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Buchkritik | Beitrag vom 20.05.2017

Karl Ove Knausgard: "Kämpfen" Auf dem Weg zur literarischen Beliebigkeit

Von Ursula März

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Autor Karl Ove Knausgard (picture alliance/dpa/Foto: Bernd von Jutrczenka, Luchterhand Literaturverlag)
Buchcover "Kämpfen" von Karl Ove Knausgard und Portraitfoto des Schriftstellers Karl Ove Knausgard. (picture alliance/dpa/Foto: Bernd von Jutrczenka, Luchterhand Literaturverlag)

Der norwegische Autor Karl Ove Knausgard schreibt seit Jahren an seiner Autobiographie, in der Verwandte und Freunde einen festen Platz haben. In seinem sechsten Band "Kämpfen" ist sein Onkel die Hauptfigur, der sich schon vorab mit Boulevardpresse und der Justiz dagegen gewehrt hat.

Ohne ein paar Superlative lässt sich der Knausgard´sche Romankoloss nicht beschreiben: Knapp 4000 Seiten umfasst die sechsbändige Autobiographie des Norwegers. Dies dürfte das größte Textvolumen sein, das je auf die Darstellung eines Individuums verwendet wurde. Ebenfalls rekordverdächtig ist die minimalistische Methode. So genau, bis in jede kleinste Falte des Seelenlebens und in jede Alltagshandlung hinein hat noch nie ein Autor über sich geschrieben. Die weltweit hingerissene Fangemeinde wiederum lässt sich allenfalls mit der von Harry Potter vergleichen. Ihr gegenüber steht ein Leserhäuflein, das in diesem Opus lediglich maximale Monotonie erkennt. Was auch immer man von dem Projekt hält, ob man es lektüresüchtig verehrt oder für einen ebenso exzessiven wie ermüdenden Egotrip hält: Ein literaturgeschichtliches Phänomen stellt der Knausgardismus ohne Zweifel dar.

Nun erscheint der Abschlussband der sechs Bücher in deutscher Übersetzung. Mit seinen 1200 Seiten überbietet er die vorangegangenen Bände fast um die Hälfte und erhebt allein damit den Kraftakt zum literarischen Prinzip. Er setzt im Jahr 2009 ein, in jenen Augustwochen kurz vor dem Erscheinen der ersten drei Bände in Norwegen. Denn das Kernthema dieses letzten Bandes ist Knausgards Auseinandersetzung mit der privaten und öffentlichen Wirkung seines literarischen Unternehmens, mit dem Skandal, der 2009 in Norwegen über ihn hereinbrach. Die auf radikale Authentizität zielende Autobiographie schont den Autor so wenig wie Familienmitglieder, Freunde, Lehrer, Kollegen und Ehefrauen. Sie werden in den sechs Bänden nicht zu literarischen Figuren gestaltet. Sie sind sie selbst, reale Personen, die das Lesepublikum auf der Straße treffen kann.

Wirklichkeit und Fiktion konsequent eingeebnet

Und eben hieraus ergibt sich der ästhetisch wohl entscheidende Superlativ: Noch nie wurde die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion so konsequent eingeebnet. Auf den 4000 Seiten erfährt die Gattung Roman einen neuen Realismusbegriff – mit folgenreichen Konsequenzen. Eine Zentralfigur des sechsten Bandes ist der Onkel des Autors, der sich schon vor der Veröffentlichung mit Hilfe der Boulevardpresse und der Justiz gegen das Werk und dessen Eindringen in Privatsphären zu wehren suchte. Nicht weniger dramatisch ist die Ehekrise, ausgelöst durch die Lektüre des Manuskripts durch Knausgards Frau Linda, die den Autor überrollt. Er wird zum Zauberlehrling, den die Geister, die er hervorrief, in Angst, Schrecken und jene zerreißenden Selbstzweifel stürzen, die den basso continuo der gesamten Autobiographie bestimmen.

Damit berührt Knausgard einen Nerv der Gegenwartsliteratur, ihren zunehmenden Distanzverlust zwischen Autor und Erzähler. Zugleich ist der sechste Band ein Beispiel für literarischen Formverlust. Sein nicht weniger als 500 Seiten umfassender Mittelteil ragt wie ein Fremdkörper aus dem Gesamttext heraus: ein historiografischer Langessay über Kultur und Politik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, von dem allein 200 Seiten auf den Werdegang Adolf Hitlers entfallen. Vieles liest sich interessant. Nur überschreitet Knausgards literarischer Extremismus hier stärker denn je die Grenze zur literarischen Beliebigkeit.  

Karl Ove Knausgard: "Kämpfen"
Aus dem Norwegischen von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg
Luchterhand Verlag 2017, München
1257 Seiten, 29,00 Euro

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