Prozess die Rede ist - in dem für die Malerin typisch dramatischen Schreibstil.

Artemisia Gentileschi lebte von 1593 bis 1653 und darf ohne Übertreibung als eine der ersten emanzipierten Frauen in der europäischen Kunstgeschichte bezeichnet werden. Eine Malerin, die von so berühmten Kunden wie Cosimo II. Medici und den Königen von Spanien und England mit Aufträgen überhäuft wurde und mit rebellischen Zeitgenossen wie Galileo Galilei verkehrte. Die römische Kunsthistorikerin Patrizia Craveri:

"Sie besaß die Fähigkeit, sich zum Beispiel in Florenz perfekt in die dortige Kunstszene zu integrieren. Sie ließ sich dort von Ludovico Cigoli und anderen Malern beeinflussen, passte sich ihnen an, dabei aber nie die malerischen Erfahrungen aus den Augen verlierend, die sie in Rom gemacht hatte."

Zur großen Gentileschi-Retrospektive in Mailand wurden nicht nur die bekannten Gemälde der Künstlerin zusammengeliehen, wie "Judith die Holofernes enthauptet", sondern auch Werke aus Privatsammlungen, die bisher nie öffentlich zu sehen waren, sowie Gemälde, bei denen man sich in der Zuschreibung unsicher ist. Doch die Ausstellungsmacher glauben an deren Echtheit, denn die Malerin besaß ihrer Meinung nach die große Fähigkeit, sich dem von ihren Auftraggebern favorisierten Malstil anzupassen. Zum Beispiel in Florenz, sagt Patrizia Craveri:

"Im Florentiner Künstlerambiente studierte sie nach ihrer Ankunft die Kunstszene und war mit ihren Werken, die sich an der Schule von Florenz orientierten, schnell bei Hofe beliebt, wo sie sogar, das weisen bisher unbekannte Dokumente nach, bei Großherzog Cosimo II. unter Vertrag stand."

Eine Frau macht als unabhängige Künstlerin Karriere und ist bei einem Herrschenden fest angestellt. In Neapel richtete sich Artemisia sogar eine eigene Werkstatt ein, mit einer Vielzahl von Mitarbeitern. Für Männer war das damals nichts Ungewöhnliches. Für eine Frau nahezu ein Unding.

Die Ausstellung behandelt auch ihr künstlerisches Verhältnis zu ihrem Vater und Lehrer Orazio. Von ihm lernte sie den damals bevorzugten Hell-Dunkel-Effekt in der Darstellung von Personen und Szenen; ein Effekt, den Caravaggio in die Malerei eingeführt hatte und dem Orazio Gentileschi Zeit seines Lebens treu blieb, ohne sich von anderen Kunstrichtungen beeinflussen zu lassen.

Die Ausstellungskuratoren bezeichnen die Malweise der Tochter im Vergleich zu der des Vaters als "modern". Patrizia Craveri:

"Modern in dem Sinn, dass sie bereit war, neue Einflüsse aufzunehmen, sich zu wandeln. Sie war darin modern, dass sie ihre Herangehensweise an ein Sujet und die Wahl der Farben immer wieder zu ändern bereit war."

Doch von ihrem Vater scheint sie nicht die technische Genauigkeit in der Präparation der Farben übernommen zu haben: Viele Bilder waren in einem schlechten Zustand und mussten für die Ausstellung aufwändig restauriert werden. Jetzt erstrahlen die prächtigen Gewänder auf vielen ihrer Werke wieder in den für die Malerei jener Zeit typischen kräftigen roten, goldgelben, sattgrünen und leuchtendblauen Farbtönen.

Artemisia Gentileschi stellte zwar oftmals üppige Frauenkleider dar, darin sicherlich weiblich, aber ihre Sujets entsprachen dem gängigen Geschmack der Zeit. Auch dann, wenn sie alttestamentarisch heldische Frauen wie Judith und Jaël malte. Die Darstellung starker Frauen, die im Alten Testament Männer töten, in einem soften Sado-Maso-Stil mit spritzendem Blut und wutverzerrtem Gesicht, war damals sehr beliebt. Artemisia malte auch bei diesen Sujets nur das, was Mode war und ihre Auftraggeber glücklich machte - und, so darf man vermuten, auch erotisch stimulierte.

Informationen des Palazzo Reale in Mailand zur Ausstellung

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